Ex-"Tatort"-Kommissar

Oliver Mommsen: "Ich spiele gern im Winter Theater"

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Stefan Reckziegel
Ein Mann für viele Fälle und vielschichtige Rollen: Schauspieler und TV-Star Oliver Mommsen (52).

Ein Mann für viele Fälle und vielschichtige Rollen: Schauspieler und TV-Star Oliver Mommsen (52).

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Der Schauspieler hat am Freitag mit einer Ayckbourn-Komödie in Winterhude Premiere. Es geht um körperliche und künstliche Intelligenz.

Hamburg. Er ist mal wieder zu Scherzen aufgelegt. „Aus der Wohnung kriegt ihr mich nicht mehr raus bis zum 13. Februar – egal, was da komme“, sagt Oliver Mommsen mit einem breiten Grinsen in Richtung von Intendant Martin Woelffer und Referentin Nina Tapken. Er deutet aus dem inneren Foyer der Komödie Winterhude gen Nachbargebäude. Kurz zuvor sind im Hamburger Rathaus die neuen 2G-plus-Regeln des Senats für Kultureinrichtungen wie dieses Theater verkündet worden. Doch Oliver Mommsen, dieser smarte Filou und Fernsehliebling, meint es mit seiner Aussage durchaus ernst. Bis Mitte Februar will er hier trotz Corona endlich wieder Theater spielen - nach fast zwei Jahren Bühnenabstinenz.

„Ab jetzt“, das an diesem Freitag in der Komödie Winterhude Hamburg-Premiere erlebt, hat er bereits im Januar und Februar 2020 in Woelffers Regie in Berlin gespielt. Noch zu Vor-Corona-Zeiten also. Im vergangenen Dezember mit seinen besten Freunden bei einem dreiwöchigen Brasilien-Urlaub - bewusst abseits der Metropolen in der Natur am Meer - hat der langjährige „Tatort“-Kommissar nicht nur mit dem neuen Hobby Kitesurfen angefangen, sondern erneut mit dem Textlernen. „Ich bin kein Premieren-Schauspieler“, bekennt er, , „ich komme erst bei der dritten oder vierten Vorstellung so richtig auf Touren.“ Auf der Bühne wolle er Spaß haben, „aber dafür muss ich sehr gut vorbereitet sein.“

Ex-"Tatort"-Kommissar Oliver Mommsen „volljährig an der Plastikwaffe"

Oliver Mommsen ist bei allem Charme einer, der immer wieder Neues wagt. „Unser Beruf ist sehr viel herausfordernder, als man denkt“, sagt er, nun mit Mund--Nasen-Schutz. Nach 18 Jahren beim Bremer „Tatort“ als Ermittler Stedefreund sei er jetzt „volljährig an der Plastikwaffe“. An der Weser durfte er bis 2019 bei den jeweils wochenlangen Drehs seinen „Traumberuf“ immer wieder neu entdecken. Und nicht jeder Schauspieler hatte wie er das Privileg, während und zwischen den Lockdowns der vergangenen 22 Monate derart häufig drehen zu können.

Ob nun fürs Kino auf Amrum den zweiten Teil des Kinderfilm-Erfolges „Mein Lotta-Leben“, anderswo in Norddeutschland wie in Flensburg oder sogar im Ausland: Die Liebeskomödie „Schlaflos in Portugal“ wird dieses Jahr ebenso in der ARD zu sehen sein wie die Filme „Schule am Meer“ und „Zwei unter Millionen“. Letzterer handelt von einem Hamburger Paketboten, der im Lotto gewinnt und sich einen Traber zulegt. Für jenen TV-Film drehte Mommsen auch auf der Bahrenfelder Trabrennbahn.

Oliver Mommsen: „Ich spiele gern im Winter Theater"

So lernte der gebürtige Düsseldorfer und Wahlberliner außer im Schanzenviertel und der ihm liebgewordenen Alster-Gegend rund ums Winterhuder Fährhaus weitere Stadtteile Hamburgs kennen. Sein aufblasbares Stand-up-Board hat der Künstler wie bei seinem letzten Hamburger Theatergastspiel vor exakt drei Jahren im Gepäck Damals überzeugte er in Woelffers Regie als autistischer Professor an der Seite Tanja Wedhorns in „Die Tanzstunde“. „Ich spiele gern im Winter Theater, damit ich dann nicht auf der Straße drehen muss“, flachst er. Noch so ein echter Mommsen.

Wären nicht die auch die in Hamburg angeordneten Theaterschließungen von November 2020 bis Mai vergangenen Jahres dazwischengekommen - Mommsen hätte schon vor einem Jahr „Ab jetzt“ in der Komödie Winterhude gespielt. Nun erstaunt es ihn, wie sich nach den ersten Proben auf der Bühne „wieder alles zusammenfügt“. Auch dank bestimmter Requisiten und Haltungen. „Körperliche Intelligenz“, nennen Schauspieler wie Mommsen das.

Komödie Winterhude: In „Ab jetzt“ geht es um künstliche Intelligenz

Um die viel öfter zitierte künstliche Intelligenz (KI) geht es zu einem Gutteil in „Ab jetzt“. „KI“!? „Dafür ist der Mensch nicht klug genug“, hatten ihm seine Tochter (inzwischen 19) und sein Sohn (24) entgegengebracht, als sie vor mehr als zwei Jahren am Abendbrottisch mit dem „Alten“ Mommsen (52) über die mehr denn je aktuelle Theaterrolle debattierten.

Und jetzt ? Die Science-Fiction-Farce, 1987 vom britischen Erfolgsautor Alan Ayckbourn (82) geschrieben und uraufgeführt, hatte bereits 1989 im Berliner Theater am Kurfürstendamm deutsche Erstaufführung gefeiert. Regie führte der legendäre Peter Zadek, sein damaliger Assistent war der heutige Komödien-Intendant Woelffer.

Mommsen: Als technikbesessener Komponist in einer Krise

Mit ihm und den Schauspielkolleginnen Nicola Ransom und Zoe Moore hätten sie das Stück gegenüber der Berliner Premiere anno 2020 noch mal um einige technische Details entschlackt, erzählt Mommsen. Er spielt einen technikversessenen, zurückgezogen lebenden Komponisten in einer Schaffenskrise; sein einziger Mitbewohner ist ein fehlprogrammierte Babysitter-Roboter. Seine Frau hat ihn mit der gemeinsamen Tochter verlassen. Da beim Kampf ums Sorgerecht mit dem Jugendamt auch eine eigens vom Professor als perfekte Hausfrau engagierte Schauspielerin nichts taugt, programmiert der Hausherr kurzerhand den Haushaltsroboter zur Verlobten um.

„Es ist erstaunlich, was Ayckbourn vor 35 Jahren geschrieben hat und was aus uns geworden ist“, sinniert Mommsen. „Es muss keine Tatsache sein, aber es könnte so sein“, sagt der Schauspieler. Und verweist auf Hologramme, die in Japan für manche bereits Menschen ersetzen oder Haushalts- und Pflegeroboter in anderen teilen der Welt. Er reflektiert über Thema Mensch und Maschine. „Es gibt doch heute viele Menschen in einer langen Beziehung, die widmen sich mehr dem Handy als dem eigenen Partner“, meint er. Umso mehr will Mommsen im Stück mit Regisseur Woelffer um dem Ensemble das Thema „Liebe“ herausarbeiten, verbunden mit möglichst viel Slapstick.

Auch Schauspieler tragen Masken

Aus dem Theatersaal erklingt plötzlich Musik. Das Werk des Komponisten beendet den Durchlauf für die Techniker. Den zweiten Akt muss der Schauspieler an diesem Nachmittag noch proben. Und dass „Ab jetzt“ in Hamburg schon mal 2015 in einer Inszenierung Karin Beiers mit der prämierten Lina Beckmann am Deutschen Schauspielhaus lief, stört Mommsen nicht: „Dann können die Zuschauer ja gern einen Vergleich ziehen oder sich neu überraschen lassen.“

Hauptsache jedoch, sie kommen in diesen schwierigen Zeiten. Bis zum Sonntag noch unter 2G-Regeln, ab nächster Woche dann unter 2G-plus-Bedingungen. Und wie das Publikum im Saal tragen die Schauspieler im Stück Masken – zumindest zeitweise. Erst mal aber verschafft sich Mommsen für eine Pause draußen und in seiner Künstlerwohnung etwas Luft. Hamburg mag er ja – sogar im Winter.

Ab jetzt“ Premiere Fr 7.1., 19.30, bis 13.2., Komödie Winterhude (U Hudtwalckerstraße), Hudtwalckerstr. 13, Karten ab 24,- unter T. 48 06 80 80; www.komoedie-hamburg.de