Heinrich Riethmüller

Der Mann, der die Gemütlichkeit in den Dschungel brachte

| Lesedauer: 4 Minuten
Volker Behrens
Balu und Mogli in der "Dschungelbuch"-Verfilmung. Heinrich Riethmüller schrieb die deutschen Texte zur Musik in dem Disney-Klassiker.

Balu und Mogli in der "Dschungelbuch"-Verfilmung. Heinrich Riethmüller schrieb die deutschen Texte zur Musik in dem Disney-Klassiker.

Foto: United Archives/Impress/Buena Vista/dpa

Metropolis-Kino widmet dem Komponisten und Synchronregisseur Heinrich Riethmüller ein Special. Ein Gespräch mit seinem Sohn über ihn.

Hamburg. Es ist eine Ironie des Schicksals, dass viele Menschen sich an Heinrich Riethmüller vor allem als den musikalischen Leiter der TV-Show „Dalli Dalli“ erinnern, er hatte nämlich noch ganz andere Qualitäten. So schrieb er die deutschen Texte zu der Musik von „Das Dschungelbuch“ und „Aristocats“. Den Filmen und ihrer Musik widmet sich das Metropolis in Hamburg nun mit dem Programm „Von Dalli Dalli bis Disney“. In wenigen Tagen wäre der 2006 gestorbene Riethmüller 100 Jahre alt geworden. Sein Sohn Christian (71) über die Erinnerung an den Vater und dessen Arbeit.

Haben Sie das musikalische Talent von Ihrem Vater geerbt?

Christian Riethmüller: Die Musikalität ist bei mir leider übersprungen worden. Ich war eher mathematisch orientiert, habe Wirtschaftswissenschaften studiert und mathematische Modellrechnungen für Betriebe aufgestellt.

Was für ein Verhältnis hatten Sie zu Ihrem Vater?

Christian Riethmüller: Ein sehr gutes. Heute ärgere ich mich darüber, dass ich mich damals viel zu wenig um sein Werk gekümmert habe. Ich hätte ihn eigentlich bewegen müssen, viel mehr aus all dem zu machen. „Das Dschungelbuch“ liegt immer noch unangefochten auf Platz eins, wenn es um die Zahl der Kinobesucher geht: 27 Millionen.

Neben seiner Musikalität offenbaren seine Texte auch ein sehr feines Sprachgefühl …

Christian Riethmüller: Auf jeden Fall. Aber noch mehr: Schon als kleiner Junge stand ich neben seinem Schreibtisch und habe mich gewundert, wie flink er die Noten auf das Papier brachte. Das, was er komponiert hat, überprüfte er nicht etwa am Klavier. Das hatte er alles schon im Kopf gemacht. Andere Komponisten spielen drei, vier Töne und schreiben sie dann erst mal auf. Mein Vater nicht, er nahm die Seiten, und wir fuhren zum Kopisten, der dann die Einzelstimmen herausschrieb.

Ihr Vater hat viele Klassiker geschrieben. „Probier’s mal mit Gemütlichkeit“ ist vielleicht am bekanntesten, aber Klaus Haven­steins Song über King Louie („Ich wäre gern wie du“) und der Song der Schlange Ka sind doch mindestens genauso gut ...

Christian Riethmüller: Und vergessen Sie die vier Geier nicht! Wenn er Filme synchronisiert hat, habe ich ihn fast gar nicht gesehen, denn dann war er viel nachts unterwegs. Er war sehr genau und selbstkritisch. Er hat übrigens keine Einzelstimmen aufgenommen, wie das heute gemacht wird, sondern ganze Szenen. Wenn dann beispielsweise fünf Synchronsprecher gleichzeitig im Studio waren, haben die sich gegenseitig natürlich hochgeschaukelt.

Disney hat sich im Laufe der Zeit zu einem Konzern entwickelt, der alles bis in die letzte Nuance kontrollieren will. Hatte das auch schon die Arbeit Ihres Vaters beeinflusst?

Christian Riethmüller: Nein, nach dem „Dschungelbuch“ bekam er die Möglichkeit, vollkommen frei zu synchronisieren.

Welche Musik hat Ihr Vater privat gehört?

Christian Riethmüller: Sehr viel Klassik. Zunächst hatte er in Ostberlin gewohnt, aber nach dem Krieg siedelte er in den Westen über. Die Amerikaner hatten zu ihm gesagt: Entweder machst du für uns Musik oder für die da drüben. Dann hat er sich für den RIAS entschieden. Er hat natürlich auch die Beatles, Rolling Stones und Queen gehört. Später hat er sogar eine Rockmesse komponiert, die „Tempelhofer Messe“. Er hat aber auch ein paar seichte Filme und für einen in meinen Augen fürchterlichen Nachkriegsfilm („Kirmes“) die Musik geschrieben. Zum Ende seines Lebens hat er ein Requiem geschrieben, für sich selbst, das bei seiner Totenmesse aufgeführt wurde.

Hat er Sie als Kind ab und zu mal mit ins Kino genommen?

Christian Riethmüller: O ja, das haben wir oft gemeinsam gemacht. Wir waren zum Beispiel mal in einer Weihnachtsvorführung von „Mary Poppins“. „Fantasia“ hat er mir zu einem sehr frühen Zeitpunkt gezeigt.

Sie sind jetzt selbst kein junger Mann mehr. Sind Sie Ihrem Vater durch die Erinnerungsarbeit noch einmal nähergekommen?

Christian Riethmüller: Ich erzähle jetzt häufiger von ihm. Sein bevorstehender 100. Geburtstag hat dazu geführt, dass ich ganz intensiv in seinen Unterlagen gelesen und selektiert habe. Da habe ich jetzt schon lauter kleine Schätze rausgeholt. Ich muss wohl doch noch ein Buch über sein Leben und Werk schreiben.

Heinrich-Riethmüller-Special bis 29.12, Metropolis; metropoliskino.de