Theater-Tipp

„Zuhause bin ich Darling“: Mutter und Tochter auf der Bühne

| Lesedauer: 7 Minuten
Stefan Reckziegel
Judith (l.) und Beatrice Richter spielen in „Zuhause bin ich Darling“ erstmals Tochter und Mutter.

Judith (l.) und Beatrice Richter spielen in „Zuhause bin ich Darling“ erstmals Tochter und Mutter.

Foto: Socrates Tassos / FUNKE Foto Services

Beatrice und Judith Richter feiern Premiere in der Komödie Winterhude. Wie sich die Schauspielerinnen durch die Krise halfen.

Hamburg.  Vor fast genau einem Jahr war Judith Richter auf Durchreise in Hamburg auf dem Weg zur Nordsee. An der Hudtwalckerstraße entdeckte sie ein großes Plakat. Vor der Komödie Winterhuder Fährhaus sah sie sich selbst – und ihre Mutter. Jetzt sitzen Judith und Beatrice Richter im Wintergarten des Restaurants Winterhuder Fährhaus. Es ist Proben- und Mittagspause. Und erneut hängen an der Straße die Plakate mit ihren Konterfeis.

Mit der an vielen Theatern in dieser Saison oft anzutreffenden coronabedingten Verspätung heißt es hier von diesem Freitag an „Zuhause bin ich Darling“. Darling? Wie im wahren Leben spielen die Richter-Damen Mutter und Tochter. Beide geben in der Gesellschaftssatire der britischen Dramatikerin Laura Wade zwar ihr Debüt in Winterhude, Hamburg ist für die Schauspielerinnen, die seit Jahren in Berlin zu Hause sind, jedoch kein Neuland. Und zusammen gespielt haben sie schon zweimal, vor zwei Jahrzehnten in „Boeing, Boeing“ und vor wenigen Jahren in „Hundert Quadratmeter“ bei einer ausgedehnten Tournee.

Judith Richter war in der Krise öfter bei „extra 3“ zu sehen

Auch bei einem längeren Gastspiel wie jetzt an der Alster legen sie Wert auf getrennte Wohnungen. Sie sei „ein Eremit“, habe in der Corona-Krise aber alles an Nachrichten verschlungen, erzählt Beatrice Richter (72). Im Gegensatz dazu habe sie auch mal die Einsamkeit und Ruhe genossen, sagt Tochter Judith (42). Die beiden gebürtigen Münchnerinnen kabbeln bei Tisch schon mal gern. Beatrice trinkt ein „Münchner Hell“ alkoholfrei einer bayerischen Brauerei, Judith nippt an einer Maracuja-Saftschorle. All das macht das Warten auf Roulade und Pannfisch amüsanter und entspannter.

„In der heutigen Zeitrechnung sagt man nicht mehr vor Christus, sondern vor Corona“, fügt Beatrice Richter humorig an. Gewiss, sie ist die Spontanere von beiden, Judith die Introvertierte. Bis auf einen Dreh im Frühsommer 2020 auf Elba habe sie in der Pandemie-Zeit kaum etwas zu tun gehabt, räumt Mutter Richter ein. Und Judith sagt: „,Extra 3‘ war meine Rettung.“ Für die NDR-Satire-Sendung war sie als „Schönheitschirurgin“ Frau Dr. Richter oder als Frau an der Lufthansa-Hotline mit pointierten Dialekten wie Sächsisch oder Bayerisch öfter beim NDR in Lokstedt.

Im komischen Fach als Schauspielerin freigeschwommen hatte sich Judith Richter mit Alexander Schubert alias Albrecht Humboldt (ZDF-„heute show“) vor mehr als einem Jahrzehnt in „Two Funny – Die Sketch Comedy“ (Sat.1.). Ein Zwei-Personen-Format, wie es ihre Mutter Beatrice mit Diether Krebs in der ARD-Erfolgsreihe „Sketchup“ Mitte der 80er-Jahre etabliert hatte. Schon zuvor hatte Richter für ihre Parodien in Rudi Carrells Polit-Comedy „Rudis Tagesshow“ die Goldene Kamera der „Hörzu“ erhalten und neue Maßstäbe in Sachen weiblicher Humor gesetzt.

Auch deshalb scheute Judith Richter, nachdem sie im Schultheater Gefallen am Schauspiel gefunden hatte, lange das komödiantische Fach. „Ich wollte am Anfang nur tragische Rollen spielen“, erzählt sie. Doch bereits damals wirkte sie beim Drama auf manche komisch. Und die Mutter riet ihr – wenn schon, denn schon –, wie sie eine Ausbildung zu machen, in Judiths Fall am Münchner Schauspielstudio. Auch Beatrice Richter hat ihren Beruf von der Pike auf gelernt. Und kaum bekannt: Nach vier Jahren an der Otto-Falckenberg-Schule in München gehörte sie Mitte der 70er zum Ensemble von Intendant Boy Gobert am Thalia Theater, ehe es sie weiterzog zum Schauspielhaus Bochum unter Peter Zadek. Erst dann begann ihre TV-Karriere.

Theater und Fernsehen, es sind zwei grundverschiedene Dinge, das wissen die Richter-Frauen. „Fernsehen ist wie Fußballspielen, dazu braucht du ein großes Orchester“, doziert Beatrice Richter. „Das andere ist der Weitsprung, beim Theater musst du ordentlich senden, um das Publikum zu erreichen.“ Die Bilder sind leicht schief, Tochter Judith stimmt aber grundsätzlich zu. Sie war schließlich selbst mal eine sehr gute Leichtathletin und hat beim Fußball als Rechtsverteidigerin auch internationale Schul-Turniere gespielt. Mutter Richters Leidenschaft für den Profifußball ist während der Pandemie abgekühlt – zu viel Geschäft.

Ein „Monologmonster“, diesen Begriff aus Theresia Walsers Stück „Kleine Zweifel“ lassen beide Richters – liebevoll gemeint – für die Ältere gelten. „Ich habe meine Tochter sehr .frauenfeindlich‘ erzogen“, erzählt Beatrice Richter. Sie weiß: „Es gibt noch etwas Schlimmeres als Männer ...“ - „… Frauen!“, stimmt Judith Richter ein. „Mein Humor ist aber oft anders als ihrer – ich versteh ihn oft nicht“, hadert die Tochter. „Und ihr Humor ist sehr laut.“ Dennoch, die Mutter sei seit zwei Jahrzehnten ihr „bester Coach“, meint Judith Richter. Beatrice Richter gönnt sich kurz mal eine Zigarettenpause vom Tischgespräch.

Und Tochter Judith erwähnt, dass sie bald gleich zweimal auf großer Leinwand zu sehen sein wird. Der Kinofilm „Bibi & Tina – Einfach anders“, den sie mit Regisseur Detlev Buck gedreht hat, soll im Februar in die Kinos kommen, „Die Geschichte der Menschheit – „leicht gekürzt“ (mit ihr und Kollegen des comedypreisgekrönten „Sketch History“-Ensembles) ebenfalls 2022.

Im Stück „Zuhause bin ich Darling“ spielt Judith Richter eine junge Ehefrau, die sich als Fan der 50er-Jahre freiwillig dafür entscheidet, wieder das Heimchen am Herd zu sein. Beatrice hingegen gibt in der Komödie ihre emanzipatorische Hippie-Mutter – einen Monolog hat sie auch. Das Stück, meinen beide, habe etwas Tragikomisches und gar nicht so sehr laute Töne. Es wurde 2019 in London als beste neue Komödie mit dem Laurence Olivier Award ausgezeichnet.

Beatrice Richter ist für die Tochter „Eremit und Unikat“

Die deutschsprachige Erstaufführung haben beide in der Komödie am Kurfürstendamm im Schiller-Theater schon zusammen gespielt, doch das liegt fast zweieinhalb Jahre zurück. Vor Corona. In der Neuinszenierung des Winterhuder Intendanten Martin Woelffer sind die Damen Richter im sechsköpfigen Ensemble die einzigen Konstanten, der Rest des Ensembles ist neu. Und so wartet an diesem Nachmittag noch jede Menge Probenarbeit auf die hauptdarstellende Tochter und ihre Mutter.

Was aber schätzen die beiden beruflich aneinander? „Sie ist nicht nur ein Eremit, sie ist ein Unikat“, sagt Judith. „Was sie auf der Bühne macht, ist schon klasse.“ Beatrice Richter, die meist etwas (Vor-)Lautere, entgegnet: „Ich mag, dass sie so klug ist – und wirklich auf mich hört.“ Beide lachen lauthals. Humor, auch wenn nicht immer deckungsgleich, er ist sicher nicht die schlechteste Verbindung in derlei familiärer Arbeitsbeziehung.

„Zuhause bin ich Darling“ Premiere Fr 5.11., 19.30, bis 13.11. und 28.12.–2.1., Komödie Winterhude (U Hudtwalckerstraße), Hudtwalckerstr. 13, Karten ab 24,-: T. 48 06 80 80; www.komoedie-hamburg.de