Jubiläum

Hamburger Kammeroper: Kleine Besetzung, hohes Niveau

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Marcus Stäbler
Die Hamburger Kammeroper teilt sich im Allee Theater die Räume mit dem Theater für Kinder.

Die Hamburger Kammeroper teilt sich im Allee Theater die Räume mit dem Theater für Kinder.

Foto: Roland Magunia

An der Max-Brauer-Allee wurde vor 25 Jahren ein Traum verwirklicht. Jetzt feierte die Hamburger Kammeroper glücklich ihr Jubiläum.

Hamburg.  „Theater muss man machen“. So lautete das Arbeits- und Lebensmotto von Uwe Deeken, dem 2018 verstorbenen „Daniel Düsentrieb der Hamburger Kultur“. 1968 hatte er das Theater für Kinder gegründet, 1996, zusammen mit seiner Frau Barbara, die Hamburger Kammeroper. Beides unter einem Dach, in den Räumen eines ehemaligen Kinos an der Max-Brauer-Allee.

Dort ist Deekens Credo jetzt verewigt. Auf einer schlichten Schiefertafel zum Gedenken an den umtriebigen Theatermacher – eingeweiht von Barbara Deeken, bei der Feier zum 25. Jubiläum der Kammeroper, deren Entstehung ohne sie gar nicht denkbar gewesen wäre.

Hamburger Kammeroper: Zusatzabenteuer für die Deekens

Es sei nämlich vor allem ihre Schuld gewesen, dass sich das Ehepaar damals in dieses Zusatzabenteuer gestürzt habe, bekennt die charismatische Frau. „Ich habe Uwe dazu überredet“, sagt Barbara Deeken beim Plausch auf der Bühne, ein Gläschen Wein in der Hand. „Für mich war das immer ein Traum, eine Oper zu gründen!“

Weil sie ihren Mann mit der Begeisterung anstecken konnte, hat sie diesen Traum erfüllt – und die Kammeroper nicht nur ins Leben gerufen, sondern als Librettistin, Autorin, Kostümbildnerin und Generalenthusiastin entscheidend geprägt. Dass ihr Baby jetzt erwachsen geworden ist und seinen 25. Geburtstag begeht, mache sie stolz und glücklich, betont Deeken. Aber der Weg dorthin war manchmal steinig, gerade in der Anfangszeit. „Wir hatten schon ein großes Publikum, durch das Kindertheater. Und wir dachten, die Eltern und Großeltern kommen sicher auch in die Kammeroper, weil sie ja gesehen hatten, dass wir gutes Musiktheater machen.“

Zweite Produktion stürzte das Privattheater fast in den Ruin

Aber ganz so einfach lief das nicht. Gleich die zweite Produktion, Offenbachs „Die schöne Helena“, hätte das Privattheater fast in den Ruin getrieben. Doch die Deekens gaben nicht auf – und konnten ihre Kammeroper langfristig etablieren. Mit einer Handschrift, die Petra Weckel, Referatsleiterin in der Kulturbehörde, bei ihrem Grußwort benannte: „Seit 25 Jahren werden hier Operneinsteiger wie Opernkennerinnen und -kenner mit unheimlich liebevollen Inszenierungen für kleine Besetzung auf künstlerisch höchstem Niveau unterhalten.“

Die vergleichsweise begrenzten Mittel eines Theaters mit 203 Plätzen in Kreativität umzumünzen: das ist die große Kunst, die das Team der Kammeroper im Laufe der Zeit immer weiter verfeinert hat. Mit einem musikalischen Leiter, Ettore Prandi, der die Partituren von Komponisten wie Händel, Mozart, Rossini und Verdi feinsinnig für eine kammermusikalische Besetzung verschlankt. Und mit einem Intendanten, Marius Adam, der seit 2017 die Geschicke leitet und frische Impulse einbringt – und zugleich den Geist des Hauses bewahrt. Dazu gehört auch die Tradition, alle Opern behutsam gekürzt und in deutscher Übersetzung singen und spielen zu lassen.

Kammeroper: Oper in einer verständlichen Form

„Wir versuchen, Oper in eine Form zu bringen, die verständlich ist“, fasst Adam diese Idee zusammen. Oft gelingt das mit Inszenierungen, die das Geschehen geschickt modernisieren und mit einer Fülle an Pointen aufbrezeln. So wie in Rossinis „La Cenerentola“ 2019, als Aschenputtel zur „Putze“ in einer abgeranzten Sportsbar wird. Oder im Februar 2016, mit Mozarts Don Giovanni als prolligem Rockertypen, mit Sonnenbrille, Lederkluft und Goldkette.

Damals gab die junge Sopranistin Julia Grüter ein sensationelles Debüt als Donna Anna – eine der Entdeckungen von Marius Adam, der dem Haus schon lange vor seiner Intendanz als Sänger und Castingdirektor verbunden war. Mit dem Engagement von Talenten hat er jungen Kolleginnen und Kollegen die Chance gegeben, kostbare Bühnenerfahrungen zu sammeln, bevor sie an größeren Häusern Karriere machen. Diesen Weg dürfte auch der australische Tenor Paul Sutton gehen, der bei der Jubiläumsgala an der Seite von verdienten Ensemblemitgliedern wie Titus Witt oder Natascha Dwulecki sein schönes Timbre glänzen ließ. Ihn hatte Marius Adam im vergangenen Jahr gecastet. Per Zoom-Konferenz am Bildschirm, versteht sich.

Die Corona-Pandemie war eine Riesenkatastrophe

Ja, die Corona-Pandemie. Natürlich eine Riesenkatastrophe, nicht zuletzt für die Privattheater. Auch das war beim Jubiläum präsent. In der fast ungläubigen Freude von Adam, mit 2G-Regel mehr als 90 Gäste begrüßen zu können. Und im ausdrücklichen Dank des Intendanten an die Kulturbehörde, die „uns das Leben gerettet hat“.

Mit der Entschädigung von ausbleibenden Einnahmen, berechnet nach der sonst üblichen Auslastung. Immerhin 36.000 Menschen haben das Allee Theater – Kindertheater und Kammeroper zusammen – im letzten Jahr vor Corona besucht.

Ein wichtiger Erfolg für das das sympathische Haus. Neben der wertvollen künstlerischen Arbeit trägt auch die Atmosphäre ganz entscheidend zur Anziehungskraft bei. Mit den urigen roten Samtsesseln im Zuschauerraum. Und nicht zuletzt mit den Menschen, die da vor und hinter der Bühne fürs Musiktheater brennen und ihr Publikum mit herzlicher Gastfreundschaft willkommen heißen. Diese Nahbarkeit war beim Jubiläum sehr schön zu spüren – und ist eine wichtige Grundlage für die Zukunft. Mit 25 fängt das Leben ja gerade erst an.