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"Ammonite": Wenn das Licht der Liebe leuchtet

| Lesedauer: 7 Minuten
Peter Zander
Kate Winslet (links) und Saoirse Ronan kommen sich nach anfänglichen Schwierigkeiten immer näher.

Kate Winslet (links) und Saoirse Ronan kommen sich nach anfänglichen Schwierigkeiten immer näher.

Foto: Tobis

Kate Winslet und Saoirse Ronan brillieren im Beziehungs- und Gesellschaftsdrama „Ammonite“. Der Film ist ein kleines feines Fundstück.

Hamburg. Erst mal den Stein genau in Augenschein nehmen, nach Spuren suchen. Dann den Dreck abkratzen. Und mit einem Hämmerchen vorsichtig drauf klopfen, bis der Stein aufbricht. Er könnte einen Ammonit freilegen. Einen jener ausgestorbenen Kopffüßler, dessen spiralförmiges Skelett sich im Gestein erhalten hat. Eine Expertin auf diesem Gebiet ist die Fossiliensammlerin Mary Anning, die im viktorianischen Zeitalter an der rauen, südenglischen Jurassic Coast den Strand nach solchen Steinen absucht.

Kate Winslet spielt diese Frau, die als eine der ersten Paläontologinnen gilt, im Film „Ammonite“. Und sie spielt sie so verhärmt, so von der Härte des Lebens gezeichnet, dass diese Mary Anning selbst wie ein versteinertes Fossil erscheint. Wortkarg ist sie, schroff zu ihrer Umwelt, zu der sie kaum Kontakt hat. Und immerzu schmutzig, weil sie buchstäblich im Dreck wühlt. Verschlammt die Schuhe, verspritzt das Kleid, dreckig auch die Fingernägel ihrer rissigen, zerfurchten Hände.

Ein Angebot, das die Forscherin annehmen muss

Sie ist eine Frau, die ganz offensichtlich viel durchgemacht, viel erduldet hat im Leben. Die aus einfachen, ärmlichen Verhältnissen stammt und nach dem Tod des Vaters allein für sich und die kränkliche Mutter aufkommen muss. Und der aber wegen ihrer Herkunft und wegen ihres Geschlechts die Anerkennung der Wissenschaft verwehrt bleibt. Ein Fund von ihr, ein Ichthyosaurus, ist im British Museum in London ausgestellt, aber nicht etwa unter ihrem Namen. Den Ruhm streicht ein Stifter – ein Mann – ein. Während sie den Großteil ihrer Zeit damit verbringen muss, Fossilien zu finden, um sie an Touristen zu verkaufen.

Eines Tages steht der Geologe Roderick Murchison von der Geographical Society of London in ihrem kleinen Laden. Und bittet sie, ihn in ihre Arbeit am Strand einzuweihen. Auch ihm begegnet sie schroff, er weiß einen wertlosen Kalkstein nicht von einem Ammonit zu unterscheiden, und seine Society kommentiert sie bitter als einen Club von Jungs. Doch die Frau aus der Arbeiterklasse kann es sich schlicht nicht leisten, das angebotene Geld abzulehnen. Und so sagt sie auch widerwillig zu, als Murchison sie bittet, sich um seine Frau zu kümmern, während er auf Forschungsreise nach Europa geht. Er will seine lustige Frau zurück, Charlotte aber ist depressiv. Und da Mary Anning ja auch eine Frau ist, so die plumpe Idee des unsensiblen Herrn, werden sie schon miteinander auskommen.

Fossiliensammlerin mit Klotz am Bein

So hat die Fossiliensammlerin künftig einen Klotz am Bein. Eine Dame aus besseren Kreisen, die sich immer zu fein und ergo falsch anzieht für die Gänge an die nasse, schlammige Küste. Aber dann entwickelt sich nach und nach eine Vertrautheit zwischen den beiden Frauen. Mary fasst eine Zuneigung zu dieser Frau, die so offensichtlich unter ihrer freudlosen, prüden Ehe leidet und darin verstummt ist. Charlotte wiederum gelingt es, die störrische Mary zu öffnen, aus ihrer Versteinerung zu befreien und ihr Herz freizulegen. Bis die Frauen sich innig lieben. Und ihre Leidenschaft hemmungslos ausleben.

Vor vier Jahren hat der britische Schauspieler Francis Lee ein grandioses Regiedebüt mit „God’s Own Country“ gegeben, einem schönen, stillen Liebesdrama über zwei schwule Schafzüchter im ländlichen Yorkshire. Sein zweiter Film „Ammonite“ ist nun wie eine Spiegelung seines Erstlings. Ein lesbisches Gegenstück, das nicht mehr in der Gegenwart, sondern in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts spielt. Aber wieder geht es um eine einsame Seele an einem abgelegenen Ort, deren Welt und Gefühle durch das Eindringen einer fremden Person durcheinandergewirbelt werden.

Ein Drama in der kargen, schroffen Natur

Und wieder spielt sich dieses Drama in einer kargen, schroffen, abweisenden Natur ab. Erzählt wird das in großartigen, eindringlichen Landschaftsbildern, die manchmal wie Gemälde wirken. Vor allem aber mit ganz wenigen Dialogen. Das meiste spielt sich hier in Blicken und Gesten ab. Und wird auch nicht auserzählt. Selten genug im Kino, wird dem Zuschauer hier durchaus zugetraut, Andeutungen selber zu deuten.

Lees erster Film war 2017 ein Überraschungserfolg, der auf vielen Festivals lief und zahlreiche internationale Preise gewann. Gemma Jones, die damals die Mutter der Schafzüchters spielte, ist nun wieder als Mary Annings Mutter dabei. Und das ist nicht ohne Reiz, weil Jones vor einem Vierteljahrhundert in „Sinn und Sinnlichkeit“ auch schon die Mutter von Kate Winslet verkörpert hat. Winslet aber wirkt hier noch schroffer und verschlossener als Josh O’Connor in „God’s Own Country“. „Ammonite“ wird ganz von der Präsenz der 46 Jahre alten Schauspielerin getragen, die einmal mehr brilliert. Und zwischen ihr und der 19 Jahre jüngeren Saoirse Ronan entsteht eine intensive Chemie.

Dieser Film ist ein kleines feines Fundstück

Gedreht wurde in jenem Örtchen Lyme Regis, in dem Mary Anning gelebt hat. Und doch ist der Film kein Biopic. Er basiert nur lose auf dem Leben der Forscherin. Vor allem geht es dem Regisseur um die Versteinerung der Gefühle. Obwohl sich Lee ganz kammerspielartig auf die Beziehung beschränkt – und auf die Gefühle, die die Frauen sich lange nicht eingestehen können –, erzählt er doch sehr viel über die prüde viktorianische Zeit, in der der Film spielt.

Über die antiquierten Rollenkorsette, in die man die Frauen damals zwängte, und auch über die Standes- und Klassenunterschiede, die immerzu spürbar sind. Und doch wird das alles dann mutig durchbrochen. Endet aber auch nicht, wie so oft in historischen Filmen mit gleichgeschlechtlicher Thematik, in einer Tragödie. Nein, über eine Stunde lang spielt Kate Winslet ihre Figur praktisch mit zusammengepressten Lippen. Aber dann wird ihr ein erstes Lachen entlockt. Und die Sonne geht auf. Da reißen Mauern ein, die dann nicht mehr hochgezogen werden können.

Das alles wird ganz sachte und doch psychologisch präzise erzählt. Der Film ist ganz wie sein titelgebendes Objekt selbst so ein kleines, feines Fundstück, das man erst mal aus der Masse der derzeitigen Filmflut herausfischen muss, das dem Betrachter dann aber seine ganze kostbare Schönheit offenbart.

„Ammonite“ 118 Minuten, ab 12 Jahren, läuft im Studio-Kino, Zeise