Staatsbesuch bei Schmidts

Als Loki den Geheimdienst hinderte, im Müll zu schnüffeln

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Holger True
Loki und Helmut Schmidt (Archivfoto)

Loki und Helmut Schmidt (Archivfoto)

Foto: Andreas Laible

Autor Reiner Lehberger ist Experte für Helmut und Loki Schmidt. Nun hat er ein neues Buch zu dem berühmten Paar veröffentlicht.

Hamburg. Reiner Lehberger, Professor i. R. für Erziehungswissenschaften an der Universität Hamburg, ist ein Experte für Helmut und Loki Schmidt und hat unter anderem die Bücher „Auf einen Kaffee mit Loki Schmidt“ (2010) und „Die Schmidts. Ein Jahrhundertpaar“ (2018) veröffentlicht. Jetzt hat er sich mit der Bedeutung der Musik für Helmut Schmidt beschäftigt.

Helmut Schmidt: Affinität zu Klavier und Orgel

Hamburger Abendblatt: Herr Lehberger, Sie haben schon zahlreiche Bücher über Helmut und Loki Schmidt geschrieben, wie sind Sie jetzt auf das Thema Musik gekommen?

Reiner Lehberger: Ich habe Helmut Schmidt zwei-, dreimal Klavier spielen hören, wusste von seiner Affinität zu Klavier und Orgel. Aber wie wichtig die Musik für sein Leben war, das habe ich erst durch die Arbeit an diesem Buch begriffen. Für die Recherche habe ich 20 Archive genutzt, private und staatliche, und 40 Interviews geführt. Darunter waren viele mit ihm bekannte Musiker. Für mich war es spannend, an Helmut Schmidt eine neue Dimension und bislang unbekannte biografische Details aufdecken und damit seine Persönlichkeit umfassender würdigen zu können.

Schmidt nahm während Krieg Orgelunterricht

Sie haben Ihrem Buch ein Schmidt-Zitat vorangestellt: „Ohne Musik wäre mein Leben wahrscheinlich ganz anders verlaufen.“ Was meinte Helmut Schmidt damit?

Lehberger: Leider habe ich diesen Satz erst nach seinem Tod gelesen, konnte ihn also nicht mehr direkt danach fragen. Ich glaube, für ihn war die Ausbildung seiner künstlerischen Seite sehr wichtig, und ich will das an zwei Beispielen illustrieren. Während des Krieges nahm er Orgelunterricht und mietete sich gleich zweimal ein Klavier. Wer so etwas in dieser Extremsituation macht, der braucht das ganz offensichtlich, um einen Ausgleich zu schaffen. Von großer Bedeutung ist die Musik auch in seinen Kanzlerjahren, als er verschiedenen Krisen gegenübersteht, vor allem dem Terror der RAF. Da gab das eigene Musizieren ihm erneut Kraft und Halt. Seine Sicherheitsbeamten, die mit den Schmidts im Kanzlerbungalow gewohnt haben, wussten zu berichten, dass er sich fast jeden Abend, wenn er nach Hause kam, an den Flügel setzte. Manchmal hat er allerdings auch mit Loki abends noch Schach oder Tischtennis gespielt. Wenn man so will, war die Musik für ihn Balsam für die Seele und eine lebenslange Bereicherung.

„Mein Lieblingskomponist bleibt Bach"

Ganz besonders hat er die Klaviermusik von Johann Sebastian Bach geliebt. Passte die mit ihrer geradezu mathematischen Struktur besonders gut zu seiner Persönlichkeit?

Lehberger: Ich glaube, ja. Die Beziehung zu seiner Persönlichkeit ist deutlich, und er hat ja auch selbst geschrieben: „Mein Lieblingskomponist bleibt Bach. Der Klarheit und Logik seiner Werke, die vor allem in den Fugen zum Ausdruck kommt, fühle ich mich am stärksten verbunden.“ Übrigens wurde auch bei der von ihm selbst vorgeplanten Trauerfeier im Michel viel Bach gespielt; das war bewegend.

Schmidt liebte Kunst und Musik

Schmidt galt als Macher, als kühler Krisenbewältiger. Große Gefühle verband man nicht unbedingt mit ihm. Wurde seine Liebe zur Musik auch strategisch benutzt, um der Öffentlichkeit eine andere Seite des Kanzlers zu zeigen?

Lehberger: Es gibt einen einzigen Hinweis darauf, ein eher dünnes Schriftstück eines Referenten von Schmidt aus der frühen Kanzlerzeit, der vorschlug, man könne seine Nähe zu den Künsten für die öffentliche Darstellung des Kanzlers ausnutzen, solle es aber nicht übertreiben. Das sah Schmidt ebenfalls so. Im Kanzleramt ließ er Werke der klassischen Moderne hängen und veranstaltete 14 sogenannte Hauskonzerte mit professionellen Musikerinnen und Musikern, jeweils zwei pro Jahr, und darüber wurden auch die Medien unterrichtet. Aber: Diese Konzerte waren nicht vorrangig Teil einer Imagestrategie. Schmidt liebte die Kunst und die Musik wirklich und wollte sich dort, wo er arbeitete, mit ihr umgeben. Auch denke ich an ein Foto, auf dem Helmut Schmidt vor dem Maestro Leonard Bernstein buchstäblich niederkniet. Und über Karajans Tod schreibt er, die Nachricht sei für ihn gewesen wie sein eigener Herztod. Das sagt doch alles.

Loki Schmidt verbot Analyse von Spritze

Als Leonid Breschnew 1978 zu Besuch in Langenhorn war, spielte Schmidt Bach-Choräle auf seiner Heimorgel. Der sowjetische Staatschef erlitt einen Schwächeanfall ...

Lehberger: Das hatte eher mit Breschnews angeschlagener Gesundheit und eventuell auch ein wenig mit seinem Alkoholgenuss zu tun, aber nichts mit der Musik. Sein Leibarzt setzte ihm auf der Gästetoi­lette der Schmidts eine Spritze und entsorgte diese dort im Abfalleimer. Der deutsche Geheimdienst hätte sie gern analysiert, doch Loki Schmidt ließ das nicht zu.

Schmidts ordneten ihren Nachlass systematisch

Die Schmidts hatten ja auch eine große Schallplattensammlung, die an die Hochschule für Musik und Theater übergeben wurde …

Lehberger: Die Schmidts haben sehr systematisch ihren Nachlass geordnet, von manchen Dingen sich auch getrennt, so auch von ihrer großen Plattensammlung. Den Umfang der Sammlung hatte HfMT-Präsident Elmar Lampson unterschätzt und musste gleich zweimal mit dem Auto im Neubergerweg anreisen, um die etwa 1000 Platten für die Hochschule abzuholen. Sie sollten wohl den Studierenden zugänglich gemacht werden. Inzwischen sind sie aber zurück im Schmidt-Haus in Langenhorn.

Taubheit bedeutete für Schmidt großen Verlust

Im Alter ließ Helmut Schmidts Hörvermögen zunehmend nach, am Ende war er fast taub, nahm Musik nur noch als Geräusch, als Lärm wahr. Was hat das für ihn bedeutet?

Lehberger: Dass er die Musik nicht mehr hören konnte, war für ihn ein großer Verlust und hat ihn traurig gemacht; dennoch hat er sich weiter an seinen Flügel gesetzt und gespielt, so gut es halt ging. Das Klavierspiel hat ihn also tatsächlich bis zum Ende seines Lebens begleitet, er hat es wohl gebraucht. Ich habe ihn in dieser Zeit spielen hören – und es klang tatsächlich immer gut.