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Antje Pfundtner: „Man muss immer wieder neu gerettet werden“

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Annette Stiekele
Hamburger Choreographin Antje Pfundtner.

Hamburger Choreographin Antje Pfundtner.

Foto: Marcelo Hernandez /

Die Hamburger Tänzerin und Choreografin befindet sich gern „in Gesellschaft“ und begeht nun ihr 20-jähriges Bühnenjubiläum.

Hamburg. Die Hamburger Choreographin Antje Pfundtner begeht ihr 20-jähriges Bühnenjubiläum. Sie kann auf erfolgreiche Jahre zurückblicken, denn sie gilt – gemessen an den Bedingungen in der Freien Szene – als gut geförderte Künstlerin, kann zahlreiche Einladungen zur Bestenschau im Tanz, der Tanzplattform, außerdem Faust- und Tabori-Preis vorweisen. Ein Gespräch über künstlerische Wege, eine Feier und die Zukunft.

Hamburger Abendblatt: Wie blickt man auf 20 Jahre Bühne zurück? Was fühlt man da, Stolz, vielleicht aber auch Angst vor den kommenden 20?

Antje Pfundtner: Es ist ziemlich überwältigend. Und leider können wir nicht alle Stücke, alle Komplizinnen, alle Namen unterbringen. Dennoch möchten wir – Antje Pfundtner in Gesellschaft – diese 20 Jahre, wenn auch in eingeschränkter Form, feiern, weil wir es einfach zeitlich markieren möchten. Außerdem öffnet so ein Jubiläum ja auch inhaltliche Felder. Und bietet nicht nur Gelegenheit zum Rückblick, sondern fragt auch nach dem „wie weiter“!?

Sie laden auf Kampnagel zu einer ‚Gala’. Ist das ein ‚Best Of’ oder etwas Eigenständiges?

Pfundtner: Es ist etwas Eigenständiges und kein Festival, dafür ist die Struktur auch nicht gegeben. Dennoch möchte ich auch anderen Begleitern die Bühne geben.

Sie inszenieren seit vielen Jahren ‚in Gesellschaft’ – warum?

Pfundtner: Ich hatte auch in den Arbeiten anderer Choreographen solistische Momente, wobei sie mir gespiegelt haben, dass die Materialien, die ich liefere, nicht so gut in der Gruppe einsetzbar seien. Nachdem einem Choreographen die Förderung geplatzt ist, stand ich da und dachte, gut, dann mache ich etwas Eigenes. Da ich keinen festen Wohnsitz hatte, weil ich an vielen unterschiedlichen Orten gearbeitet habe, war das gar nicht so leicht, einen Antrag zu stellen, an einem Ort, wo mich niemand kannte. Dann traf ich Trinidad Martinez, die eine Gruppe hatte und mich ermutigte unter ihrem Namen einen Antrag zu stellen. Dieses Angebot inspirierte mich früh zu den Teilungsfragen, die wir heute stellen.

Sie haben 2012 die erste Konzeptionsförderung erhalten, dann eine Anschlussförderung und inzwischen eine bundesweite Tanzpakt-Förderung. Hat sich die Lage für Ihre Kunst verbessert?

Pfundtner: Wenn man jahrelang abliefert, weiterarbeitet, weiterforscht, neues produziert, denkt man, dass der Moment hoffentlich kommt, an dem die Institutionen sagen, wir erleichtern Euch mal die Arbeitsstrukturen. Das bleibt ein Problem. Man muss immer wieder neu gerettet werden. Jetzt haben wir die Tanzpakt-Förderung, und obwohl das eine umfangreiche Förderung ist, reicht es immer noch nicht aus, um all die Menschen, die in dieser Struktur arbeiten, kontinuierlich zu zahlen und zusätzlich noch die Projekte zu verwirklichen.

Ihre Spezialität sind Soloarbeiten. Dabei hat man wie zuletzt in „Sitzen ist eine gute Idee“ (2019) immer das Gefühl, dass sich da etwas besonders konzentriert.

Pfundtner: Alle paar Jahre habe ich das Bedürfnis, ein Solo zu zeigen, verspüre den Wunsch der eigenen Bündelung. Dazwischen verfolgen wir größere Kooperationen. Auch in den Solos arbeite ich natürlich mit einem großen Team. „Sitzen ist eine gute Idee“ hat zuletzt unsere groß angelegte Recherche und Trilogie auch noch mal solistisch gebündelt. Da ging es sicher auch geprägt durch den Tod meines Bruders 2016 um Ende, Melancholie und mein Aufstehen versus ‚Sitzen‘ als mein persönliches Versprechen, in Bewegung zu bleiben.

Sprache spielt in den meisten Ihrer
Arbeiten eine große Rolle. Auch das ist
ungewöhnlich im Tanz. Welche Bedeutung hat Sprache für Sie?

Pfundtner: Ich wurde mit unseren Arbeiten auch zum Monologfestival, also einem Theaterfestival und zu Puppentheaterfestivals eingeladen. Dennoch ist der Tanz mein Humus. Die Texte, der Umgang mit Objekten, die Musikalität, das kommt alles aus dem Tanz heraus. Texte, Sprachspiele, Litaneien. Sie entstehen beim Sprechen. Sprache existiert in der Resonanz von Tanz und umgekehrt.

Was sind die Pläne für die nächsten 20
Jahre?

Pfundtner: Diese strukturellen Fragen beschäftigen mich und uns sehr. Und ich erlebe persönlich auch Werteverschiebungen, die mit dem Älterwerden zu tun haben. Aber natürlich bleiben wir an unseren Themen dran. Und teilen die Frage „Wie geht es weiter?“ mit uns und dem Tanz gerne mit anderen.

Antje Pfundtner in Gesellschaft: 20-jähriges Jubiläum: Reden wir über Geld! 29.10., 19.30, „Gala“ 30.10., 19.00, Kampnagel, Jarrestraße 20-24, Karten unter T. 27 09 49 49; www.kampnagel.de