Oscar-Preisträger

Dank merkwürdigem Hobby: So wurde Lord Puttnam Filmproduzent

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Volker Behrens
Burt Lancaster, David Puttnam, Fulton McKay am Set vom „Local Hero“

Burt Lancaster, David Puttnam, Fulton McKay am Set vom „Local Hero“

Foto: picture alliance / Everett Collection

Der britische Filmproduzent hat Kinogeschichte geschrieben. Heute sitzt Lord David Puttnam im Britischen Oberhaus. Wie es dazu kam.

Hamburg. Als 1982 die Oscars vergeben wurden, gewann der britische Film „Die Stunde des Siegers“ („Chariots Of Fire“), die Preise in den Kategorien bester Film, bestes Original-Drehbuch, beste Musik und beste Kostüme. Es war eine Sternstunde für das von solchen Auszeichnungen nicht gerade heimgesuchte britische Kino. Produziert hatte das Sportdrama David Puttnam, der auch in den folgenden Jahren mit Filmen wie „Local Hero“, „Cal“ oder „The Killing Fields“ Erfolge feiern konnte.

„The British Are Coming“ titelte damals halb ehrfürchtig das Branchenblatt „Variety“. Man sprach auch vom „New British Cinema“. Puttnam ging in die USA und wurde vorübergehend Chef des großen Filmstudios Columbia. Heute sitzt der 80-Jährige als Lord Puttnam im Britischen Oberhaus. Das Metropolis startet Donnerstag eine kleine Reihe mit Filmen, die er produziert hat.

Vor einigen Wochen hat die englische Fußball-Nationalmannschaft ihr EM-Finale gegen Italien verloren hat? Sind Sie sehr enttäuscht?

Lord David Puttnam: Überhaupt nicht. Ich war so beschämt, als die Zuschauer die Italiener beim Abspielen der Nationalhymne ausgebuht haben. Danach wollte ich nicht mehr, dass die Engländer gewinnen. Ich bin ein Anti-Nationalist. Wenn aus Patriotismus Nationalismus wird, macht mir das Angst.

Ist Fußball denn überhaupt Ihr Sport, oder waren Sie eher ein Cricket-Mann?

Lord David Puttnam: Tennis war mein Ding. Ich wollte Profi werden und habe es auch einmal bis nach Wimbledon geschafft. Da wurde ich dann aber von einem Jugendlichen vom Platz geschossen, der zwei Jahre jünger war als ich. Das war es für mich.

Hat Sie diese Niederlage ins Filmgeschäft getrieben?

Lord David Puttnam: Nein. Ich habe damals in dem Teil von Nord-London gelebt, in dem die Filmstudios standen und bin mit meinem Fahrrad von einem zum anderen Studio gefahren, um mir die Filmstars anzusehen. Merkwürdiges Hobby, aber so war es. Ich war zwar ein leidenschaftlicher Kinogänger, hatte aber nur ganz wenig Geld. Niemand hat von mir als Schüler viel erwartet. Nach der Schule habe ich kurz für einen Verlag als Bote gearbeitet. Dann war ich dort in der Anzeigenabteilung und habe den Wechsel von der Print-Werbung zur Fernseh-Werbung erfolgreich mitgestaltet. Warum sind die nur 30 Sekunden lang, habe ich gefragt. Wir können doch bestimmt auch eine Minute. Ich wurde dann Abteilungsleiter und hatte mehrere brillante Leute unter mir, die meine Ambitionen teilten.

Wie wichtig ist Film Ihnen heute noch?

Lord David Puttnam: Ich unterrichte seit elf Jahren. Wegen meiner Studierenden muss ich auf der Höhe der Zeit bleiben. Was geschieht im Bereich der Technik, wie ändern sich die Vertriebswege? Als eine Kultur ist mir Film immer noch sehr wichtig. Ich habe eine sehr große Filmbibliothek, gebe Seminare und lade dazu auch immer Gäste aus der Praxis ein. Vor Kurzem erst kam Paul Greengrass. Ich muss in jedem Jahr eine Art filmischer Regierungserklärung vor den Verleihern halten, in der ich die aktuelle Lage analysiere. Ich bin mit den aktuellen Daten ganz gut vertraut.

Was ist Ihnen beim Unterrichten wichtig?

Lord David Puttnam: Mein Verhältnis zu den Studierenden, die meisten von ihnen streben einen Master-Abschluss an. Ich bin mit allen von ihnen über einen Riesen-Bildschirm verbunden und komme mir dabei vor wie der Dirigent eines Orchesters. Thematisch ist es mir besonders wichtig zu betonen, dass es in Filmen um Identität geht. Mit wem geht man auf eine Reise? Bist du das? Die Antwort auf diese Fragen macht den Unterschied zwischen erfolgreichem und erfolglosem Kino aus.

Auf welche der von Ihnen produzierten
Filme sind Sie besonders stolz?

Lord David Puttnam: Mein Lieblingsfilm ist „Local Hero“. Meine professionelle Lieblingsarbeit ist „The Killing Fields“. Den konnte ich damals nur unter ganz schwierigen Bedingungen auf die Beine stellen.

In welchem Zustand befindet sich die britische Filmindustrie heute?

Lord David Puttnam: Was die Produktionen angeht, ist sie in einer guten Form, wir sind ganz gut mit Covid umgegangen und damit besser als fast jede andere Industrie im Vereinigten Königreich. Aber wir haben mehr Kapital und technische Einrichtungen als Talente. Das entwickelt sich zu einer Krise der Fertigkeiten. Völlig unklar ist noch, was aus den Streaming-Plattformen wird. Ich glaube, wir brauchen mehr Investitionen aus dem Rest von Europa.

Wie passt das zum Brexit?

Lord David Puttnam: Nicht so gut, ich weiß.

Es passierte nicht oft, dass britische Produzenten Chefs bei großen US-Studios geworden sind, so wie Sie bei Columbia. Wie erinnern Sie sich an diese Zeit?

Lord David Puttnam: Es war ziemlich fürchterlich, das lag wohl an meiner eigenen Naivität. Sie werden wohl nie wieder einen Nicht-Amerikaner in so eine Position hieven. Ich habe den Job gehasst, nur meine Hybris hat mich dort ein paar Monate gehalten. Ich war dafür überhaupt nicht geeignet und kann mich an keinen glücklichen Tag dort erinnern.

Sie kämpfen aber nicht nur für den Film, sondern auch für die Demokratie ...

Lord David Puttnam: Ich bin jetzt seit 25 Jahren im House of Lords und war Vorsitzender eines Ausschusses, der 2002 den „Communication Act“ verabschiedet hat. Ich habe darin durchgesetzt, dass es in der britischen Legislative nicht mehr „Subjekte“ heiß, wenn es um Menschen geht, sondern „Bürger“. Das war für mich ein großer Sieg und wird mir bestimmt noch mal auf meinen Grabstein gemeißelt. 2008 war ich Vorsitzender des ersten Ausschusses zum Klimawandel. Im vergangenen Jahr stand ich an der Spitze einer Gruppe von Lords, die die Gefahren für die Demokratie in den Sozialen Medien untersuchte.

Haben Sie ein Verhältnis zu Hamburg?

Lord David Puttnam: Ich habe zwar nie mit den Beatles gesungen, aber mehrfach dort gearbeitet, zum Beispiel als Assistent eines Fotografen 1967/68. Richard Avedon hatte damals die Beatles fotografiert. Ich war dabei und konnte die Rechte für die Poster erwerben, die ich dann weltweit verkauft habe. Ich habe nur gute Erinnerungen an die Hansestadt.