Kunsthalle Hamburg

Die Sehnsucht nach dem Ende des Terrors

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Volker Behrens
Die Hamburger Kunsthalle (Archivbild).

Die Hamburger Kunsthalle (Archivbild).

Foto: IMAGO / epd

Das Kunstspiel zum Mitmachen – jeden Montag im Abendblatt. Heute: „Triumph der Zivilisation“ von Jacques Réattu.

Hamburg. Jüngere Leser könnten womöglich denken, bei diesem Gemälde handele es sich um ein „Wimmelbild“, so personell überbesetzt scheint das Werk „Triumph der Zivilisation“, das in Öl auf Leinwand in der Kunsthalle hängt. Aber selbstverständlich war um das Jahr 1795, als Jacques Réattu (1760–1833) das Bild malte, der Begriff überhaupt noch gar nicht erfunden.

Réattu, der aus der südfranzösischen Arles stammte, nannte man einen „Revolutionsmaler“. Da müsste man lange und angestrengt suchen, wenn man einen deutschen Künstler finden wollte, auf den dieses Attribut passt. Das Bild gilt als Darstellung der Personifikation der Kräfte, die die Zivilisation voranbringen. Entstanden ist es in der Periode des Neoklassizismus.

Réattu drückt Sehnsucht nach Ende des Terrors aus

Zentral und im roten Umhang steht die Figur der nationalen Einheit. Der Mann rechts hinter ihr in Siegerpose solle Herkules sein. Die zu seinen Füßen niedergelegten Waffen deuten auf die Mäßigung hin. Unten rechts kämpft die Wissenschaft gegen Unwissenheit und Irrtum. Oben meißelt Chronos die Französische Republik in die Ahnentafel der Zivilisation.

Réattus Bild soll die Sehnsucht nach dem Ende des Terrors ausdrücken, der gegen Ende der Französischen Revolution im Land grassierte. Sein Vater – er war ein uneheliches Kind – war der Adelige Guillaume Barrême de Châteaufort. Seine Mutter, Catherinie Raspal, war die Schwester des Künstlers, der die „Alesierinnen“ gemalt hatte: Antoine Raspal. Der nahm Jacques unter seine Fittiche, der schon als Teenager heimlich zur Académie royale de peinture et de sculpture ging.

Réattu bekam Unterstützung vom König

Jacques Réattu ging nach Italien, wo er einige seiner Hauptwerke schuf. Die Historienmalerei galt damals als Königsdisziplin. 1873 konnte Réattu den Grand Prix de Rome gewinnen und bekam danach sogar Unterstützung vom König. Aber wegen antifranzösischer Unruhen in Rom floh er nach Neapel und kehrte zuerst nach Frankreich (Marseille) zurück. Dort beauftragt man ihn mit den „peints à grisaille“-Bildern, die im Relief-Look Revolutionsideen illustrieren sollten.

Erst im Jahr 2018 wurde sein Gesamtwerk in einer Ausstellung im Rahmen einer großen Retrospektive in Arles gewürdigt – 150 Jahre nach seinem Tod. Das heutige Museum hatte er einst gekauft, um dort zu leben und zu arbeiten. Für die Ausstellung mussten mehr als 30 gebunkerte Kunstwerke restauriert werden. Am Ende konnte das Museum 100 Bilder und 200 Zeichnungen von Réattu zeigen. Das Museum zeigt auch Exponate zu den Themen Architektur, Fotografien und Klangkunst.

Réattu gestaltete Theater und Rathäuser aus

1798 kehrte Réattu zurück in seine Heimatstadt Arles, wo er bis zu seinem Lebensende aktiv blieb und vor allem Theater und Rathäuser ausgestaltete wie in Marseille, Nimes und Lyon. Ob am Ende die Zivilisation tatsächlich triumphiert, ist übrigens noch gar nicht entschieden.