Nachruf

Edita Gruberová: „Habe mich immer in den Gesang gerettet“

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Helmut Peters
Edita Gruberová im März 2014 in der Stifter-Lounge der Staatsoper Hamburg.

Edita Gruberová im März 2014 in der Stifter-Lounge der Staatsoper Hamburg.

Foto: Roland Magunia

Auch in schwierigen Lebensphasen fand Gruberová Halt in der Musik. Die Koloratursopranistin ist mit 74 Jahren gestorben.

Hamburg. Mit ihrem fröhlichen Lächeln und ihrer positiven, zugewandten Art war Edita Gruberová ein Opernstar, den man einfach gern haben musste. Wirkte sie an irgendeiner Rundfunkaufnahme mit oder nahm man ihre Stimme auf einer CD wahr, ohne von ihrer Mitwirkung vorher zu wissen, erkannte man sie auf Anhieb. Am Montag ist die weltberühmte, aus der Slowakei stammende Koloratursopranistin im Alter von 74 Jahren in Zürich gestorben.

Seit 1970 war sie regelmäßig an der Staatsoper Hamburg zu Gast, sang zum Beispiel die Olympia in „Les Contes d’Hoffmann“, Violetta in „La Traviata“, Zerbinetta in „Ariadne auf Naxos“ oder Elvira in „Puritani“ sowie Norma und Lucrezia Borgia. Ihr letzter Auftritt an der Staatsoper Hamburg war am 3. April 2014 in einer konzertanten Vorstellung der „Lucrezia Borgia“.

Edita Gruberová: Der Gesang half ihr durch schwierige Zeiten

Die Opern Gaetano Donizettis wie „Roberto Devereux“ oder Vincenzo Bellinis weniger bekannte „La Beatrice di Tenda“ hatten es ihr besonders angetan. Als sie die Titelrolle in der letztgenannten Oper 2005 einmal in unserer Stadt sang, sagte sie: „Sie ist voller Bellinischer Melodien, langen und ergreifenden Kantilenen, die großen Spaß machen zu singen. Alles kulminiert in der Finalszene, einem Abschiedsgebet, in dem man wahrlich schwelgen kann.“

Ja, und schwelgen konnte man eigentlich immer, wenn man Edita Gruberová auf der Bühne oder einem Konzertpodium erleben durfte. Ihre Technik war perfekt, ihr Ausdruck ergreifend und ihre mit feinsten Nuancen gespickten Rollengestaltungen forderten selbst strengsten Meistern am Pult wie etwa Karl Böhm zu Beginn ihrer Karriere höchste Bewunderung ab.

Meisterin des Belcanto und eine Primadonna assoluta

Mit Maestro Georg Solti hat sie ziemlich viel gearbeitet und berichtete: „In meiner Jugend war er besonders wichtig für mich, von ihm habe ich viel mitbekommen. Aber auch mit einem Genie wie Carlos Kleiber hatte ich das Glück, in München und an der Met ‚La Traviata‘ zu singen. Sehr viel hat mir Nikolaus Harnoncourt gegeben. Nach der Zusammenarbeit mit ihm habe ich Mozart ganz anders betrachtet und konnte ihn dann gar nicht mehr anders hören.“

Edita Gruberová war eine Meisterin des Belcanto und eine Primadonna assoluta. Eine Operndiva aber war und wollte sie nicht sein. Jede Arroganz lag dieser liebenswerten Frau ganz fern, die ihre Kunst allein in den Dienst der Musik stellte und dabei streng mit sich selber umging. Dabei war ihr Weg gewiss nicht einfach. Geboren am 23. Dezember 1946 in Bratislava, wuchs sie in bescheidenen Verhältnissen auf.

Der Gesang war Edita Gruberovás Zufluchtsort

Ihr Vater trank, aber die junge Frau fand Halt in der Liebe zur Musik, die sie mit ihrer Mutter teilte. „Ich habe mich immer in den Gesang gerettet“, erinnerte sie sich einmal in einem Gespräch im Bayerischen Rundfunk an ihre Kindheit und Jugend. „Auch meine Mutter hat gerne gesungen, von ihr habe ich die Stimme bekommen. Wir haben durch unser Singen unsere Seelen gelüftet.“

Nachdem ihr Talent schon im Schulchor erkannt worden war, kam sie auch zum Rundfunkkinderchor und studierte dann in Bratislava am Konservatorium. Doch trotz anfänglicher Erfolge hatte sie es schwer, sich in der damaligen Tschechoslowakei durchzusetzen. 1969 floh Gruberová mit ihrer Mutter und hatte das Glück, nach kurzer Zeit an der Wiener Staatsoper entdeckt zu werden.

Edita Gruberová: „Ein schmerzlicher Verlust für die Kunst“

Damit begann eine Karriere, die Edita Gruberová mehr als ein halbes Jahrhundert zu einer der begehrtesten dramatischen Koloratursopranistinnen machte und an die bedeutendsten Opernhäusern der Welt führte.

„Es ist ein schmerzlicher Verlust für uns alle, ein schmerzlicher Verlust für die Kunst“, beklagte der Intendant der Bayerischen Staatsoper in München den Tod der Sängerin, die über Fähigkeiten verfügte wie nur wenig andere. Und aus der Staatsoper heißt es, man habe die Todesnachricht „mit großer Trauer und Bestürzung“ aufgenommen und werde „ihr Andenken in Würde halten“.

„Ich inszeniere mit der Stimme“, pflegte sie gern zu sagen. Und wahrlich identifizierte sie sich mit jeder von ihr dargestellten Frauengestalt in vielfacher Hinsicht. Darüber hinaus war sie ein Familienmensch. Kinder und Enkelkinder waren ihr zeitlebens über alle Maßen wichtig. Und man kann sich vorstellen, was eine Frau wie sie wohl empfand, wenn ein Enkelkind Interesse an der Musik zeigte.

Gruberová: „Wenn meine Enkel bei mir sind, stürmen sie gleich zum Klavier“

„Meinem Enkel habe ich meine DVDs und Videos gezeigt, zum Beispiel ‚Zauberflöte‘ und ‚Entführung aus dem Serail‘, und er wollte es sich immer wieder anschauen. Er sang auch schon das Papageno-Lied und war ganz begeistert. Wenn meine Enkel bei mir sind, stürmen sie gleich zum Klavier. Aber ich bin der Meinung, dass sich um ihre eventuelle musikalische Ausbildung meine Tochter sorgen und kümmern wird.“

Edita Gruberová wird uns fehlen. Ihre Stimme und ihre legendären Aufnahmen aber werden wir nie vergessen.