Neues Album

Santiano: „Wir werden es Helene Fischer schwer machen“

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Tino Lange
Hier am Gefrierpunkt, sonst gern an der Spitze: Hans-Timm Hinrichsen. Pete Sage, Andreas Fahnert, Björn Both und Axel Stosberg (v.l.).

Hier am Gefrierpunkt, sonst gern an der Spitze: Hans-Timm Hinrichsen. Pete Sage, Andreas Fahnert, Björn Both und Axel Stosberg (v.l.).

Foto: Universal

Santiano-Steuermann Björn Both spricht über das Album „Wenn die Kälte kommt“, Internet-Trolle und das Duell mit der Charts-Königin.

Hamburg. Seit zehn Jahren hat sich die aus dem Flensburger Raum stammende Band Santiano gemütlich, aber sehr erfolgreich zwischen Rock und Shantys, zwischen Fernsehgarten und Wacken Open Air eingerichtet. Vier Jahre nach „Im Auge des Sturms“ veröffentlicht das Quintett jetzt mit „Wenn die Kälte kommt“ ein frostiges Folk-Rock-Album. Ein Gespräch mit Steuermann Björn Both über die musikalische Reise.

Hamburger Abendblatt: Herr Both, „Wenn die Kälte kommt“ ist als gesungene Abenteuergeschichte das erste Konzeptalbum von Santiano, sowas macht doch heute kein Mensch mehr.

Björn Both: Ich weiß auch nicht, was uns da geritten hat. Wirtschaftlicher Masochismus vielleicht. Aber trotzdem hat es uns gereizt. Stürme und Flaute, der Moment kurz vor dem Aufgeben, dann der kleine Funken Hoffnung und am Ende ein Ankommen. Und Eis war für uns ein sehr faszinierendes Thema, aus dem wir jetzt eine Abenteuerreise gemacht haben. Und das ist als Konzeptalbum so ziemlich das Blödeste, was man in der modernen Streamingwelt machen kann.

Jedes Lied hat als Einleitung eine Erzählung, das wird der Spotify-Algorithmus überhaupt nicht mögen.

Both: Das betrifft ja nur die Spezial-Edition, auf der wir zwischen den Songs die Geschichte erzählen. Auf der normalen CD oder Vinyl sind die Songs ganz schlicht und normal ohne Gesabbel drauf.

Das Album strahlt eine beachtliche Kühle, Beklemmung und Bedrohlichkeit aus und weckt Bilder von der Franklin-Expedition, bei der 1864 zwei Forschungsschiffe im arktischen Ozean verschollen gingen. Wollten Sie die erfolgreich durchkreuzten und durchgeschunkelten Party-Shanty-Rock-Gewässer verlassen?

Both: Die haben wir ja schon mit „Im Auge des Sturms“ verlassen. Aber ich finde, auf dieser Platte gibt es auch jede Menge gute Laune, Zuversicht und Hoffnung. Die Gemütsverfassungen, die dort beschrieben werden, begleiteten uns ja auch im wirklichen Leben in dieser ganzen Corona-Geschichte. Gerade bei den Menschen, die es beruflich, privat oder gesundheitlich doller erwischt hat als uns in unserem gemütlichen Schaukelstuhl. Dazu kommt die Verhärtung der Fronten und die Kälte, die in den Herzen der Gesellschaft eingezogen ist.

Sie haben sich auf und neben der Bühne immer für offene Grenzen und gegen Populismus ausgesprochen. Sie singen zwar jetzt „Ohne Wind kann man nicht segeln“, aber sind Sie nicht trotzdem den Gegenwind leid, den man in den Sozialen Netzwerken für Weltoffenheit ertragen muss?

Both: Das muss man Aushalten. Wir waren kürzlich in Hamburg beim Extremwetter-Kongress und bei einem Kongress, wo sich Firmen über alternative Antriebe in der Schifffahrt Gedanken machen. Da habe ich auch Arnaud Boehmann von Fridays for Future getroffen und das völlig sachlich und neutral bei Facebook mitgeteilt. Was dann losging – tausend Kommentare – kannst du dir nicht vorstellen. Aber diese Trolle ziehen von einem Posting zum nächsten, um ihren Hass überall reinzumüllern. Die wenigsten davon sind Fans von uns, und wenn doch, haken wir das unter Ausmisten ab.

„Du kannst nicht ewig kämpfen und nicht jeden Kampf gewinnen“ sagt der Erzähler vor dem Lied „Nicht umsonst gelebt“. Warum haben Sie eigentlich auf fast jedem Album ein Abschiedslied? Ist das eine Altersfrage?

Both: Nicht wenige interpretieren in solche Lieder immer unsere nahende Auflösung hinein, da muss man vorsichtig sein. Humoristisch betrachtet könnte man sagen, dass wir auf jedem Album ein Abschiedslied singen, damit man uns später nicht vorwerfen kann, wir hätten uns einfach aus dem Staub gemacht. Aber wir haben alle mit Abschied zu tun. Es muss sich ja nicht immer um Trauer und die letzte Fahrt drehen. Aber wir müssen uns von vielen Gewissheiten, von Zeiten, Lebenssituationen und Gewohnheiten verabschieden.

Was bleibt, sind dieses Jahr zehn Jahre Santiano, die sie auch mit dem Buch „Die Sehnsucht ist mein Steuermann“ und sehr persönlichen Rückblicken der Bandmitglieder feiern.

Both: Es sollte auf keinen Fall nur eine Band-Chronologie werden als Basis für spätere Nachrufe. Sondern wir wollten beschreiben, warum wir das, was wir tun, so tun wie wir es tun, und es auf keinen Fall anders können.

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Noch mal zurück zum potenziellen wirtschaftlichen Masochismus. Bislang waren alle vier Studioalben und die „MTV Unplugged“-Platte von Ihnen auf Platz eins in den Charts. Dieses Mal muss die MS Santiano allerdings gegen ein mächtiges Linienschiff mit 100 Kanonen antreten: Nächste Woche erscheint immerhin das neue Album von Helene Fischer.

Both: Wir sind ja Gentlemen wie sie im Buche stehen. Deswegen werden wir anständig genug sein, der Lady den Vortritt zu lassen. Aber wir werden es ihr natürlich schwer machen.

Santiano: „Wenn die Kälte kommt“ Album (Universal) im Handel, Konzert: Do 10.3., Barclays Arena, Karten ab 49,50 im Vorverkauf; www.santiano.de