Kino

James Bond - Filmtod? Rente? Oder wird 007 der neue M?

| Lesedauer: 10 Minuten
Tino Lange
Daniel Craig soll sich als James Bond 007 endlich durch „Keine Zeit zu sterben“ schießen. Der Film läuft auch für halbvolle Kinos an.

Daniel Craig soll sich als James Bond 007 endlich durch „Keine Zeit zu sterben“ schießen. Der Film läuft auch für halbvolle Kinos an.

Foto: Universal Pictures

Warum brauchen wir James Bond überhaupt? Lesen Sie zum Kinostart des 25. Jubiläums-Bonds unsere 007 Wünsche an den Agenten.

Hamburg. „Sex zum Dinner und Tod zum Frühstück“, zwischen diesen Extremen bewegt sich MI6-Agent James Bond alias 007 auf der Kinoleinwand seit 1962. Der 25. Jubiläums-Bond „Keine Zeit zu sterben“ startet jetzt mit 19 Monaten Verzögerung am 30. September und soll nicht nur die Welt retten, sondern auch die pandemiegeplagte Kinosaison. Damit nimmt es Daniel Craig zum fünften und letzten Mal mit Erzschurken auf, in diesem Film mit dem technikverrückten Safin, gespielt von Rami Malek („Bohemian Rhapsody“).

Auch Christoph Waltz als Blofeld hat seine Finger wieder im Spiel, während sich Bond auf tatkräftige Unterstützung von M (Ralph Fiennes), Q (Ben Whishaw) und Moneypenny (Naomie Harris) verlassen kann. Aber was passiert nach dem Abspann?

James Bond - quittiert 007 nach diesem Film endgültig den Dienst?

Quittiert James Bond endgültig den Geheimdienst Ihrer Majestät und geht in den längst überfälligen Ruhestand? Wird es einen mehr oder weniger radikalen Neustart der Filmreihe geben? Und warum brauchen wir James Bond überhaupt als Rollenvorbild, Werbefigur und Popikone in einer Zeit, die vielleicht andere Heldinnen und Helden nötig hat? Lesen Sie unsere 007 Wünsche an James Bond:

Sag niemals niemals

„Reboot“ wird das aus kommerziellem Kalkül vorgenommene Aufwärmen von Kinofilmen oder Figuren genannt: Eine alte Geschichte neu erzählen. So wurden bereits Batman, Spider-Man und Superman aus der Versenkung geholt, nicht zu vergessen „Star Trek“, „Ghostbusters“ und eine nicht mehr überschaubare Zahl von Horrorfilmen. James Bond wurde eigentlich bereits mehrfach einem „Reboot“ unterzogen, auch wenn der legendäre „Q“-Darsteller Desmond Llewelyn zwischen 1963 und seinem Tod 1999 als unaufhaltsam weiter alternde Konstante immer dabei war.

Mit Daniel Craigs Abgang steht also die nächste Neuauflage an, aber muss das eigentlich sein? Man könnte James Bond auch einfach zum neuen „M“ befördern und mit Daniel Craig als Nebenrolle besetzt lassen. Die Verfolgungsjagden und die Lizenz zum Töten übernimmt dafür ein Team junger, talentierter und vielseitig begabter Nachfolgerinnen und Nachfolger. Bond bleibt im Büro, schäkert mit Moneypenny und überlässt den stressigen Teil drei Geheimagentinnen. Daniels Angels.

Man lebt nur sechsmal

Wer wird der nächste Bond nach Sean Connery, George Lazenby, Roger Moore, Timothy Dalton, Pierce Brosnan und Daniel Craig? Oder anders gefragt: Wer wird der nächste „sexistische frauenfeindliche Dinosaurier“, wie das Prinzip Bond von Judie Dench in der Rolle als M in „GoldenEye“ 1995 auf den Punkt gebracht wurde? Man könnte ja mal wieder einen totalen Neuanfang wagen. Daniel Craigs Premiere 2006 mit „Casino Royale“ brach mit einigen Traditionen, das fing schon mit Craigs Haarfarbe an. Dazu keine Weltrettungshandlung, sondern ein Finanzverbrechen. Keine Gadgets und Spezialwerkzeuge. Und ein sehr offenes Ende.

Das machte „Casino Royale“ zum vielleicht besten 007-Film, aber leider wurde dieser Weg schon mit dem nächsten Abenteuer „Ein Quantum Trost“ wieder verlassen. Schade eigentlich. In den vergangenen Jahren wurde viel spekuliert: Der nächste Bond wird kein Weißer, der nächste Bond wird eine Frau, der nächste Bond ist blind. Na ja. Mit Idris Elba oder Omar Sy macht man nichts falsch. Eine Frau ginge auch. Wenn Daniel Craig und Eva Green in „Casino Royale“ die Rollen getauscht hätten, wäre der Film nicht schlechter gewesen.

Goldbringer

Sind James-Bond-Filme jetzt Spionagefilme, unterbrochen von Werbepausen? Oder doch eher Dauerwerbesendungen, unterbrochen von Geknutsche und Geballer? Vielleicht beides. Jedenfalls ist 007 als Verteidiger des Kapitalismus die ideale Bühne für neue Automodelle, Armbanduhren, Smartphones, Spirituosen und andere Luxusgüter. Am letzten Film „Spectre“ waren zum Beispiel folgende Marken beteiligt: Heineken, Sony, Aston Martin, Belvedere, Jaguar, Bollinger, Gillette, Omega, Land Rover, Tom Ford, MAC Cosmetics, Globetrotter und „Visit Britain“.

Da hat man das Filmbudget ein hübsches Stück entlastet, auch wenn die Marke Bond durchaus beschädigt wird, wenn der berühmteste Macker der Filmgeschichte im Ford-Ka-Kleinwagen oder einer langweiligen BMW-Gurke zum nächsten Wegpunkt aufbricht. Auch darum muss es mit James Bond weitergehen, sonst verlieren erwähnte Marken nach dem „Playboy“ ihre letzte Zielgruppen-Bastion. Die „Playboy“-Ausgabe Nr. 12 von 1995 mit allen mehr oder weniger entkleideten Bond-Girls ist übrigens sehr gesucht. Der Autor dieser Zeilen hat eine, liest aber nur die Interviews, ist doch klar.

Sterben und sterben lassen

Winnetou ist gestorben. Iron Man ist gestorben. Luke Skywalker ist gestorben. Nur an 007 beißen sich Blofeld und die anderen Bösewichte und Helfershelfer die Zähne aus. Okay, in „Im Geheimdienst ihrer Majestät“ haben sie James Bonds Ehefrau in den letzten Filmminuten erwischt, aber das war es dann auch. Um zu sterben, muss Bond wie in „Man lebt nur zweimal“ seinen eigenen Tod vortäuschen. Aber wäre es nicht wirklich an der Zeit, den Spion, den wir liebten, endgültig zu beerdigen?

Es würde ja schon helfen, wenn sich seine Gegenspielerinnen und Gegenspieler, all die Erzschurken und durchgeknallten Träumer von der Weltherrschaft nicht so dämlich anstellen würden. Höflich kutschieren sie 007 mit der Einschienenbahn durch ihren Unterschlupf, bewirten ihn fürstlich und erzählen ihm alle Details ihrer perfiden Pläne. Dann schnallen sie ihn unter einem Laser fest, lassen ihn mit Haien planschen und schauen – „We have all the time in the world“ summend – zu, wie er sich befreit und die Bombe 007 Sekunden vor der Explosion entschärft. Hier ein Tipp für Goldfinger, Le Chiffre und Dr. No: Wenn ihr Bond in die Hände kriegt: Erschießt ihn einfach!

Die Welt hat nicht genug

25-mal hat James Bond jetzt zuerst England und dann den Rest der Welt gerettet. Aber die Welt hat nicht genug, als Film-Franchise dürfte 007 neben „Star Wars“ der erfolgreichste Leinwand-Dauerrenner sein. Sicher gab es Krisen, zum Beispiel, als ausgerechnet „Star Wars“ 1977 die Kinowelt auf den Kopf stellte und auch Bond in „Moonraker“ sofort in den Weltraum aufbrechen musste, Laserpistolen-Gefechte inklusive. Aber James Bond hat alles überstanden, Lizenz- und Filmrechte-Streits, Kinotrends, Darstellerwechsel und künstlerische Flops („Lizenz zum Töten“, „Leben und sterben lassen“). Nicht zu vergessen den Kalten Krieg, der vor „GoldenEye“ endete und Bond in eine Sinnkrise stürzte.

Ohne tödliche Liebesgrüße aus Moskau wirkten Medienmogule („Der Morgen stirbt nie“) und durchgeknallte Nordkoreaner („Stirb an einem anderen Tag“) irgendwie zweitklassig. Jetzt könnte China der Feind werden, ist aber ein wichtiger Filmmarkt. Da müssen vielleicht völlig absurde Fantasiegeschichten her. Wie wäre es zum Beispiel mit einem superreichen Monopolisten und Sklaventreiber, der sich in seinem Größenwahn eine penisförmige Rakete bauen lässt, um aus dem Weltall sehen zu können, was bald ihm gehört – alles? Das wäre doch Stoff für Bond – oder zumindest für eine Agentenserie auf Amazon Prime.

Lizenz zum Tröten

Madonna hat es getan, Adele ebenfalls, natürlich auch Shirley Bassey, Alicia Keys, Sheryl Crow, Nancy Sinatra, Tina Turner und Sheena Easton: Sie durften ihre Karriere mit Titelliedern für Bond-Abenteuer krönen. Ebenso Tom Jones, Sam Smith, A-ha, Duran Duran, Paul McCartney und Chris Cornell. Als Faustregel kann gelten: Je besser das Titellied, desto besser der Film. Deshalb stehen Shirley Bassey und „Goldfinger“, Nancy Sinatra und „You Only Live Twice“ oder auch Adele und „Skyfall“ an der Spitze. Andere wie Lulu und „The Man With The Golden Gun“, Madonna und „Die Another Day“ oder Rita Coolidge und „All Time High“ (aus „Octopussy“) möchte man lieber an die Piranhas verfüttern. Und natürlich gibt es auch Ausnahmen.

Paul McCartneys „Live And Let Die“ ist der frühe Höhepunkt des Films, danach kommt nicht mehr viel. „In tödlicher Mission“ ist für viele Kenner einer der besten 007-Filme, Sheena Eastons Lied „For Your Eyes Only“ hingegen ist sehr schlecht gealtert, auch wenn es dafür eine Oscarnominierung gab. Jetzt ist US-Sängerin Billie Eilish mit „No Time To Die“ am Abzug, eine morbide Ballade, in der die 007-typischen Trompetenfanfaren nur im Hintergrund verhallen. Ein gelungenes Lied, das auf einen guten Film hoffen lässt. Aber nächstes Mal kann es gern mal wieder Rock sein, Chris Cornells „You Know My Name“ und „Casino Royal“ sind die beste Musik-Film-Kombination bislang.

Im Angesicht der Rente

Sechsmal wurde bislang die Gelegenheit verpasst, James Bond in Rente zu schicken. Dabei ist der Geheimdienst ihrer Majestät bei aller spannenden Action immer noch eine Behörde. Und da ist doch bitteschön spätestens mit 55 Feierabend angesagt. Oder zumindest die Versetzung vom Außendienst mit Dienstwagen an den Schreibtisch. Bond könnte mit Moneypenny Plätze tauschen. Hatte der Mann eigentlich jemals Urlaub? Immer wenn er sich Zeit nimmt für die Hochzeit eines Freundes oder den Reißverschluss einer Dame, klingelt das Telefon. Also bitte.

Nach 60 Jahren, in denen es rund um die Welt und ins All ging, und kein Körperteil inklusive der Kronjuwelen verschont blieb, wird es Zeit für den Ruhestand. In „No Time To Die“ klappt es beinahe, aber es kommt wieder ein Schurke dazwischen. Dabei will James Bond sicher einfach nur mit einem Martini am Strand liegen und zuschauen, wie sich Alabasterkörper aus den Wellen erheben. So wie Ursula Andress in „James Bond jagt Dr. No“, Claudine Auger in „Feuerball“, „Halle Berry“ in „Stirb an einem anderen Tag“ – oder Daniel Craig in „Casino Royale“.