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Verfilmung des Dörte-Hansen-Bestsellers – ein Besuch am Set

| Lesedauer: 7 Minuten
Volker Behrens
Die zwei vom Stammtisch: Lars Jessen (l.) und Charly Hübner in einer Drehpause im schleswig-holstenischen Sollerup.

Die zwei vom Stammtisch: Lars Jessen (l.) und Charly Hübner in einer Drehpause im schleswig-holstenischen Sollerup.

Foto: Axel Heimken / dpa

Charly Hübner spielt die Hauptrolle, Lars Jessen führt Regie – und die Autorin fand den Drehort für „Mittagsstunde“ selbst. Alle Infos.

Schleswig-Holstein. Dass man auf dem richtigen Weg ist, ist spätestens dann klar, wenn man, von Süden kommend, an einer grünen Wiese mit zahlreichen glücklich wirkenden Ferkeln in Freilandhaltung vorbeikommt. Dann ist es nicht mehr weit und man steht vor einem alten Backsteingebäude, das früher einmal ein Landgasthof war – und nun wieder eines ist. Vorübergehend wenigstens, für die Zeit der Dreharbeiten.

Das Haus hat einen morbiden Charme, Kakteen stehen auf den Fensterbrettern. An der Front sieht man Schilder mit der Aufschrift „Brinkebüll“ und „Gasthof S. Feddersen“. Dörte Hansens Erfolgsroman „Mittagsstunde“ wird zurzeit hier, in der Gemeinde Sollerup (485 Einwohner) im Kreis Schleswig-Flensburg, verfilmt. Die Erfolgsautorin hat das Gebäude selbst entdeckt und als zentrale Location vorgeschlagen.

Verfilmung von „Mittagsstunde“: Dörte Hansen am Set

In ihrem Roman, der ähnlich lange die Bestsellerlisten anführte wie schon der Vorgänger „Altes Land“, erzählt Hansen von Ingwer Feddersen, der seinen Unijob in Kiel an den Nagel hängt, um in sein Heimatdorf zurückzukehren. Aber er erkennt es kaum wieder: Die Zeit hat ihre Spuren hinterlassen. Verschwunden sind die Kastanienallee, der Bäcker, die Schule, die Störche. Sein Vater steht immer noch hinter dem Tresen der Kneipe, obwohl es dafür eigentlich keinen Grund mehr gibt, seine Mutter wird langsam dement.

Zum Set gekommen ist an diesem Tag auch Dörte Hansen, die nur etwa 20 Kilometer entfernt lebt. Sie versucht in ihrem Buch, die Funktionsweise eines Dorfes aus der Innenperspektive zu erzählen. „Kino fühlt sich größer und aufregender an als das Schreiben“, sagt sie. „Ich bin dadurch zum Teamplayer geworden. Den Stoff wollte ich nur weggeben an jemanden, bei dem ich mir sicher sein konnte, dass er versteht, worum es mir geht. Regisseur Lars Jessen empfindet den Niedergang der Dorfkultur auch als Verlust.“

Hansen schreibt über norddeutsche Themen

Hansen, die in Husum geboren wurde, schreibt über norddeutsche Themen. Was liegt ihr so daran? „Ich kann nun mal nicht aus meiner Haut. Ich brauche diesen Himmel über mir und immer etwas Backstein um mich herum.“ Bei den Hansens zu Hause wird nur Plattdeutsch gesprochen. Sie hat alle Drehbuch-Dialoge auch in diese Sprache übersetzt. Womöglich entsteht am Ende noch eine zweite, niederdeutsche Fassung.

Im Roman hat jedes Kapitel seinen eigenen Song: Schlager, Marschmusik und Neil Young. „Diese Musik ist für mich ganz stark mit meiner Kindheit verbunden“, sagt die passionierte Chorsängerin. Eine Mischung aus Melancholie und Humor kennzeichnet Hansens Werke. Sie hat in der Vergangenheit in der Stadt und auf dem Land gelebt und bilanziert: „Wenn ich in der Stadt geblieben wäre, hätte ich wohl keine Romane geschrieben.“ Gute Ideen kommen ihr beim Spazierengehen und Radfahren. Längst arbeitet sie an einem neuen Roman, über den sie aber noch nichts erzählen mag.

Charly Hübner spielt die Hauptrolle

Die Hauptrolle des Ingwer Feddersen spielt Charly Hübner, der über den Dorfheimkehrer sagt: „Ihn verfolgt es wie ein Fluch, dass er sich um diese alten Leute, seine Eltern, kümmern muss.“ Er fresse alles in sich hinein, „weil er nie mitbekommen hat, dass er zeigen darf, wer er ist, was er fühlt. Er kann sich nicht emotional vermitteln.“ Für ihn als Schauspieler sei das spannend, weil er „als Typ total anders“ ticke.

Für Charly Hübner, der aus Süd-Mecklenburg stammt, ist Norden nicht gleich Norden. „Der Kieler Ton ist beispielsweise hart und trocken. Hier in Sollerup hat es so etwas wie eine weiche Härte, und es wird unheimlich viel geredet. Das Mecklenburgische ist viel langsamer.“ Geprägt sei Ingwer Feddersen auch von einer grundsätzlichen Skepsis. „Das hat er in den Knochen, obwohl er eigentlich ein offener Mensch sein will.“

Inszeniert von Lars Jessen

Inszeniert wird der Film von Lars Jessen, der selbst ein eingefleischtes Nordlicht ist. Sein Hauptdarsteller und er kennen sich bereits seit 18 Jahren. Jessen inszenierte damals eine „Großstadtrevier“-Folge, Hübner hatte eine kleine Rolle – ohne Text. Eine Künstleragentin brachte die beiden anschließend noch einmal zusammen, weil sie der Meinung war, dass Jessen und Hübner sich „noch etwas zu sagen“ hätten. Damit lag sie wohl richtig.

In „Mittagsstunde“ gehe es um Freiheit, um die Frage, ob man gehen oder bleiben soll, sagt Jessen, der 2008 mit „Dorfpunks“ einen ersten großen Erfolg feiern konnte. Bei den Dreharbeiten sei es bisweilen sehr emotional zugegangen. „Einige der Schauspieler haben während der Takes sogar geweint.“ In der Vorbereitungszeit musste er zusammen mit Drehbuchautorin Catharina Junk ziemlich viel umstellen und aussortieren, denn Hansens Roman ist ein Füllhorn an Ereignissen und Geschichten.

„Wir mussten auf vieles verzichten"

„Wir können gar nicht alles zeigen, was Dörte da beschreibt, und mussten auf vieles verzichten“, sagt Jessen. Wie lässt sich überhaupt die oft eigenwillige Hansen-Sprache in Bilder übersetzen? „Ich will dem Roman eine filmische Handlung und Sprache geben und das mit meinem eigenen Stil verbinden. Das ist die Idee. Dörte muss sich auf mich verlassen, wenn ich behaupte: Ich weiß, was du da erzählst.“

Gedreht wird der Film im breiten Cinemascope-Format. Die Szenen, die in der Gegenwart spielen und jene, die von der Vergangenheit erzählen, haben dabei einen ganz unterschiedlichen Look. „Wir hoffen, dass wir ein Gefühl für die alte Zeit vermitteln können.“

„Die Schlager sind natürlich essenziell"

Lars Jessen ist die Musik in seinen Filmen immer besonders wichtig. Aber alle im Roman vorkommenden Titel konnte er nicht verwenden. „Das kann ich mir nicht leisten.“ Die Verwertungsrechte kosten viel Geld, vermutlich wäre das Gesamtbudget des Films allein dadurch aufgebraucht gewesen. „Aber wir arbeiten daran, möglichst viel mitzunehmen. Die Schlager sind natürlich essenziell. Und Neil Young ist es auch.“

Nun hat der kanadische Musiker unlängst die Rechte an seinen Songs für 300 Millionen Dollar verkauft, dürfte also keine Geldsorgen mehr haben, aber: „Er muss unseren Anfragen dennoch erst mal zustimmen“, bangt Jessen.

Verfilmung von „Mittagsstunde“: Premiere erst 2022

Insgesamt ist für „Mittagsstunde“ ein illustres Ensemble versammelt, unter anderen gehören Gabriela Maria Schmeide, Jan Georg Schütte, Gro Swantje Kohlhof, Peter Jordan, Hildegard Schmahl, Peter Franke, Rainer Bock und Nicki von Tempelhoff dazu. Auch wenn in Sollerup inzwischen abgedreht ist – bis der Film ins Kino kommt, dauert es noch etwas. Avisiert ist derzeit der Herbst 2022.