Sexualisierte Gewalt

Warum aufgeklärte Kinder seltener Opfer sind

| Lesedauer: 5 Minuten
Camilla John
Alena Mess vom Verein Dunkelziffer e. V. war zu Gast beim Abendblatt Podcast.

Alena Mess vom Verein Dunkelziffer e. V. war zu Gast beim Abendblatt Podcast.

Foto: Mark Sandten / Funke Foto Services

Alena Mess arbeitet für Dunkelziffer e.V. Ihr Ziel: Aufklärung und der Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexualisierter Gewalt.

Hamburg. „Sagen Sie mal Busen, Penis, Po und Scheide!“, fordert Alena Mess die peinlich berührten Eltern gern auf, wenn sie Präventionsbesuche oder Workshops in Schulen oder Kitas macht. Damit will die Sozialpädagogin, die für Dunkelziffer e. V. arbeitet und dadurch gegen Kindesmissbrauch kämpft, ein noch tabuisiertes oder mit großer Scham belegtes Thema zur Sprache bringen.

„Wir machen die telefonische Betreuung über die Hotline, da kann man sich auch anonym melden, aber wir haben auch unterschiedliche Projekte jeweils angepasst an die Altersklassen“, sagt Mess. In Kitas werde mit „Ja- und Nein-Gefühlen“, „Stopp!“-Sagen gearbeitet, das funktioniere auch bei Erst- und Zweitklässlern sehr gut. „Es hilft, mit den Kindern über die eigenen Gefühle zu sprechen – denn wer das nicht kann, der kann sich auch keine Hilfe holen.“

Kita und Schule: "Doktorspiele" und Sexualunterricht reichen nicht

Mess erlebt es auch, dass Eltern das Thema gern an die Einrichtungen abgeben, „Doktorspiele“ könnten in der Kita stattfinden, in den Schulen gebe es den Sexualunterricht. „Aber die Eltern sind ganz doll gefordert, den Kindern im Alltag mitzugeben, wo die eigenen Grenzen sind, und so lernen die Kinder.“

Altersgerechte Bücher können ein guter Helfer sein, „denn Sexualität ist immer ein Thema“, weiß Mess. Kinder, die stark, aufgeklärt und mutig sind, um für ihre Grenzen einzutreten, sind somit besser geschützt gegen Übergriffe.

Jugendliche und Kinder ab 14 Jahren sind diejenigen, die Mess am Telefon selbst spricht. Oft riefen aber auch besorgte Großeltern, Vereinstrainer oder Lehrer an. Die Unsicherheit, einen Verdacht auszusprechen und anzurufen, ist groß. Wann reagiert man, welche Faktoren sprechen für sexualisierte Gewalt?

Sexualisierte Gewalt: Was sind Warnzeichen?

Auch wenn es keinen Katalog gebe, einige Hinweise können darauf deuten: „Verändert sich ein Kind in eurem sozialen Umfeld? War ein Kind trocken und nässt auf einmal wieder ein? Gibt es Selbstverletzungsgedanken? Zieht sich jemand, der ganz gut auf Berührungen reagiert hat, plötzlich zurück?“, fragt Mess. „Hinsehen und hinterfragen ist die beste Möglichkeit, um mit Kindern und Jugendlichen ins Gespräch zu kommen, sodass sie etwas sagen, was sie vielleicht noch nicht zuvor aussprechen konnten.“

Je kleiner die Kinder sind, desto weniger gute Zeugen stellten sie dar, weil sie sich schwer an Orte oder Uhrzeiten erinnern könnten. „Deshalb arbeiten wir mit Zitaten“, sagt Mess und gibt im Podcast genaue Beispiele dafür.

Die Dunkelziffer ist viel höher

Wenn sich der Vorwurf einer Vergewaltigung oder eines sexuellen Missbrauchs erhärtet oder es gar Beweise dafür gibt, dann stellen Mess und das Dunkelziffer-Team den Kontakt zu Opfer­anwälten, Jugendamt oder anderen Einrichtungen her. „Unabhängig davon, wie ein Fall ausgeht, nehmen wir unsere Anrufer immer ernst“, sagt Mess.

70 bis 90 Beratungsanfragen gehen in dieser einen Hamburger Fachberatungsstelle monatlich ein, „die Dunkelziffer ist aber circa zehn- bis zwanzigfach höher als das Hellfeld der tatsächlich angezeigten Taten.“

In Zeiten von Corona gab es noch mehr Anrufe und Zoom-Gespräche: „Die Kollegen und ich haben gemerkt, dass es mehr Übergriffe unter Geschwistern gibt. Dass zum Beispiel ein älterer Bruder die kleine Schwester angefasst hat, den Finger in die Scheide gesteckt hat, sich an ihr gerieben hat.“

Bei Kriseninterventionen reagiert das Team sofort

Auch unter den Schülern, in Klassenverbänden, gibt es aktuell Probleme mit Cybermobbing. Sexualisierte Gewalt in den Medien nehme zu. Über die dann stattfindende Art der Verbreitung von Kinderpornografie klärt Mess durch Besuche in den betroffenen Klassen auf, auch Strafmündigkeit ist ein Thema. „Wenn es eine Krisenintervention ist, sind wir sehr schnell.“

Bei einem Übergriff eines Mitarbeiters in einer Kita war Mess beispielsweise letzte Woche gleich am nächsten Tag vor Ort. Dann werde geschaut, wie der Verdacht einzuordnen sei – „und das ist wichtig: Es ist immer erst einmal ein Verdachtsfall, aber die Betroffenen müssen dennoch geschützt werden.“ Dann kläre sie mit der Leitung, was die Eltern wissen müssten, ohne zu viel zu sagen.

Schritt für Schritt weg von Schuld und Scham

Zu sprechen, das können gerade betroffene Jugendliche oft erst, wenn der Druck weg ist: „Zwei Mädchen, die jetzt Abitur gemacht haben und nicht mehr abhängig vom Lehrer sind, haben sich nun getraut“, sagt Mess. Scham, Schuld, Angst, Hilflosigkeit seien die vorherrschenden Gefühle.

Aber auch Fragen wie: „Muss ich die Klasse wechseln, wenn es herauskommt? Was passiert mit meinen Geschwistern, wenn der Stiefvater ins Gefängnis muss? Was ist mit Mama? Wo kann ich dann wohnen?“ Fragen, die Alena Mess nach und nach bespricht. In dem Tempo, das das Kind oder der Jugendliche vorgibt. Alena Mess weiß: „Hier ist der Weg das Ziel.“