Hamburger Schauspieler

Atschüss, mien Leev – Joachim Bliese ist tot

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Mit Farina Violetta Giesmann spielte Joachim Bliese am Ohnsorg in „Honnig in’n Kopp“. Nun ist der Hamburger Schauspieler verstorben (Archivbild).

Mit Farina Violetta Giesmann spielte Joachim Bliese am Ohnsorg in „Honnig in’n Kopp“. Nun ist der Hamburger Schauspieler verstorben (Archivbild).

Foto: Maike Kollenrott

Der Schauspieler wurde 85 Jahre alt. Thalia, Schauspielhaus, Ohnsorg: In Hamburg war er auf nahezu allen wichtigen Bühnen zu sehen.

Hamburg. „Du bist ein Glücksfall für das Ohnsorg-Theater!“ Christian Seeler, damals langjähriger Intendant am Ohnsorg-Theater, hatte im Oktober 2009 wieder einmal allen Grund, Joachim Bliese für seine Rolle als Geheimrat Clausen in Gerhart Hauptmanns Familiendrama „Vor Sonnenuntergang“ geradezu überschwänglich zu feiern.

Zwei Jahre nach einem überragenden „Faust“ – damals noch an den Großen Bleichen – hatte Regisseur Frank Grupe die bemerkenswerten schauspielerischen Fähigkeiten Blieses genutzt, um eine psychologisch ausgefeilte Inszenierung auf die Ohnsorg-Bühne zu zaubern.

Hamburger Schauspieler Joachim Bliese ist tot

„Er war ein fantastischer Schauspieler mit einer enormen Ausstrahlung. Einer, der zu den ganz Großen zählt. Ein hochintelligenter und liebevoller Mensch, den ich sehr vermisse, weil er zum Freund geworden ist“, erzählt Grupe heute. Am 9. September ist Joachim Bliese kurz vor seinem 86. Geburtstag in Berlin im Kreise seiner Familie gestorben.

Zum Ohnsorg Theater stieß der gebürtige Kieler erst zum Ende seiner langen Karriere. In Hamburg hatte der Schauspieler, der schon seine Ausbildung an der hiesigen Theater-Hochschule erhielt, auf nahezu allen wichtigen Brettern gestanden, hat am Thalia Theater gespielt, an den Hamburger Kammerspielen, am Ernst-Deutsch-Theater.

Nach zehn Jahren gab Bliese den Bitten des Ohnsorg-Theaters nach

2005 stand er als 70-Jähriger an der Seite von Heidi Mahler in der Komödie „Grashüppers un Ameis“ zum ersten Mal auf der Bühne des Ohnsorg. Zehn Jahre lang hatte Christian Seeler ihn immer wieder gelockt, überredet, gebeten, an sein Haus zu kommen und auf Plattdeutsch zu spielen.

Nach seinem Debüt sagte Bliese, dass er nicht wisse, warum er nicht schon viel früher Seelers Ruf gefolgt sein. Bis 2017 war Joachim Bliese noch in zehn weiteren Inszenierungen im Ohnsorg besetzt, es sollten sehr erfolgreiche Jahre werden.

Für „Atschüss, mien Leev“ bekam Bliese den Rolf-Mares-Preis

2008 zum Beispiel erhielt er den Rolf-Mares-Preis für die Rolle des krebskranken Franz Maus in Roswitha Quadfliegs Drama „Atschüss, mien Leev“.

Beeindruckend war auch sein Spiel als dementer Rentner Amandus Rosenbach in der plattdeutschen Fassung von „Honig im Kopf“ und eben in Grupes beeindruckender „Faust“-Inszenierung mit Bliese in der Titelrolle und Uwe Friedrichsen als Mephisto. „Triumph“, „Glanzleistung“ – immer wieder fanden sich diese Superlative in den Theaterkritiken.

Bliese stand in Gründgens' "Faust" am Schauspielhaus auf der Bühne

Schon fünf Jahrzehnte zuvor hatte Bliese in einem „Faust“ mitgewirkt und das in unmittelbarer Nachbarschaft zum heutigen Sitz des Ohnsorg-Theaters. In Gustaf Gründgens’ legendärer Inszenierung von Goethes Tragödie am Deutschen Schauspielhaus war der Schauspielschüler damals ein Erzengel. Welch lange Karriere ihm bevorstand, konnte der junge Mann noch nicht ahnen.

Bereits während seiner Schulzeit spielte Bliese Theater in Kiel, doch studierte er nach dem Abitur erst einmal Volkswirtschaftslehre. Die Beschäftigung mit Sprache und Ausdruck lag ihm dann doch näher als die Auseinandersetzung mit ökonomischen Fragen, und Bliese ließ sich zwischen 1957 und 1959 an der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg ausbilden.

Bliese spielte seit den 1980er-Jahren auch immer öfter im Fernsehen

Anschließend begann für den talentierten Jungschauspieler eine lange Reise durch den deutschsprachigen Raum mit diversen Engagements. Seine Theaterkarriere startete am Schauspielhaus Wien und führte ihn über die Städtischen Bühnen Oberhausen, das Thalia Theater und das Zürcher Theater am Neumarkt 1981 ans Berliner Schillertheater, wo er zehn Jahre lang zum Ensemble gehörte.

Anfangs wurde Bliese oft als jugendlicher Liebhaber besetzt, mit zunehmendem Alter entwickelte er sich zu einem Charakterdarsteller, der oft kranke und vereinsamte Figuren tief auslotete. Seit Anfang der 1980er-Jahre war Joachim Bliese zudem immer öfter auch im Fernsehen zu erleben. Er wirkte in etlichen Krimis und Serien mit, im „Tatort“, im „Großstadtrevier“, bei „Kommissarin Lucas“, und war ein gefragter Sprecher von Hörspielen im Radio. In einer seiner letzten Rollen spielte Bliese am Berliner Schlossparktheater den George Duval in der „Kameliendame“.

Ohnsorg-Intendant Michael Lang ehrt den Verstorbenen

Nicht nur am Ohnsorg-Theater ist die Trauer über den Tod von Joachim Bliese groß – aber dort vielleicht ganz besonders.

Intendant Michael Lang würdigt ihn auf der Theater-Website mit einem persönlichen Nachruf: „Mit seiner eindringlichen und gleichzeitig dezenten Art zu spielen ist es Joachim Bliese immer wieder gelungen, Menschen auf die Bühne zu bringen, deren Schicksal man an sich herangelassen hat, deren Denken, Fühlen und Erleben einem nah ging – im Tragischen und im Komischen. Es waren seine feinen und leisen, oft nahezu zurückgenommenen Töne, mit denen er uns zusammen mit dem besonderen Glanz seiner Augen gefangen nahm.“