Film-Tipp

„Dune“: Sehenswert in die Wüste geschickt

| Lesedauer: 5 Minuten
Felix Müller
Timothee Chalamet und Rebecca Ferguson in der rauen Schönheit des Wüstenplaneten.

Timothee Chalamet und Rebecca Ferguson in der rauen Schönheit des Wüstenplaneten.

Foto: Chia Bella James / dpa

Neu im Kino: Der Science-Fiction-Blockbuster „Dune“ von Denis Villeneuve gehört zu den vielversprechendsten Neustarts im Herbst.

Es gibt gute Gründe, warum Frank Herberts Romanzyklus „Der Wüstenplanet“ jahrzehntelang als leinwanduntauglich galt. Die sechs zwischen 1965 und 1985 erschienenen Teilbände entwickeln eine hochkomplexe Saga mit zehntausendjähriger Geschichte, mit so vielen Ethnien, Dynastien, Mythen, Kriegen und diplomatischen Verwerfungen, dass sie das Format eines höchstens dreistündigen Abends schlicht zu sprengen schienen.

Vor David Lynchs „Wüstenplanet“-Adaption im Jahr 1984 waren seit den frühen 1970er-Jahren drei Anläufe unternommen worden, die aus verschiedenen Gründen gestoppt wurden – Regisseur Alejandro Jodorowsky etwa, der den Surrealisten Salvador Dalí für einen Stundenlohn von 100.000 Dollar anheuern wollte, arbeitete mit einem Drehbuch, das, wie die Produzenten erschrocken feststellten, einen Film von 14 Stunden Länge ergeben hätte. Sie zogen die Reißleine.

Der erste Versuch: Ein Flop

Als Lynch schließlich nach ähnlich abenteuerlicher Produktionsgeschichte seinen „Dune“ vorlegte, zeigten sich breite Teile der Öffentlichkeit entsetzt. „Dieser Film ist eine riesige Sauerei, ein unverständlicher, widerlicher, unstrukturierter, sinnloser Exkurs in die düsteren Bereiche von einem der verwirrendsten Drehbücher aller Zeiten“, schrieb der namhafte Filmkritiker Roger Ebert.

Und das Publikum sollte ihm recht geben: In den USA wurden nur 30 der seinerzeit sagenhaften 40 Millionen Dollar Produktionskosten wieder eingespielt, Stars auf der Besetzungsliste wie Patrick Stewart oder Sting konnten da nicht viel ausrichten. Der Traum, eine zweite interstellare Gelddruckmaschine wie George Lucas’ „Star Wars“ – das vom „Wüstenplaneten“ ironischerweise wesentliche Inspiration bezogen hatte – an den Start bringen zu können, schien vorerst ausgeträumt.

Denis Villeneuve hat Science-Fiction verstanden

Es ist also nicht frei von Kühnheit, wenn Denis Villeneuve nun mit einem Budget von 165 Millionen Dollar einen weiteren Versuch unternimmt – wobei andererseits auch kein Regisseur in Sicht ist, dem es mehr als ihm zuzutrauen wäre. Villeneuve hat mit „Arrival“ schon 2016 Sensibilität für das Science-Fiction-Genre bewiesen, vor allem aber gelang ihm 2017, was ihm wohl kaum jemand zugetraut hatte: Nämlich mit „Blade Runner 2049“ eine nicht nur passable, sondern sogar sehr sehenswerte Fortsetzung von Ridley Scotts Meisterwerk aus dem Jahr 1984 vorzulegen.

Und so begibt er sich also mit uns auf die Reise in die ferne Zukunft des Universums, die Frank Herbert, darin hellsichtiger und realitätsnäher als Lucas, nicht von Expansionsgelüsten beherrscht sah, sondern von Handelskriegen. Sie fokussieren sich auf eine psychotrope Substanz namens Spice, die das Leben verlängert und die Navigation durch das Universum ermöglicht.

Von Wüste, Spice und Sandwürmern

Aber das Spice ist eine seltene Erde, sie ist nur auf dem Planeten Arrakis zu haben, dem Wüstenplaneten, wo sich gigantische Sandwürmer durch die Dünen graben und alles Lebendige verschlingen. Die Eingeborenen, die sogenannten Fremen, haben es geschafft, auch unter diesen unwirtlichen Bedingungen zu überleben – sie sehen sich aber seit Jahrhunderten der Kolonisierung und Unterdrückung ausgesetzt.

Das ruchlose Haus Harkonnen, vom galaktischen Imperator mit dem Lehen des Wüstenplaneten ausgestattet, hat einen gnadenlosen Kampf gegen die Bevölkerung geführt, wird aber zu Beginn der Geschichte überraschend von seinen Aufgaben entbunden. An seiner Stelle wird das Haus Atreides eingesetzt, angeführt von Herzog Leto Atreides (Oscar Isaac). Seine Konkubine Lady Jessica (Rebecca Ferguson) gehört der Schwesternschaft der Bene Gesserit an, die es aufgrund moderaten Spice-Konsums zu übersinnlichen Fähigkeiten gebracht hat.

"Dune": Ganz ohne verknautschte Außerirdische

Unter anderem ist es ihren Angehörigen möglich, durch eine besonders gebieterische Stimmlage den Willen jedes Lebewesens zu brechen. Seinem Sohn und Erben Paul (Timothée Chalamet) wird dagegen nachgesagt, möglicherweise der von vielen Völkern erhoffte Mahdi zu sein, eine Erlösungsgestalt. Doch noch ist es nicht so weit, wie wir zu Beginn des Filmes erfahren – er ist noch zu jung, er muss noch lernen.

So greifen zwei Erzählstränge in diesem zweiteilig konzipierten Epos ineinander: die Geschichte einer Machtübernahme und der Bildungsweg eines Messias. Es ist das ausgeklügelte Set-Design, das diesem Film eine starke Überzeugungskraft verleiht. Die feucht-dunklen Gewölbe des Hauses Harkonnen, die noble Eleganz ihrer Gegenspieler, vor allem aber die raue Schönheit des Wüstenplaneten bei gleichzeitiger Abwesenheit albern verknautschter Außerirdischer machen diesen Film tatsächlich zum oft zitierten „Star Wars für Erwachsene“.

Die atmosphärische Intensität kann nicht jede Lücke im Plot überbrücken – die Einzelheiten der Intrige gegen die Atreiden bleiben im Dunkeln. Und natürlich kann Villeneuve von der fein verzweigten Vorlage nur die tragenden Äste hinüberretten. „Dune“ bleibt vor dem Hintergrund des Klimawandels und des globalen Ressourcenwettstreits dennoch eine sehenswerte Dystopie. Auf den zweiten Teil darf man gespannt sein.

„Dune“ 156 Min., ab 12 J., im Astor, Cinemaxx Dammtor/Harbg./Wandsbek, UCI Mundsbg./Othmarschen/Wandsbek, Hansa, Savoy (OF), Studio