Schriftstellerin

Sibylle Berg: "Die Spaltung der Gesellschaft ist gewollt"

| Lesedauer: 9 Minuten
Annette Stiekele
"GRM Brainfuck", Roman der Schriftstellerin Sibylle Berg, kommt bald in Hamburg auf die Bühne.

"GRM Brainfuck", Roman der Schriftstellerin Sibylle Berg, kommt bald in Hamburg auf die Bühne.

Foto: Soeren Stache / picture alliance/dpa

Am 24. September kommt Bergs Roman "GRM Brainfuck" im Thalia Theater auf die Bühne. Ein Gespräch mit der streitbaren Autorin.

Hamburg. Die in der Schweiz lebende Schriftstellerin und Dramatikerin Sibylle Berg zählt mit 27 Theaterstücken und 15 Romanen, die in 34 Sprachen übersetzt wurden, zu den erfolgreichsten zeitgenössischen Autorinnen im deutschsprachigen Raum. Ihr 2019 erschienener Roman "GRM Brainfuck" kommt nun auf die Thalia-Bühne. Wegen einer Erkrankung im Ensemble muss die für den 10. September geplante Premiere jedoch kurzfristig verschoben werden. Neuer Termin ist der 24. September. Allerdings gibt es am 10. und 11. September Voraufführungen mit reduziertem Ensemble. Gekaufte Tickets behalten ihre Gültigkeit.

Frau Berg, die Gesellschaft, die Sie in Ihrem Roman „GRM Brainfuck“ zeichnen, ist eine finstere. Neoliberalismus und Digitalisierung führen darin in eine menschenfeindliche Welt der totalen Überwachung. Sehen Sie die Zukunft derart hoffnungslos?

Sibylle Berg: Nein, es sieht doch alles gerade sehr gut aus. Außer man verlässt sein Mittelstandsleben in der Schweiz oder Deutschland kurz einmal. Und überprüft, was der obszöne Reichtumszuwachs einiger weniger und die rasende Verarmung vieler wirklich bedeuten. In Städten und Dörfern in ganz Europa, in Frankreich, Italien, Deutschland kann man die Zukunft besichtigen. An Orten mit kollabierender Infrastruktur, ohne Läden, Restaurants, ohne Jobs und mit einer Armut, wie man sie sich in dem oben beschriebenen Mittelstandsleben, das NOCH funktioniert und nur von schlechten Ahnungen überschattet wird, kaum vorstellen mag. Es gibt in fast allen größeren Städten Europas einen akuten Wohnraummangel bzw. Mieten, die kaum mehr bezahlbar sind, weil die Finanzprodukte der wenigen Reichen ja in etwas Solides, also Immobilien umgewandelt werden müssen. Die wachsende Arbeitslosigkeit der Ü50-Jährigen, Arbeitslosigkeit durch Digitalisierung vieler Berufsgruppen, die steigenden Lebenshaltungskosten, das Gefühl zunehmender Machtlosigkeit – und all das hat sich seit dem Erscheinen des Buches vor zwei Jahren extrem verschärft.

Auf 600 Seiten beschreiben Sie ja eine prekäre, abgründige Welt im Norden Englands, später Londons. Was hat Sie dorthin geführt? Der Brexit?

Sibylle Berg: Für meinen Roman „GRM Brainfuck“ (GRM ist die lautmalerische Abkürzung der Musikrichtung Grime, heißt im Englischen: Schmutz; Brainfuck ist der Name einer esoterischen Programmiersprache) habe ich zuerst ein Jahr lang mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern gesprochen und in England recherchiert. Ich versuche die Fragen, wohin sich unsere Gesellschaft bewegen wird, zu beantworten. Als ich auf England kam, hatte der Brexit noch nicht stattgefunden. England war das beste Beispiel für die nur verschwommen sichtbare Veränderung der Welt: extremer Reichtum, die Klassengesellschaft, die sich nie wirklich geändert hat, fast nirgends, das Gefühl, dass die Minderheit der extrem Reichen einen Krieg gegen die armen Teile der Weltbevölkerung führt. England ist für beides – für den Einsatz der Digitalisierung und das scheinbare Abschaffen armer Teile der Bevölkerung – führend in Europa. „GRM Brainfuck“ behandelt die Fragen, die sich gerade viele stellen: Was wollen die populistischen, faschistischen Kräfte, die derzeit weltweit einen Aufschwung erfahren? Welche Verbindung gibt es zwischen Neoliberalismus und der wachsenden Überwachung, der die meisten Bürgerinnen und Bürger aus Angst vor dem Terror bereitwillig zugestimmt haben? Außer einem bedingungslosen Grundeinkommen und dem „Chippen“ der Massen, was aber nur ein kleiner Gag war, ist fast jedes Szenario, das ich vor zwei Jahren beschrieben habe, entweder bereits eingetreten oder in Vorbereitung.

Die Figuren in „GRM Brainfuck“ sind ziemlich vom Leben, von Gewalt, Krankheit und prekären Lebensverhältnissen verbeulte junge, geschlechtlich diverse Rebellen, die immerhin gegen ihre Ohnmacht aufbegehren. Ihnen gegenüber stehen moralisch eher verkommene – meist männliche – Subjekte, die sie in unterschiedlicher Weise ausnutzen und Macht ausüben. Mögen Sie Ihre Figuren eigentlich?

Sibylle Berg: Eine Frage, die ich mir nie gestellt habe – ich konzentriere mich immer darauf, die Geschichte, die ich erzählen möchte, ohne Eitelkeit und ohne mich zu langweilen zu schreiben. Und hoffe, dass sich das auf Lesende überträgt. Ich den meisten meiner Bücher geht es mir nicht um ausführliche psychoanalytische Charakterstudien, sondern immer eher darum, wie sich die Gesellschaft, die Veränderung der Welt oder das Begeifern der eigenen Bedeutungslosigkeit auf das Handeln Einzelner oder Gruppen auswirken. Und die Gruppen, die mir näher sind, die mich mehr interessieren, weil sie oft über eine größere persönliche Freiheit verfügen, sind jene, die meist als Angehörige von Randgruppen bezeichnet werden. Einige Figuren in meinem Buch sind bösartig, andere müde, traurig, viele einfach überfordert von der sich rasant entwickelnden und verändernden Welt. Normal.

Wie tief sehen Sie die aktuelle Spaltung der Gesellschaft und inwiefern gefährdet das die Demokratie?

Sibylle Berg: Die sogenannte Spaltung der Gesellschaft ist meiner Ansicht nach ein politisch gewollter Akt, der die Reste der
Solidarität der Bevölkerungen weiter schwächt. Wäre das Ziel, eine solidarisch emphatische Gesellschaft zu stärken, würde der Schwerpunkt der Lehren, die wir in kapitalistischen Systemen erfahren, nicht im gegenseitigen Wettkampf bestehen.

Der Titel verweist ja auf die Grime-Musik, die als Nachfolge-Genre des Punk gilt. Harter, besonders schneller, sozialkritischer Rap. Welche Rolle spielt die Musik für Sie?

Sibylle Berg: Während ich in England für das Buch recherchierte und dort vornehmlich den großen Teil der vergessenen Bevölkerung besuchte (Menschen, die in der dritten Generation arbeitslos sind und die vom System nicht benötigt werden, die in untergegangenen Industriestädten, in sogenannten Falling Estates leben), kam ich zum ersten Mal in Kontakt mit Grime, der dort von fast allen Jugendlichen gehört und gesehen wird und dessen Stars Vorbilder für viele sind. Ich liebe Rap, Grime war mir nicht sehr bekannt. Durch die Arbeit am Buch und meine anschließende Tour, auf der mich drei Musiker der Ruff Sqwad Arts Foundation aus London begleitet haben, entstand bei mir der Wunsch, aus der Buchvorlage ein Musical zu machen.

Mögen Sie es, wenn Ihre Romane auf die Bühne gelangen? Die Koproduktion von Thalia Theater und Düsseldorfer Schauspielhaus, „GRM Brainfuck“, kam zuerst am Rhein heraus und kommt jetzt nach Hamburg. Haben Sie die Inszenierung gesehen?

Sibylle Berg: Ich habe, der Pandemie geschuldet, nur Aufzeichnungen gesehen. Auch der Traum, mit britischen Künstlerinnen und Künstlern und vor allem Jugendlichen gemeinsam ein Musical zu machen, das erst in Deutschland und dann in England aufgeführt wird, wurde durch die Pandemie zerstört. In meiner Vorstellung war es immer eine internationale Produktion, die auch auf Englisch aufgeführt wird. Ich hoffe, die Pandemie lässt es zu, dass ich mir die deutsche Version meiner Idee ansehen kann, für die ich ja auch die Vorlage geschrieben habe.

Mit dem Regisseur Sebastian Nübling verbindet Sie seit 2013 eine enge Zusammenarbeit. Warum funktioniert das so gut und worin liegt für Sie die Kraft des Theaters?

Sibylle Berg: Ich kann Ihnen das im Moment gar nicht sagen, denn ich sehe nur eine riesige Krise der Theater, die womöglich Tausende um ihre Arbeitsplätze bringt. Ich glaube im Moment noch nicht an eine Rückkehr zu früheren Zeiten. Wir haben gelernt, dass Kunst nicht systemrelevant ist und eigentlich abgewickelt werden kann. Es werden sicher Subventionen gekürzt, die Arbeitsbedingungen für selbstständige Theaterschaffende sind noch prekärer geworden. Autorinnen und Autoren, die vorher schon nicht wirklich zu den Lieblingen des Theaterbetriebes gehörten, haben sich teils neue Jobs im Einzelhandel gesucht, und die meisten haben nichts gefunden. Also würde ich die optimistische Frage nach der Kraft des The­aters gerne verschieben.

An einer Stelle im Roman heißt es, Zukunftsangst sei „ein Hobby der Alten, die ohnehin keine Zukunft mehr haben“. Wie sehen Sie die Zukunft?

Sibylle Berg: Wir befinden uns gerade in der digitalen Revolution. Sie hat die Überschrift: Das Leben für alle leichter, weniger anstrengend und kreativer zu machen, und vielleicht wird das eines Tages auch stattfinden. Im Moment jedoch muss sich die Weltbevölkerung rasend schnell an eine sich exponentiell beschleunigende Umstellung der Gesellschaft durch Digitalisierung gewöhnen, und das überfordert die meisten Menschen. Wir können ungefiltert jede Art von Informationen konsumieren, und das bringt viele auf die Idee des eigenen Expertentums, und so gibt es vermehrt Seuchenbefürworter und Reichsbürger. Wir befinden uns leider gerade in der schwierigen Phase, bevor eine Entwicklung in der Welt angekommen ist – die eventuell mit unserem Aussterben beginnt.

„GRM Brainfuck“ Voraufführungen: 10.9. (19.30 Uhr), 11.9. (20 Uhr), Thalia Theater