Ballett-Kritik

Das Hamburg Ballett hat ein neues Traumpaar

| Lesedauer: 5 Minuten
Annette Stiekele
Bezaubernd: Alexandr Trusch als Schäfer Aminta und die Erste Solistin Madoka Sugai als Nymphe Sylvia.

Bezaubernd: Alexandr Trusch als Schäfer Aminta und die Erste Solistin Madoka Sugai als Nymphe Sylvia.

Foto: Kiran West

Neumeiers Inszenierung „Sylvia“ ist 25 Jahre alt, überzeugt nun aber in einer mitreißenden Wiederaufnahme zur Saisoneröffnung.

Hamburg. Was für ein Spektakel! Selten sah der weibliche Teil des Corps de Ballett so schlagfertig aus. Mit großem Bogen im Anschlag, in Hotpants und Lederweste. Die ersten Pfeile der amazonenhaften Jägerinnenschar fliegen unter Kampfgeschrei aus dem Saal auf die Bühnen-Zielscheibe der Hamburgischen Staatsoper.

Ein ungewohntes Bild. Möglich macht es „Sylvia. Drei choreografische Gedichte über ein mythisches Thema“. Die Choreografie und Inszenierung von Hamburg-Ballett-Chef John Neumeier, dessen Libretto eigentlich auf dem Hirtenspiel „Aminta“ von Torquato Tasso basiert, ist bereits 25 Jahre alt, nun aber in einer mitreißenden neu einstudierten Wiederaufnahme zur Saisoneröffnung der Jubiläumsspielzeit in neuer Besetzung zu erleben.

Neumeiers „Sylvia": Libretto unter Kitschverdacht

Das unter Kitschverdacht stehende Libretto von Jules Barbier und Baron de Reinach ist von Neumeier schon seit damals aufgelöst in Tableaus aus Poesie und Bewegung. Abstrakt ist es gleichwohl nicht, sondern lehnt sich weiter an die Erzählung und Elemente der Mythologie an. Legt den Fokus aber auf die Begegnung zweier grundverschiedener Figuren – die dennoch zueinanderfinden.

Im Kreise der begeisternden Jagd-Gefährtinnen Dianas glänzt die Erste Solistin Madoka Sugai als Nymphe Sylvia. Biegsam, jederzeit sprungbereit und mit offenem Haar, lässt sie ihren Körper in Pirouetten fliegen, streckt ihn durch, zeigt das Spiel ihrer eindrucksvollen Muskeln und nimmt eine aufrechte und selbstbestimmte Pose ein. Eine Rebellin voller Temperament und Durchsetzungskraft. Eine moderne Penthesilea.

"Rettet den Wald": Kleine Reminiszenz an den Zustand der Welt

Yannis Kokkos’ Bühnenbild zitiert mit seiner leuchtend grünen Wand Paul Eluards „La terre est bleue comme une orange“. Doch die schöne Scherenschnitt-Pinie, die sich am Bühnenrand erhebt, ist hier bedroht, wenn der Erste Solist Alexandr Trusch als Schäfer Aminta im dritten Teil mit einem Plakat und der Aufschrift „Rettet den Wald“ über die Bühne läuft. Eine kleine, aber wesentliche Reminiszenz an den Zustand der Welt.

Zunächst aber sucht Truschs gleichermaßen mit Hingabe und Virtuosität getanzter, mitfühlender aber eben auch liebenswert schüchterner Aminta den Wald auf, um die Nymphe Sylvia aus dem Gefolge der kriegerischen – und keuschen – Diana zu treffen. Als Liebesbote fungiert Christopher Evans als Eros, von Yannis Kokkos in eine rote Latzhose mit einer entblößten Brust gewandet. Dank schwebender Leichtigkeit und geradliniger Eleganz heizt er die Waldatmosphäre sinnlich auf.

„Sylvia“ ist ein Abend voll tänzerischer Leichtigkeit

Doch unter der Jägerinnenschar ist kein Platz für Gefühle. Nach einem hinreißend innigen Pas de Deux des grandiosen Duos Trusch und Sugai verleugnet sie den Freund gegenüber Diana. Die grazile Anna Laudere gibt sie ungewohnt athletisch, facettenreich und voll innerer Stärke. Aber auch in Diana ringen zwei Seelen miteinander. Und wenn der Mond sich über dem satten Grün des Waldes hebt, erinnert sie sich in einer einsamen Stunde der Liebe, die sie einst mit dem von Jacopo Bellussi sensibel verkörperten Endymion verband.

Das Unglück des durch die Zurückweisung verstörten Amintas erkennend, greift Eros erneut ein, wechselt die Gestalt und entführt Sylvia in ein Reich der Sinne. In einem Saal mit einem monumentalen antiken Männertorso trifft sie in Abendrobe gleich auf eine ganze Schar elegant befrackter, lustvoller Männer, die sie buchstäblich auf Händen tragen. Hier begeistern unter anderem Matias Oberlin, Félix Paquet und David Rodriguez als Verführer. Mit sicherer Hand dirigiert Markus Lehtinen dazu das Philharmonische Staatsorchester und die meist positiv auf und ab wogende Musik von Léo Delibes, der im Übrigen ein Schüler des „Giselle“-Komponisten Adolphe Adam war.

Der Neoklassik kommt dieser Teil noch am nächsten, wirkt aber in der Gesamtschau des Abends etwas künstlich und steif. Und so kommt es erst am Ende im geheimnisvollen Wald mit silbrig gewandeten wundersamen Wesen zum Höhepunkt und Wiedersehen der Entzweiten. Anrührend, wie Trusch und Sugai hier stur geradeaus blickend ihre Hände fassen, ängstlich wieder loslassen, einander mit sanften Schritten folgen, tragen, umschlingen. Die Innigkeit des Pas de Deux in „Sylvia“ ist legendär, das neue Traumduo füllt sie aufs Schönste aus. Aber das Paar ist dabei wunderbar eingebettet in große Tableaus des Corps de Ballet. „Sylvia“ ist ein Abend voll tänzerischer Leichtigkeit, aber auch berührender Intimität – und ein universell gültiges Plädoyer für den Sieg der Natur, des Gefühls, des Miteinanders.

„Sylvia“, weiter Vorstellungen am 8.9., 19.30, 11.9., 19.30, 17.9., 19.00, 20.5.2022, 19.30, Hamburgische Staatsoper, Karten: T. 35 68 68