Hamburger Sänger

Axel Bosse auf der Flucht vor der Kitschpolizei

| Lesedauer: 6 Minuten
Tino Lange
Auf der Sonnenblumenseite des Lebens: Bosse.

Auf der Sonnenblumenseite des Lebens: Bosse.

Foto: Marco Sensche

Der Musiker über sein Album „Sunnyside“, kulturelle Isolation und den Dreikampf zwischen Hamburg, Berlin und Braunschweig.

Hamburg. Mit zuletzt zwei Nummer-eins-Alben in Folge gehört der Hamburger Sänger und Songschreiber Axel „Aki“ Bosse zu den erfolgreichsten deutschen Pop-Künstlern. Mit der neuen Platte „Sunnyside“ läutet er jetzt das „Ende der Einsamkeit“ ein, denn besonders die kulturelle Isolation hat an seinem Selbstverständnis genagt, wie er beim Kaffee in einem Hotel in der HafenCity erzählt.

Hamburger Abendblatt: In der MTV-Sendung „Celebrity Deathmatch“ verprügelten sich seinerzeit Knetfiguren von Westernhagen und Grönemeyer oder Campino und Bela B. Wer könnte in einer Neuauflage gegen Sie antreten? Thees Uhlmann und Marcus Wiebusch, mit denen Sie kürzlich im Stadtpark spielten? Johannes Oerding?

Axel Bosse: Ich würde es mit Thees und Marcus auf einmal aufnehmen. Aber das würde wohl in einem Saufgelage enden. Da steht am Ende Thees Uhlmann. Mit Johannes würde ich viel lachen – und am Ende bleibt er auch stehen. Ich bin nicht so stark am Glas wie die Leute glauben, und fighten würde ich mit keinem von denen.

Was Sie trotz aller stilistischen Unterschiede zwischen Ihnen, Uhlmann oder Oerding gemeinsam haben ist die stetige Erweiterung des musikalischen Spektrums, das mit seiner Vielfalt in immer größere Hallen geführt hat. Das ist gut zu hören auf „Sunnyside“.

Bosse: Es wurden mit den Jahren in jeder Stadt mehr Leute auf den Konzerten, ohne das die Musik darauf angelegt ist. Auf „Sunnyside“ entwickle ich mich musikalisch und textlich weiter, so wie auf allen anderen Alben auch. Schön divers, bunt und ohne roten musikalischen Faden. Jeder Song bekommt was er verdient. „Hinter dem Mond“ klingt wie eine 90er-Shoegaze-Nummer, „Sommer“ wie Justice …

… „Ende der Einsamkeit“ hingegen total nach Tomte. Dann haben wir Verweise auf Ed Sheeran und Electro und Rapper Disarstar als Studiogast. Eine bunte Tüte. Sie wollen also nicht Bad Religion sein, die nur zwei Songs geschrieben haben: den Schnellen und den nicht ganz so Schnellen.

Bosse: Genau! Ich liebe Bad Religion oder auch AC/DC. Aber so wollte ich nicht sein. Das ist vielleicht auch der einzige Vorteil, nicht Teil einer Band zu sein. Ich kann beim Hurricane Festival spielen, während sich die Kids die Fressen einrennen, beim Taubertal vor Limp Bizkit oder auch mal ein entspanntes N-Joy-Radiokonzert. Das schlimmste wäre Langeweile in der Kunst. Nicht so oft wiederholen, raus aus der eigenen musikalischen Favela und mutig sein.

„Ende der Einsamkeit“: Waren Sie einsam in den letzten 18 Monaten abgesehen von ihrer Zeit mit Frau und Tochter?

Bosse: Ja, schon. Vor allem kulturell einsam. Erst in den letzten Monaten ist mir überhaupt bewusst geworden, was für ein Leben ich eigentlich vor Corona führen durfte. Ich bin jetzt 41 und mache seit ich 16 bin nichts anderes als Musik, hin und her Tingeln und Kommunizieren, Tanzen und live Spielen. Als das weg war, hat sich dieser Teil von mir absolut unlebendig gefühlt.

Absolut ans Herz geht das Lied „Vater“: Sie erzählen von Ihrem Vater und Ihnen, und was er alles für Sie getan hat. Manchmal wirken so persönliche Lieder kitschig oder aufdringlich. Aber „Vater“ zeigt, wie schön das ganz normale Leben ist.

Bosse: Mein Vater ist alt geworden, und wir wollten noch mal zusammen durch verrottete englische Zweitligastadien ziehen, als die Pandemie begann. Nach einem zweistündigen Telefonat habe ich meinem Alten dann einen Brief geschrieben, aus dem der Song wurde. Den wollte ich erst niemandem zeigen. Aber dann habe ich das Lied Ingmar Süberkrüb vom Kaiser Quartett geschickt, meiner Kitschpolizei. Der meinte: „Das ist nicht kitschig, das machst du jetzt genau so.“

Fühlen Sie sich auch schon alt manchmal? Wenn Ihre Plattenfirma eine TikTok-Kampagne vorschlägt zum Beispiel?

Bosse: Ja, das bringt es perfekt auf den Punkt. Facebook war damals schon eine große Überwindung, aber TikTok … schlimm auf den ersten Blick. Aber es interessiert mich, weil es die größte Plattform der nächsten drei Jahre sein wird. Bis die nächste kommt. Und wenn Bernie Sanders einen TikTok-Account hat, sollten auch Annalena Baerbock und Bosse einen haben. Und es gibt dort wirklich auch gute Inhalte. Man muss nur danach suchen …

Apropos Bernie Sanders: Ihr Gast Disarstar ist ein in seinen Worten „nicht nur ein bisschen radikaler“ Straßenrap-Marxist. Wie kam es zum gemeinsamen, zeitkritischen Lied „Blumen über Dreck“?

Bosse: Ich habe mit Axel Horn, früher Manager und Bassist von Such A Surge, letztes Jahr die Booking-Agentur „Auf die feine Tour“ gegründet und Disarstar war unser erster Künstler. Ich schätze ihn sehr. Da hat es einfach Klick gemacht.

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Das Album endet mit „Vorfreude“: Worauf freuen Sie sich?

Bosse: Ich glaube wirklich, 90 Prozent meines Antriebs morgens aufzustehen bestehen aus Vorfreude. Besonders auf Dinge, die ich noch nicht erlebt, gesehen, geschmeckt oder berührt habe, die nach Abenteuer riechen.

Noch ein „Celebrity Deathmatch“, Astra gegen Wolters: Hamburg oder ihre alte Heimat Braunschweig – wer gewinnt?

Bosse: Auf Fußball bezogen würde ich sagen: HSV-Braunschweig 1:4, St. Pauli-Braunschweig 4:4. Gemütlichkeit wird in Braunschweig sehr groß geschrieben. Das ist wirklich krass schön dort. Nach Hamburg bin ich gekommen, weil meine Frau auf St. Pauli lebte und keinen Bock auf Berlin hatte, aber vielleicht suchte ich auch den Kompromiss zwischen Berliner Großstadtflair und Braunschweiger Gemütlichkeit. Und zum Kinder kriegen ist Hamburg einfach perfekt.

Bosse live So 17.4.2022, 20.00, Barclays Arena, Karten ab 40,- im Vorverkauf; www.axelbosse.de