Corona

So viele Clubs in Hamburg wollen 2G einführen

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Falk Schreiber
Clubs in Hamburg haben die Wahl: 2G oder 3G als Modell zum Schutz vor Corona einführen. Sind dann ausgelassene Konzerte, wie das von Jimmy Cornett and the Deadmen im Knust wieder möglich? (Archivbild)

Clubs in Hamburg haben die Wahl: 2G oder 3G als Modell zum Schutz vor Corona einführen. Sind dann ausgelassene Konzerte, wie das von Jimmy Cornett and the Deadmen im Knust wieder möglich? (Archivbild)

Foto: Lars Hansen / xl

Nur noch Geimpfte und Genesene bei Konzerten zulassen? Die Hamburger Clubszene kann sich entscheiden – und sieht ein Dilemma.

Hamburg. „Seit 18 Monaten warten wir auf eine Öffnungsperspektive“, meint Thore Debor, Geschäftsführer des Nachtleben-Interessensverbandes Clubkombinat. „Und jetzt ist plötzlich Bewegung da.“ Bemerkenswert ist, dass Debor nicht wirklich glücklich wirkt, als er das sagt. Weil die Öffnungsperspektive aus dem Corona-Lockdown, der seine Branche getroffen hat wie keine andere, darin besteht, dass Hamburg Öffnungen nach dem 2G-Prinzip ermöglichen will: Die Clubs dürfen Gäste begrüßen, sofern diese entweder von einer Corona-Erkrankung genesen oder aber geimpft sind, ein Teil der aktuellen Corona-Einschränkungen fällt dafür weg. Beim Clubkombinat aber ist man skeptisch, ob das durchsetzbar ist.

Debor und Verbandsvorstand Anna Lafrentz haben ins uebel & gefährlich im Feldstraßenbunker geladen, um die die Politik zu den Plänen zu befragen: Die grüne Fraktionsvorsitzende Jenny Jasberg und Isabella Vértes-Schütter, kulturpolitische Sprecherin der SPD-Bürgerschaftsfraktion, sitzen dann also im verwaisten Clubambiente und lassen sich ins Kreuzverhör nehmen.

Clubs in Hamburg zu 2G: "Fühlen uns verarscht"

„Wir fühlen uns, dezent gesagt, verarscht“, greift Lafrentz die Regierungspolitikerinnen an. Sie glaubt, dass die Politik hier die Verantwortung für den Impffortschritt auf die Kulturinstitutionen abwälzen würde – sollen die Clubs eben dafür sorgen, dass sich die Leute impfen lassen.

„Es tut mir leid, wenn das so ankommt“, entschuldigt sich Vértes-Schütter, studierte Medizinerin und im Hauptberuf Intendantin des Ernst-Deutsch-Theaters. Was sie zwar in gleich doppelter Hinsicht zur Fachfrau macht, gleichzeitig aber nicht verschleiern kann, dass ein echtes Problem des 2G-Modells die Personen sind, die gar keine Möglichkeit haben, sich impfen zu lassen: Schwangere zum Beispiel. „Natürlich kann man da sagen, dass wir Menschen ausschließen“, stimmt die Sozialdemokratin zu. „Man kann aber auch sagen, dass wir die Menschen schützen, die sich nicht impfen lassen können.“

Ein Widerspruch, der auch dadurch nicht gelöst wird, dass Vértes-Schütter betont, einen Lernprozess zu durchlaufen, dass die neuen Regeln sich in der Praxis erst einmal beweisen müssten und im Zweifel auch nochmal angepasst werden sollten.

Corona in Hamburg: Tanzen mit Atemschutzmasken?

Ein weiteres Problem: Nachtleben ist einerseits Musikhören, andererseits auch Tanzen, körperliche Entgrenzung, Rausch. Die Gefahr einer Ansteckung mit Corona ist in der Regel bei Letzterem deutlich erhöht, weswegen den Clubs im 2G-Modell die Aufgabe zufallen würde, Tanzexzesse zu vermeiden. „Wo ist eine Veranstaltung denn noch ein Konzert, und wo fängt das Tanzen an?“, fragt uebel-&-gefährlich-Booker Malte von der Lancken aus dem Publikum, und auch Grünenpolitikerin Jasberg sieht, dass die Regeln hier praxisfern sind.

„Ich hoffe, dass wir diese Diskussion nicht führen müssen“, meint sie, „Fußwippen geht noch, Kopfnicken nicht.“ Weswegen man aber erst Regeln aufstellt und dann hofft, dass die Einhaltung dieser Regeln nicht kontrolliert wird, das sagt sie nicht. Und das geht dann ja noch weiter: Tanzen mit Atemschutzmasken? In Hamburg ist das so geplant, in Baden-Württemberg hingegen sei die Maskenpflicht angesichts aufwendiger Belüftungssysteme in Clubs gefallen, weiß Debor.

Corona in Hamburg: So viele Clubs führen 2G ein

Allerdings betont Vértes-Schütter, dass das 2G-Modell keinesfalls zur Pflicht werden solle: Wenn ein Club weiter bei 3G bleiben möchte, um auch negativ Getestete einzulassen, dann dürfe er das, müsse allerdings auch größere Einschränkungen in Kauf nehmen. Clubkombinat-Vorstand Lafrentz weiß: Ungefähr ein Drittel der bei ihr organisierten Clubs dürfte diese Option in Anspruch nehmen, ein Drittel wolle auf 2G wechseln, und ein weiteres Drittel sei sich noch nicht sicher. Was auch die Position der Politik abbildet: Man ist sich unsicher, in jeder Hinsicht.

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„Wann ist denn der Punkt erreicht, an dem die Beschränkungen wegfallen?“, fragt Lafrentz, und Vértes-Schütter antwortet mit entwaffnender Ehrlichkeit: „Ich glaube nicht, dass das zum jetzigen Zeitpunkt überhaupt jemand beantworten kann.“ Ihre grüne Kollegin Jasberg lehnt sich ein bisschen weiter aus dem Fenster: „Wir sind jetzt in einer Übergangsphase, in der wir lernen, mit dem Virus zu leben.“ Was übersetzt heißt, dass sich die aktuelle Situation wohl verstetigen wird. Wir werden mit dem Virus leben und unseren Clubbesuch entsprechend ausrichten, ob nun unter einem 2G- oder einem 3G-Modell.

Immerhin, dass das Nachtleben ein zartes Pflänzchen ist, das gehegt werden will, darüber sind sich alle einig. Jasberg: „Ohne Clubszene ist Hamburg auch ’n büsschn langweilig.“ Und das will ja wohl niemand.