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„Der Masseur“: Einmal Handauflegen und alles wird gut

| Lesedauer: 3 Minuten
Der Masseur Zenia (Alex Utgoff)  kommt bei Männern (Lukasz Simlat) wie Frauen (Weronika Rosati) ausgesprochen gut an.

Der Masseur Zenia (Alex Utgoff) kommt bei Männern (Lukasz Simlat) wie Frauen (Weronika Rosati) ausgesprochen gut an.

Foto: Jaroslaw Sosinski / dpa

Das Gesellschaftsporträt „Der Masseur“ von der polnischen Regisseurin Małgorzata Szumowska war ein Oscar-Kandidat.

Hamburg. Es sind Wellness-Stunden, wie wir sie in Corona-Zeiten alle gut gebrauchen könnten: Einfach mal auf die Massagebank legen und sich verwöhnen lassen. Und dieser Masseur scheint ja echt heilende Hände zu haben. Wobei er seine Klienten gar nicht groß massiert, es reicht, sie zu berühren, Hand an sie zu legen, schon fallen sie in einen tranceähnlichen Zustand. Aus dem sie völlig beseelt und mit neuer Energie wieder erwachen.

Dabei könnten die Gegensätze kaum größer sein. Der Masseur namens Zenia (Alec Utgoff) stammt aus der Ukraine, kam illegal über die Grenze nach Polen, hat sich eine Arbeitserlaubnis erschlichen und haust in einem tristen Wohnblock am Rande der Großstadt. Seine Kunden allerdings residieren in großen, klassizistischen Villen. Mit einem Flüchtling wie Zenia würden solche Neureiche sonst nichts zu schaffen haben wollen.

„Der Masseur“ war polnischer Kandidat für den Auslands-Oscar

Aber nicht ihm scheint es an etwas zu mangeln. Sondern ihnen. Sie alle empfinden eine Leere, Traurigkeit oder einen Schmerz. Eine ist von ihren Kindern überfordert, eine dem Alkohol verfallen, eine kann den Tod ihres Mannes nicht verwinden und ein anderer erwartet seinen eigenen Tod. Zenia aber kann nicht nur jede Verspannung, jedes körperliche Gebrechen erspüren, er kann sich regelrecht in die Seelen seiner Kunden hineintasten.

In den Filmen der polnischen Regisseurin Małgorzata Szumowska geht es stets um das Wechselspiel von Körper und Seele: im Magersucht-Drama „Body“ (Silberner Bär 2015), in „Die Maske“ über die erste Gesichtstransplantation in Polen (Silberner Bär 2017) oder nun in „Der Masseur“, der 2020 in Venedig lief und polnischer Kandidat für den Auslands-Oscar war.

Geheimnisvoller Fremde erinnert an Pier Paolo Pasolinis „Teorema“

Der geheimnisvolle Fremde erinnert an Pier Paolo Pasolinis „Teorema“ – wie dort wollen hier zumindest die weiblichen Kunden auch anderweitig körperlichen Kontakt. Doch auch die Männer fühlen sich erlöst. Der Masseur scheint ein echter Messias. Aber auch ein Mysterium. Seine metaphysischen Kräfte könnten eine Folge des Reaktorunglücks von Tschernobyl sein. Weil der Ukrainer dort geboren wurde, exakt sieben Jahre vor dem GAU, er also buchstäblich verstrahlt ist.

Und da ist noch eine weitere politische Komponente: Die Geschichte spielt im Polen der postkommunistischen Ära, wo sich alle nach den vielen Mangeljahren im Kapitalismus eingerichtet haben. Und nach außen abschotten. Der protzige Villenvorort wirkt wie eine Metapher auf die „Festung Europa“, in der man sich gegen die Nöte der restlichen Welt isoliert und einigelt. Und doch, allem Wohlstand zum Trotz, seines Lebens nicht froh wird.

Zenia scheint wie ein Wesen aus einer anderen Welt

Zenia verfolgt bei seiner Arbeit gar keine eigennützigen Ziele. Er scheint wirklich ein Wesen aus einer anderen Welt, der die Seelen der gepeinigten Klienten befreit. Szumoswska, die erstmals mit ihrem langjährigen Ko-Autor Michał Englert auch gemeinsam Regie führte, lässt den Film in einem spannungsvollen Schwebezustand. Ohne sich je in esoterische Schwurbelei zu verlieren, lässt dieses Gesellschaftsporträt viele Lesarten zu. Eine feinfühlige und hochironische Erweckungs- und Erlösungsfantasie, die auch beim Zuschauen anregt.

„Der Masseur“ 120 Minuten, ab 12 Jahren, läuft im Studio-Kino (OmU); Infos im Internet: realfictionfilme.de