MeToo-Thriller

„Promising Young Woman“: Eine Frau sieht rot

| Lesedauer: 5 Minuten
Peter Zander
An jedem Wochenende geht Cassy (Carey Mulligan) aufgetakelt in eine Bar – was dann passiert, kommt für die Männer unerwartet.

An jedem Wochenende geht Cassy (Carey Mulligan) aufgetakelt in eine Bar – was dann passiert, kommt für die Männer unerwartet.

Foto: Focus Features/Courtesy Everett Collection / Universal

Ein klassischer Rachefilm ist „Promising Young Woman“ nicht, stattdessen bricht der Film mit den Erwartungen.

Hamburg. Die aufreizende junge Frau ist sturzbetrunken und schläft in der Bar fast im Sitzen ein. Gierig gaffen Männer sie an und lassen hämische Machosprüche fallen: „Mann, die leben echt gefährlich, solche Frauen.“ Einer von ihnen bietet ihr an, sie nach Hause zu bringen. Doch schon im Taxi fragt er sie, ob sie noch auf ein Bier mit zu ihm will. Als er die Situation ausnutzen will und auf seinem Bett zudringlich wird, stammelt sie trunken: „Was machst du da?“ Dann wiederholt sie den Satz. Diesmal stocknüchtern.

Es ist, wie der Film „Promising Young Woman“ zeigt, ein regelmäßiges Ritual. An jedem Wochenende geht Cassy (Carey Mulligan) aufgetakelt in eine Bar, spielt die Betrunkene und lässt sich abschleppen. Um den „netten Herren“ kurz vor dem Sex zu zeigen, dass sie eine Falle gestellt hat. Cassy erteilt ihnen eine Lektion. Und markiert hinterher einen dicken Strich in ihr Notizbuch. Es ist eine dicke Kladde, die Strichliste ist lang.

Rache-Thema im Kino wird bei Frauen anders behandelt

Dass Männer Rache üben, ist im Kino gang und gäbe. Charles Bronson („Ein Mann sieht rot“) hat seine ganze Karriere über nichts anderes getan. Dabei werden diese Rächer-Figuren fast immer als Helden gezeichnet. Gebrochene Helden, aber doch: Identifikationsfiguren.

Bei Frauen ist das ambivalenter. Es gibt zwar auch hier ein eigenes Subgenre, den sogenannten Rape-and-Revenge-Film, in dem Frauen sich an ihren Vergewaltigern rächen, wie „Ich spuck auf dein Grab“ (1978) oder „Extremities“ (1986). Aber Frauen werden hier eher als Furien gezeigt. Und diese Filme lösen nicht selten Kontroversen aus: weil sie die Gewalt an Frauen, die sie anprangern, meist doch drastisch abbilden. Und mit der Selbstjustiz der Frauen immer auch reaktionäres Gedankengut bedienen.

Erwartungshaltungen werden gebrochen

„Promising Young Woman“ ist nun der jüngste derartige Film – und der erste seit der #MeToo-Debatte, weshalb er auch schon als „MeToo-Thriller“ gefeiert wird. Und doch ist Emerald Fennells anders: weil er die Erwartungshaltungen immer wieder bricht und gängige Genreklischees unterwandert. Welche Lektion Cassy ihren Männern erteilt, wird lange nicht gezeigt. Und lange bleibt auch unklar, warum sie sich an der Männerwelt rächt. Nur eines wird schon früh deutlich: Ihre schrillen Kostüme, das niedliche Girlie-Gehabe, all das Verspielte, Poppigbunte, das auch das Setting ihres Coffeeshops bestimmt, ist nur aufgesetzt. Was alles erst sehr süß wirkt, wird bald bitter. Und hinter Cassys lächelnden Maske klafft eine tiefe Leere.

Diese Fassade kommt schließlich ins Bröckeln, als eines Tages in ihrem Café Ryan (Bo Burnham) auftaucht, ein Kinderarzt, mit dem sie Medizin studiert hat, der immer in sie verliebt war und sie nun ausführen will. Sie wäre eine tolle Ärztin geworden, schmeichelt er, was ist nur dazwischen gekommen? An dieser Stelle bricht der bis dahin beinahe komische, fast satirische Ton dieser Selbstermächtigungsfantasie, und der Film wird ein ganz anderer.

Stilsicher werden die üblichen Klischees des Genres unterwandert

Schon das Drehbuch von Emerald Fennell landete 2018 auf der Blacklist der besten unverfilmten Ideen Hollywoods. Am Ende konnte sie es selbst verfilmen, obwohl sie bis dahin noch keinen Film inszeniert hat. Die Britin ist eigentlich Schauspielerin, hat etwa in der Kultserie „The Crown“ Camilla Parker-Bowles gespielt, aber auch schon die BBC-Serie „Killing Eve“ geschrieben und mitproduziert. Ihr Regiedebüt wurde gleich für fünf Oscars nominiert, und einen, den für das beste Drehbuch, konnte sie selbst entgegennehmen.

Stilsicher unterwandert sie die üblichen Klischees des Genres. Und besetzt auch ihre Hauptfiguren gegen ihr Klischee: Bo Burnham ist eigentlich Komiker und Carry Mulligan eher auf verlorene oder zumindest defensive Charaktere festgelegt in Filmen wie „Shame“, „Drive“ oder „The Great Gatsby“. Sie hat auch dabei oft Maßstäbe gesetzt und nicht wenige Filme geadelt, überrascht hier aber einmal in einer ganz anderen Rolle.

Am Ende nimmt der Film eine ganz überraschende Wende

Der Name kommt dabei nicht von ungefähr, Cassy gemahnt an Kassandra, die Seherin der griechischen Mythologie, die stets das Unheil voraussah, aber nie Gehör fand. Diese Kassandra nimmt das Fatum beherzt selbst in die Hand. „Wer braucht schon Verstand“, sagt sie einmal: „das hat noch keiner Frau genützt.“ Ein Satz, der weht tut.

Dabei ist der Weg der titelgebenden junge Frau auch ein Martyrium, ja eine Passion. Immer wieder gibt es biblische Verweise und Anspielungen, gleich anfangs etwa, wenn Cassy aufs Bett geworfen wird und dabei ihre Arme ausbreitet wie bei einer Kreuzigung. Doch der klassische Rachefilm wird hier nie eingelöst, kommt nicht zur üblichen Auge-um-Auge-Auflösung.

Nein, am Ende nimmt der Film noch mal eine ganz überraschende Wende. „Promising Young Woman“ ist ein Film, der erst belustigt, dann verstört und lange nachwirkt. Ein vielversprechendes Debüt von einer Filmemacherin, von der man hoffentlich noch viel hören und sehen wird.

„Promising Young Woman“ 114 Minuten, ab 16 Jahren, läuft im Abaton, Astor FilmLounge, Cinemaxx Dammtor, Savoy, Studio, Zeise