Theater Hamburg

Deutsches Schauspielhaus plant politische Spielzeit

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Die Hamburger Designagentur Rocket & Wink hat für das Deutsche  Schauspielhaus wieder wilde Spielzeit-Logos erfunden.

Die Hamburger Designagentur Rocket & Wink hat für das Deutsche Schauspielhaus wieder wilde Spielzeit-Logos erfunden.

Foto: Rocket & Wink/Schauspielhaus

Die Saison wird aufregend: Revolution, Sterbehilfe – und seit wann hat Gustaf Gründgens einen Bruder namens Günther?

Hamburg.  Und plötzlich ist hier gar nichts mehr abstrakt. Kein „Stoff“, kein „Thema“. Sondern ein Leben. Was für die Hamburger Journalistinnen, Theaterkritiker oder Dramaturginnen, die mit Kaffee und gezücktem Bleistift auf den Zuschauersofas im Malersaal platziert sind, eigentlich ein Routine-Termin im Jahreskalender ist, bedeutet für Viktor Martinowitsch ein ganz konkretes Risiko: die Teilnahme an der Spielzeit-Pressekonferenz des Deutschen Schauspielhauses.

Via Skype ist der weißrussische Schriftsteller, Jahrgang 1977, live aus Minsk auf die große Leinwand zugeschaltet: „Es ist nicht sehr sicher für mich, hier mit Ihnen zu sprechen“, sagt er, fast schon leichthin. Die Kopfhörerkabel baumeln, das Englisch ist generationstypisch souverän. Aus einem „ausgesprochen schwierigen Land in ausgesprochen schweren Zeiten“ melde er sich jedoch, einem Land, in dem die Kultur vom Regime systematisch zerstört und eingeschüchtert werde. Sein Verleger sei verhaftet worden, berichtet Viktor Martinowitsch, sein Buch beschlagnahmt, seine Leser seien vermutlich bald alle ausgewandert.

Schauspielhaus bringt „Revolution“ auf die Bühne

Auch wer sonst nicht dazu neigt, die „Kraft des Theaters“ zu beschwören, versteht: Es ist so viel mehr als bloß ein weiteres Datum im Premierenreigen, dass der tschechische Regisseur Dušan David Pařízek Martinowitschs aktuellen Roman in dieser Spielzeit am Deutschen Schauspielhaus auf die Bühne bringen wird. „Revolution“ heißt das Buch, das vor allem vom Fortbestand der Macht erzählt, eine „groß angelegte Verschwörungstheorie in Romanform“, fasst Karin Beier zusammen, über „menschliche Verführbarkeit, Macht, Gier und ein System, das über den Einzelnen verfügt“, die sich „wie ein Kommentar zu den Protesten in Belarus“ lese.

Die Intendantin zeigt sich ungewohnt bewegt, sie sei stolz, dass sie seine Arbeit präsentieren dürfe, „voller Bewunderung“ für die Stärke dieses jungen Intellektuellen, der betont, nicht „wie ein Krimineller fliehen“ zu wollen, nur weil er Bücher schreibe, der für seine Kunst ein solches Risiko auf sich nehme. Die Uraufführung soll am 30. April 2022 stattfinden. Niemand weiß, wo Viktor Martinowitsch dann sein und wie es ihm und seinem Land dann gehen wird.

Theater beschäftigt sich mit Freiheit und Gemeinwohl

„Freiheit“, „Staatsmacht“, „Gemeinwohl“ – diese drei Kernbegriffe der Gegenwart beschäftigen das Theater nicht nur in Bezug auf die auch in dieser Saison andauernde Pandemie (Karin Beier: „Wir geben uns sehr Mühe, optimistisch zu sein“), sondern finden sich auch im weiteren Spielplanverlauf. Dessen Auftakt hatte das Haus schon vor der Sommerpause bekannt gegeben: Am 3. September feiert Karin Henkels „Richard the Kid & the King“ Deutschlandpremiere, bei den Salzburger Festspielen war die Produktion bereits hochgelobt worden.

Nach „Die Brüder Karamasow“ im Großen Haus und „Café Populaire“ im Malersaal folgt am 18. September die erste Regiearbeit der Intendantin: Karin Beier bringt Ian McEwans Roman „Kindeswohl“ auf die Bühne. Anders als bei Goetz’ „Reich des Todes“ und der ähnlich opulenten Jelinek-Uraufführung „Lärm. Blindes Sehen, Blinde sehen!“ in der Vorsaison werde der Abend eine „rhetorische Kammermusik“ sein. Projektcharakter hat Beiers Produktion „Aus dem Leben“ (Premiere: 11.12.), in der sie mit der Journalistin Brigitte Venator das Thema Sterbehilfe bearbeitet.

Frisch auf der Bühne: „Die Freiheit einer Frau“

Unter den bereits geprobten und wegen des Lockdowns verschobenen Arbeiten sind Frank Castorfs Joseph-Conrad-Produktion „Der Geheimagent“ (12.11.), „Coolhaze“ von Studio Braun (4.12.), Michael Thalheimers Koltès-Inszenierung „Quai West“ (18.12.) und im Januar „Geschichten aus dem Wiener Wald“ in der Inszenierung von Heike M. Goetze – hier hatte es bislang nur eine gestreamte „Geisterpremiere“ gegeben.

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Frisch dazu kommt unter anderem „Die Freiheit einer Frau“ nach dem neuen Buch von Édouard Louis in der Regie von Falk Richter (5.3.22). Louis, der immer wieder autobiografisch die Klassengesellschaft Frankreichs beschrieben hat („Das Ende von Eddy“) , widmet sich hier dem Leben seiner eigenen Mutter. Gewohnt schräg und lustig dürfte es bei Barbara Bürk und Clemens Sienknecht („Effi Briest, allerdings mit anderem Text und auch anderer Melodie“) werden, die diesmal einen musikalischen Festakt für Günther Gründgens einrichten – richtig, Günther. Nicht Gustaf. Es handelt sich um den (fiktiven) Bruder, die Premiere ist im Januar.

SIGNA lädt ins Altonaer Paketpostamt

Herbert Fritsch beschäftigt sich mit dem Wahnwitz von Thomas Bernhard, der „Die Jagdgesellschaft“ (Premiere am 23.4.) selbst als eines seiner gelungensten Stücke beschrieb. Das Kollektiv SIGNA lädt sein Publikum ins Altonaer Paketpostamt zur Performance-Installation „Die Ruhe“, bevor Viktor Bodo sich mit „33 Variationen auf Haydns Schädel“ eine groteske Revue seines Landsmannes Peter Esterházy vornimmt.

Auch Friedenspreisträger Esterházy hat, wie Viktor Martinowitsch, Erfahrungen mit staatlicher Repression machen müssen, dem rechtsnationalen Orban-Regime war er zu unbequem. Zwar wurde Esterházy in fast 30 Sprachen übersetzt, aber noch zu seinen Lebzeiten aus allen Lehrplänen Ungarns gestrichen.