Film

Neu im Kino: „Die Welt wird eine andere sein“

| Lesedauer: 3 Minuten
Roger Azar und Canan Kir in „Die Welt wird eine andere sein“.

Roger Azar und Canan Kir in „Die Welt wird eine andere sein“.

Foto: Neue Visionen

Der Film von Anne Zohra Berrached erzählt die fiktive Beziehungsgeschichte eines späteren Attentäters.

Hamburg. „Du wirst meine Geheimnisse bewahren“: So übersetzt Saeed (Roger Azar) seiner Braut Asli (Canan Kir) den Treueschwur, den ihnen der Imam bei der Hochzeit vorspricht. Die Geschichte, die Anne Zohra Berrached in ihrem Film „Die Welt wird eine andere sein“ erzählt, hebt diesen in Traditionen verankerten Satz auf interessante Art hervor. Für Asli beinhaltet er die Kernfrage ihrer Beziehung zu Saeed. Nur dass sie schon lange vor der Hochzeit dazu neigte, seine Geheimnisse zu bewahren. Und das, obwohl sie gar nicht genau wusste, was er vor ihr geheim hielt.

Auszusprechen, dass auch Verbrecher Familien haben und in Liebesbeziehungen verstrickt sein können, kommt einer Banalität gleich. Anne Zohra Berracheds neuer Film aber ist alles andere als banal. Sie nimmt das so schnell Dahingesagte „inspiriert von einer wahren Geschichte“ auf eine Weise ernst, die überrascht und fesselt. Der Hinweis darauf, in ihrem Film ginge es um eine fiktionalisierte Version von einem der 9/11-Attentäter, ist deshalb weniger ein Spoiler als eine Irreführung. „Die Welt wird eine andere sein“ handelt davon, was man von dem Menschen, den man liebt, überhaupt wissen kann. Und wissen will.

Der Film beginnt mit kindlicher Heiterkeit

Es beginnt mit geradezu kindlicher Heiterkeit. Asli vergnügt sich mit Freunden auf einem Rummelplatz. Diese Ausgelassenheit, die im Mix von Rausch und Höhenangst entsteht, ebnet ihrer Begegnung mit Saeed den Weg. Ohne die Lust am Risiko, die ein Jahrmarkt provoziert, hätte die gewissenhafte Medizinstudentin gar kein Auge für den sich cool gebenden angehenden Zahnarzt. So aber ist es der Kitzel des Ein-bisschen-anders-Seins, der die beiden zueinander zieht.

Asli, Tochter türkischer Einwanderer, ist die Erste ihrer Familie, die studiert, hat aber auch das typische schlechte Gewissen dazu: War sie zu wenig beim Vater, der so früh starb? Entfernt sie sich zu weit von der Mutter, der Traditionen wichtig sind? Den „Araber“ Saeed, der aus dem Libanon kommt, würde ihre Mutter nie akzeptieren. Weshalb sie seine Rolle in ihrem Leben verschweigt oder falsch darstellt – und darüber wiederum Saeed belügt. Dessen Eltern haben Asli bereits mit großer Freude als seine Braut akzeptiert, ohne sie je getroffen zu haben.

Berrached gelingt es, die Emotionen authentisch darzustellen

Wenn der Film also zunächst Asli als diejenige vorstellt, die ein Doppelleben führt, und nicht etwa den späteren 9/11-Piloten, dreht er den Spieß nicht einfach um. Vielmehr legt er die Dynamik einer Beziehung bloß. Gerade weil Asli selbst ihre Geheimnisse gewahrt wissen wollte, geht sie später den Fragen, die sich aus den Veränderungen in Saeeds Verhalten ergeben, nicht genug nach.

Wie es Berrached gelingt, diese Emotionen authentisch darzustellen, ohne Saeeds Tat je zu verharmlosen, ist absolut sehenswert.

„Die Welt wird eine andere sein“, 118 Min, ab 12 J., läuft im Abaton, Koralle, Passage

( bch )