Neu im Kino

Das Regiedebüt von Hollywoodstar Viggo Mortensen

| Lesedauer: 8 Minuten
Viggo Mortensen (rechts) hat in seinem Film „Falling“ auch die Hauptrolle übernommen. Seinen Vater spielt der US-Amerikaner Lance Hendriksen.

Viggo Mortensen (rechts) hat in seinem Film „Falling“ auch die Hauptrolle übernommen. Seinen Vater spielt der US-Amerikaner Lance Hendriksen.

Foto: PROKINO

Für den Film „Falling“ musste der Schauspieler viele Jahre kämpfen. Nun kommt er endlich auch bei uns auf die große Leinwand

Hamburg. Zugegeben, Langmut ist ein etwas antiquierter Begriff. Aber es steckt so viel mehr darin als im Wort „Geduld“: Mut und Zeit. Beides brauchte Viggo Mortensen für sein spätes Regiedebüt. Sein König Aragon in den „Herr der Ringe“-Filmen hat ihn in die oberste Star-Riege Hollywoods katapultiert. Er hat mit Kultregisseuren wie Peter Farrelly, Gus Van Sant, Brian De Palma und immer wieder David Cronenberg gedreht.

„The Green Book“ über die Freundschaft eines schwarzen Pianisten zu seinem weißen Chauffeur in den rassistischen Südstaaten wurde 2019 mit dem Oscar als bester Film ausgezeichnet, Mortensen selbst bekam dafür seine dritte Oscar-Nominierung. Der 62-Jährige hat also das, was man in der Branche „Credibility“ nennt. Und doch musste er viele Jahre kämpfen, um einen Traum zu realisieren: sein eigenes Regiedebüt.

Die Weltpremiere von „Falling“ sollte in Cannes gefeiert werden

Als „Falling“ endlich realisiert war und 2020 in den Kinos anlaufen sollte, kam Corona. Die Weltpremiere sollte in Cannes gefeiert werden, doch das Filmfestival fiel aus. Auf kleineren Festivals in San Sebastian und Lyon konnte Mortensen den Film immerhin vorstellen. Aber ohne großes Publikum. Der Sohn eines dänischen Geschäftsmannes und einer aus Neuseeland stammenden US-Amerikanerin, der seit Jahren in Madrid lebt, reiste dann quer durch Europa. Nicht mit dem Flieger. Auch nicht mit dem Zug.

Das schien ihm alles nicht coronasicher, als es noch keine Impfstoffe gab. Er fuhr ganz allein mit seinem Wagen. Es dauerte länger. Aber dafür sah er viele Städte, leere Orte: „Es war, als hätte eine Neutronenbombe eingeschlagen.“ Die Städte und Landschaften, sie waren unberührt, aber die Menschen fehlten. Sein Weg führte ihn nach Paris, Gent, Brüssel, Dänemark, Österreich, Polen, Tschechien. Und dazwischen, Ende Oktober 2020, auch nach Berlin, wo wir ihn im Hotel de Rome trafen.

Viggo Mortensen musste Langmut beweisen

Es war mitten im zweiten Lockdown, der nur light sein sollte, ständig hoffte man auf eine Wiedereröffnung der Kinos, dann wäre auch sein Film gestartet. Aber wieder musste Mortensen Langmut beweisen. „Falling“ läuft nun diese Woche an, ein Dreivierteljahr nach unserem Treffen, zu dem er mit Maske kam, die er auch während des Gesprächs nicht absetzte. Vielleicht verbarg er so auch ein wenig seine Enttäuschung. Endlich hatte er sein Regiedebüt geschafft. Und konnte es doch nicht zeigen.

Half der Oscar-Segen für „Green Book“, um „Falling“ in Angriff nehmen zu können? Mortensen blickt desillusioniert. „Ich hoffte schon, aber nein.“ Ursprünglich wollte er nur Regie führen, erklärte sich dann bereit, auch eine Hauptrolle zu spielen, um potenzielle Geldgeber zu interessieren. „Nicht mal das hat geholfen.“ Eine niederschmetternde Erfahrung. Regie führen will Viggo Mortensen schon, seit er beim Film ist. „Das erste Mal vor 23, 24 Jahren“, erinnert er sich. Damals mit einem anderen Stoff. Er hatte Produktionsgelder gesammelt, bekam aber nicht genug zusammen. Im Laufe der Jahre versuchte er es immer wieder mit anderen Projekten. „Immer vergebens.“

„Falling“ ist Mortensens persönlichster Film

Auch bei „Falling“ war es nicht anders. Doch diesmal blieb er hart. Er begann einfach, den Film zu drehen, obwohl er nicht genug Geld hatte, um ihn zu Ende zu bringen: „Wir hingen da einige Wochen in der Luft.“ Mortensen hat den Film selbst geschrieben, produziert und inszeniert, spielte mit und komponierte, um die Kosten so gering wie möglich zu halten, auch die Musik.

„Falling“ war sein Herzensprojekt. Es ist Mortensens persönlichster Film, er erzählt viel von seiner eigenen Familie und Jugend. Zugleich rührt er an ein Thema, das gern verdrängt und tabuisiert wird: Demenz. „Falling“ ist eine aufwühlende Tragikomödie über einen dementen Vater (Lance Henriksen) und seinen Sohn (Mortensen), der ihm helfen will, auch wenn der Vater jede Hilfe brüsk zurückweist. Und seinen Sohn immer wieder, auch in der Öffentlichkeit, demütigt und bloßstellt. Doch der Sohn erträgt dies mit großer, ja, da ist das Wort wieder, Langmut.

Thema Demenz kennt Mortensen gut

Es ist kein autobiografischer Film. Mortensen spielt eine schwule Figur mit einem adoptierten Kind. Aber das Thema kennt er nur zu gut. Nicht nur sein Vater war dement. „Meine Mutter hatte es auch, meine Großeltern, mein Stiefvater“, zählt er auf. Hat man da nicht Angst, selbst betroffen zu sein? Er nickt. Ein Bekannter wies ihn auf Tests zur genetischen Veranlagung hin. „Ich habe ihn gefragt, ob er den selber gemacht hat. Nein, hat er nicht, er wollte das nicht wissen“, schmunzelt Mortensen. Er dagegen suchte sofort einen Arzt auf. „Ich hatte echt Angst, dass sie mir eine hohe Wahrscheinlichkeit attestieren. Aber es ist fast ausgeschlossen.“

Begegne man Demenzleidenden im Film oder Roman, seien die meist verwirrt und hilflos. „Meine Erfahrung mit Demenzkranken aber“, und die, betont Mortensen, dauere noch an, „ist, dass sie im Normalfall eben nicht verwirrt sind. Was sie hören und sehen, ist real für sie. Nur wenn du ihnen widersprichst, werden sie unwirsch.“ Man dürfe sie, solange das möglich ist, nicht korrigieren. „Wenn ein Vater von einem Jimmy spricht und der Sohn sagt, Jimmy ist seit 35 Jahren tot, was passiert da? Der Vater erkennt, dass er sich nicht mehr erinnern kann. Und zugleich stirbt dieser Jimmy noch mal für ihn.“

Es gibt auch tragikomische Szenen

„Falling“ ist ein Film, der oft schmerzt, aber auch tragikomische Szenen hat. Am Ende hat es wohl doch geholfen, dass Mortensen selbst den Part des Sohnes spielt. Weil er bei den Szenen mit dem Filmvater eigene Erfahrungen direkt einbringen kann.

Mortensen begann das Drehbuch nach dem Tod der Mutter zu schreiben. Er hat den Film seinen beiden jüngeren Brüdern gewidmet, mit denen er viel über seine Jugend und Familie gesprochen hat. Aber der Großteil der Geschichte sei fiktiv. Um freier mit dem Topos umgehen zu können.

„Ich hatte immer Angst, das Leben sei kurz und zerbrechlich“, bekennt Mortensen. „Jetzt, in der Pandemie, glauben das noch mehr Menschen.“ Sie gäben jetzt anders acht auf ältere Menschen. Auch das eine Parallele zu dem Film. Weshalb der mit seiner Verspätung vielleicht doch genau richtig kommt.

Vier Jahre hat Mortensen an „Falling“ gearbeitet

Und wie war das nun, gleichzeitig zu inszenieren und zu spielen? „Das war zwar genauso schwierig, wie ich befürchtet hatte“, so Mortensen, „aber alles in der Hand zu haben, war zugleich angenehmer, als ich erwartet hatte.“ Er habe jetzt mehr Verständnis für Regisseure. „Ich bin versöhnlicher und kann kleine Fehler oder schlechte Launen eher verzeihen. Weil ich jetzt weiß, wo es herkommt.“ Beim nächsten Mal will er aber, wenn überhaupt, nur noch eine kleine Rolle spielen. Um sich dann ganz seiner Crew widmen zu können.

Dass es ein nächstes Mal geben wird, steht für ihn außer Frage. Es wird jedoch, da macht er sich nichts vor, weiter schwierig bleiben. Vier Jahre hat er an „Falling“ gearbeitet. Davor vier Jahre an „Green Book“, auch ein Projekt, das erst durch seinen Star-Nimbus vorankam. Und zuvor vier Jahre an „Captain Fantastic“. Für all diese Filme, so die bittere Bilanz, habe er nahezu kein Geld bekommen. Also muss er weiter als Schauspieler arbeiten. Einen Beruf, den er durchaus liebt. „Aber hätte ich die Wahl“, sagt er, „würde ich mich klar für Regie entscheiden.“ Nach einer kleinen Pause setzt er hinzu: „Ich habe aber keine.“

„Falling“ 112 Minuten, ab 12 Jahren, läuft in der Koralle, in der Passage, im Elbe-Kino und im Zeise