Franziska Stünkel

„Wir müssen uns darum kümmern, was hinter den Worten liegt“

| Lesedauer: 3 Minuten
Volker Behrens
Franziska Stünkel arbeitet auch als Fotokünstlerin und Filmproduzentin.

Franziska Stünkel arbeitet auch als Fotokünstlerin und Filmproduzentin.

Foto: picture alliance

Regisseurin Franziska Stünkel über ihren Film „Nahschuss“, von dem sie sagt, er sei „an der Atmung entlang erzählt“.

Hamburg. Zehn Jahre lang hat Regisseurin Franziska Stünkel an ihrer Idee zu „Nahschuss“ festgehalten, auch wenn die Finanzierung schwierig war. Nun kann die 48-Jährige ihren zweiten Film endlich in die Kinos bringen.

Hamburger Abendblatt: Wie sind Sie auf diesen Stoff gestoßen?

Franziska Stünkel: Durch einen Zeitungsartikel. Ich war damals sehr erstaunt zu lesen, dass es in der DDR die Todesstrafe gegeben hat. Eigentlich war ich regelrecht schockiert. Bei den Recherchen habe ich festgestellt, dass diese Tatsache im kollektiven Gedächtnis nur wenig verankert ist. Dabei habe ich dann auch ein Foto von Werner Teske gefunden, der 1981 als letzter Bürger exekutiert wurde. Er ist auf dieser Aufnahme 39 Jahre alt. Es ist am Tag der Inhaftierung gemacht worden. Er wirkte auf dem Foto auf mich wie ein sehr sensibler Mensch. Ich wollte wissen, was passiert ist.

Sie erzählen parallel die Geschichte eines Fußballers, der in den Westen geht. Ist die durch das Schicksal von Lutz Eigendorf inspiriert?

Ja, unter anderem.

Stünkel: Sie haben einen erstaunlich gut besetzten Cast zusammenbekommen. Wie haben Sie das gemacht?

Lars Eidinger habe ich mir gewünscht. Ich wollte jemand, der das psychologische Innenleben der Figur sehr feinstofflich ausdrücken kann. Nachdem ich ihn auf der Bühne gesehen hatte, war mir klar: Er ist genau der richtige Schauspieler dafür. Auch Devid Striesow war mir für die Rolle des Stasihauptmanns sehr wichtig. Er ist in der DDR aufgewachsen. Luise Heyer machte mein Besetzungsglück komplett. Die Entscheidung, ob man beidseitig miteinander arbeiten möchte, fällt bei mir nach gemeinsamen intensiven Gesprächen über das Drehbuch, das Thema, die Figur. Ich wollte länger bei den Figuren bleiben als nur bei dem, was gesagt wird. Wenn man ein empathischer Mensch ist, kann man dabei auch Dinge lesen, die schmerzhaft sein können. Wir sollten uns in dieser Welt wieder richtig ansehen. Wir müssen uns wieder darum kümmern, was hinter den Worten liegt. Die Geschichte eines Menschen, der von einem totalitären System zum Tode verurteilt wird, wollte ich nicht über das System erzählen, sondern über den Menschen.

Eins der Themen im Film ist Ausweglosigkeit. War Ihnen das von Anfang an klar?

Stünkel: Es geht ja um eine Hinrichtung.

Hätte er irgendwann umkehren können?

Stünkel: Unser Lebensweg besteht aus den Entscheidungen, die wir treffen. Sie sind geprägt durch Kindheit, Gesellschaft und das politische System, in dem wir leben. Aber wie frei sind die wirklich? Als die Entscheidung für die Gerichtsverhandlung fiel, war es vorbei. Es war ein Schauprozess.

Ist Ihr Film didaktisch?

Stünkel: Hoffentlich nicht. Der didaktische Moment entsteht später aus einer Selbstbefragung heraus. Der Film hat übrigens nur halb so viele Schnitte wie ein normaler Spielfilm, weil er lange und nah an den Personen bleibt. Zunehmend viele Unschärfen gibt es, um die Orientierung im Raum zu erschweren. Das spiegelt das Innenleben von Franz. Ich habe übrigens an der Atmung entlang erzählt, die hört man oft ganz deutlich. Auch Atmung erzählt viel.