Kampnagel

Das wahrscheinlich umfangreichste Sommerfestival seiner Art

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Sommerfestivalchef András Siebold im Avant-Garten

Sommerfestivalchef András Siebold im Avant-Garten

Foto: Marcelo Hernandez / FUNKE Foto Services

„Sex, Drugs & Budd’n’Brooks“ und andere Weltpremieren warten ab 4. August auf ihr Publikum. Der Kampnagel-Garten hat eine neue Bühne.

Hamburg.  Keine Programmvorstellung verläuft so lauschig wie jene des Internationalen Sommerfestivals auf Kampnagel. Immer findet sie draußen statt, meist gibt es Erdbeeren, und das markante Festivalpink macht sich wieder bestens zum grünen Blätterwerk des Avant-Gartens. „Keine Sekunde“ habe Festivaldirektor András Siebold daran gezweifelt, dass sein Programm auch im zweiten Sommer der Pandemie trotz aller Widrigkeiten werde stattfinden können, verkündet Kampnagelchefin Amelie Deuflhard und teilt den Optimismus: „Bis zum Sommer sind 80 Prozent geimpft“, überschlägt sie großzügig, das werde also alles irgendwie gut werden.

Gut – und reichlich. „Das wahrscheinlich umfangreichste Festival, das wir je gemacht haben“, kündigt Siebold zufrieden an: Allein fünf Uraufführungen auf den Kamp­nagelbühnen, acht weitere im Stadtgebiet, eine neue Garten-Spielfläche aus Mitteln des Neustarts Kultur. „Togetherness“ ist das Festival überschrieben, nach all dem Abstand und der zunehmenden gesellschaftlichen Spaltung will man auf Kampnagel wieder Begegnungen schaffen. Mit Menschen und Kunst, Ideen und Illusionen, Inspirationen und Interventionen.

Internationales Sommerfestival auf Kampnagel

Und in Einzelfällen hat die Pandemie dem Programmmacher sogar in die Hände gespielt: Die gefeierte kanadische Musikkünstlerin Feist, um die sich Sie­bold in den vergangenen Jahren vergeblich bemüht hatte, habe zwar bislang „in einer anderen Liga“ gespielt – nun aber wird sie das Sommerfestival am 4. August eröffnen. Nicht mit einem simplen Konzert, sondern mit einer „Rückeroberung der Bühne“, einem „Möglichkeitsraum“ unter dem Titel „Multitudes“. Drei Wochen lang wird Leslie Feist, die im Corona-Lockdown offenbar ausgiebig über ihre eigene Funktion reflektierte, die Performance in Winterhude proben.

Bereits fertig geprobt ist ein Abend des in Hamburg lebenden Schweizer Theatermachers Christoph Marthaler, der (das sind so die pandemischen Spielplan-Kollisionen) zwar erst kürzlich am Schauspielhaus eine Inszenierung nachholte, nun aber auch auf Kampnagel präsent ist. „Das Weinen (Das Wähnen)“ mit Texten seines Landsmannes Dieter Roth wurde vor Corona konzipiert, passt aber jetzt noch viel besser: Es spielt in einer Apotheken-Kulisse.

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Der Choreograf Kylie Abraham, der im klassischen Ballett ebenso zu Hause ist wie im Hip-Hop oder im Modern Dance, entwirft ein „postpandemisches Requiem“ für die k6-Halle. Das französische Ballet National de Marseille kommt gleich mit vier stilprägenden Choreografinnen an einem Abend, das norwegische Horrorillusionstheaterkollektiv Susie Wang widmet sich dem deutschen Urlaubsfetisch. Die französisch-öster­reichische Theaterkünstlerin Gisèle Vienne, die schon 2018 mit ihrer Produktion „Crowd“ beim Sommerfestival für Furore sorgte, hat diesmal ein „psychoaktives Kammerspiel“ im Gepäck, für das die schwedisch-spanische Schauspielerin Ruth Vega Fernandez ebenso auf der Bühne stehen wird wie der französische Filmstar Adèle Haenel („Porträt einer jungen Frau in Flammen“).

Kopfhörer-Spaziergang und eine neue Weltpremiere der „Volkstheater-Guerilla“ Nesterval

András Siebold verspricht „Leute, die aus Häusern fallen und laufende Tische“ (in Miet Warlops „After All Springville“), einen Kopfhörer-Spaziergang des Hamburger Performance-Kollektivs LIGNA im leer stehenden Kaufhof-Gebäude an der Mönckebergstraße und eine neue Weltpremiere der „Volkstheater-Guerilla“ Nesterval: Unter dem unschlagbaren Titel „Sex, Drugs & Budd’n’Brooks“ bespielt Nesterval den Bunkerclub Uebel & Gefährlich.

Festival-Stammgast Rufus Wainwright bringt seine Schwester Martha mit, sie kommen wie die Musikerin Sophie Hunger in die Elbphilharmonie. Und sogar die realen Geschichten sonst unsichtbarer Küchenhilfen aus Hamburger Restaurants erhalten eine Bühne, das Publikum erwartet dabei auf der Kamp­nagel-Piazza ein gedeckter Tisch.

Siebold ist zuversichtlich: Das Wetter werde bei alldem schon mitspielen. Das ist wichtig. Denn natürlich ist das Festival mehr als eine lauschige Oberfläche. Aber der Garten ist halt auch schön.

Internationales Sommerfestival 4.–22.8. u. a. auf Kampnagel, Karten: www.kampnagel.de