Theater in Hamburg

Nach sieben Monaten: Freude pur beim Ohnsorg-Neustart

| Lesedauer: 9 Minuten
Stefan Reckziegel (Text) und Michael Rauhe (Fotos)
Entspannung statt Anspannung: Sebastian Herrmann und Caroline Kiesewetter kurz nach der Premiere auf dem Gang hinter der Bühne.

Entspannung statt Anspannung: Sebastian Herrmann und Caroline Kiesewetter kurz nach der Premiere auf dem Gang hinter der Bühne.

Foto: Michael Rauhe / Michael Rauhe / FUNKE Foto Services

Das Hamburger Theater feierte mit „Laat uns Frünnen blieven“ wieder eine Premiere. Das Abendblatt blickte exklusiv hinter die Kulissen.

Hamburg. Das Wort „Maske“ hat im vergangen Jahr auch im Theater eine ganz neue Bedeutung bekommen. Dass man(n) und frau „in die Maske“ geht, gehört von jeher vor jeder Vorstellung auf einer halbwegs professionellen Bühne zum guten Bild. Aber eine Maske tragen? Das müssen in diesen noch andauernden pandemischen Zeiten hinter den Kulissen des Ohnsorg-Theaters praktisch alle. Es sei denn, sie werden geschminkt.

Es ist 18.15 Uhr. Caroline Kiesewetter hat im Arbeitszimmer von Maskenbildnerin Kerstin Britz auf dem Stuhl Platz genommen. Heute ist Premiere, die erste seit sieben Monaten Pause. Und die positive Anspannung, hier im zweiten Stock des Hamburger Unterhaltungs-Dickschiffs ist sie allen Beteiligten an den Augen abzulesen. Frei nach dem Motto: FFP 2 - hab trotzdem Spaß dabei.

Das Stück sollte ursprünglich Anfang Dezember Premiere haben

„Laat uns Frünnen blieben“ heißt die Zwei-Personen-Komödie. Das Stück, wegen seiner kleinen Besetzung und auf Abstand gehalten eigens für die Corona-Spielzeit ausgewählt, sollte ursprünglich Anfang Dezember Premiere haben, als leichte Gabe für die Vorweihnachtszeit. Doch im damaligen „Lockdown light“ geschweige denn danach ging bekanntlich vor, auf und hinter der Bühne gar nichts. „Wir haben das Stück damals auf Verdacht trotzdem zu Ende geprobt“, erzählt Sebastian Herrmann, Kiesewetters Schauspielpartner. Vor drei Wochen kam dann das Signal, dass es wieder geht.

Einen Online-Stream von „Laat uns Frünnen blieven“ haben die beiden Schauspieler für das Ohnsorg aufgezeichnet, doch es kann das Live-Erlebnis, dieses Premieren-Prickeln, nicht ersetzen. „Es herrscht wie bei allen auch bei mir Freude pur“, sagt Herrmann, der das erste Mal mit Kiesewetter spielt.

Sebastian Herrmann lernte Plattdeutsch

Da das Boulevardstück von seinen Dialogen lebe, sei „die Sprache“ für ihn die größte Herausforderung, gesteht Sebastian Herrmann. Er ist in Lüdenscheid und Wuppertal aufgewachsen, hat zwar schon einige Rollen im Ohnsorg-Studio und im Großen Haus in der Siegfried-Lenz-Adaption „De Mann in’n Stroom“ gespielt, die Figur des Valentin ist indes seine erste Hauptrolle an der Traditionsbühne fürs Niederdeutsche. Dafür hat Herrmann eigens Plattdeutsch gelernt.

Wie Caroline Kiesewetter ist er Gast am Ohnsorg, also kein festes Ensemble-Mitglied. Andere Engagements habe er im vergangenen halben Jahr nicht gehabt, so Herrmann. Bei einem befreundeten Nachbarn sei er in der beschäftigungslosen Zeit „zum Azubi in Markenstrategien“ geworden, sagt er mit einem Anflug von Galgenhumor. Und von freiberuflichen Schauspielern wie ihm, die weder Fernseh- noch Sprecher-Jobs haben, gibt es in der Hansestadt etwa 1500.

Caroline Kiesewetter: Lust auf Schauspiel, Gesang und Tanz

Caroline Kiesewetter ist durchaus fernsehbekannt, etwa aus der ZDF-Serie „Die Rettungsflieger“ oder der ARD-Telenovela „Rote Rosen“. Doch auch die vielseitige Hamburger Künstlerin war finanziell nicht eben auf jene gebettet. „Ich bin praktisch durch alle staatlichen Hilfen gerutscht, das waren bittere Drops“, sagt sie. Die eigene Band-Projekte und ein geplantes großes mit der WDR-Bigband fielen für die feine Jazz-Interpretin allesamt ins Wasser. Im Büro ihrer Schwester hat ihr Partner ein kleines Studio gebaut, so konnte sie zumindest ein paar Hörbücher einsprechen. Alles kontaktlos. Und als sie im Dezember am Ohnsorg hätte spielen sollen, habe sie ihre Zusatzausbildung als Gebärdendolmetscherin begonnen. „Das ist mein viertes Standbein“, sagt sie lachend. Nun aber überwiegt auch bei ihr die neue Lust auf Schauspiel, Gesang und Tanz.

Ohnsorg-Oberspielleiter Murat Yeginer hatte Kiesewetter wegen ihrer Talente im Vorjahr erstmals ans Haus geholt. In der Karaoke-Komödie „Tussipark“ sangen sie und drei Kolleginnen wegen der Aerosol-Gefahr auf der Bühne im Juli nur playback. Nun klebt das Mikroport fest an Kiesewetters Stirn.

er Soundcheck und zwei letzte kurze Choreografie-Proben stehen an

Maskenbildnerin Kerstin Britz, bereits seit 2006 fest am Ohnsorg, ist froh, dass ein halbes Jahr Kurzarbeit für sie und ihre Kolleginnen passé ist. Nach Caroline Kiesewetter hat „Britzi“, wie sie von allen genannt wird, auch Herrmann fertig geschminkt. Ankleiderin Claudia Hausberg hat auf dem Gang alle Kostüme und Anzüge überprüft und gebügelt, sie schiebt den großen Garderobenständer zum Fahrstuhl. Sie werde unten noch gebraucht, deutet sie an.

Es ist 19.15 Uhr, im Erdgeschoss betreten Kiesewetter und Herrmann erstmals an diesem Abend die Bühne. Der Soundcheck und zwei letzte kurze Choreografie-Proben stehen an. Noch eine Dreiviertelstunde bis zur Premiere. Regisseur Yeginer sitzt entspannt im noch leeren Theatersaal. Er hatte die Komödie auf coronagerechte 70 Minuten zusammengestrichen. Von nun an hat Katrin Brodale das Kommando. Und das riesige Doppelpult der Inspizientin, umgeben von Plexiglaswänden, gleicht neben der Bühne in der Tat einem Kommandostand. Sie regelt bei „Laat uns Frünnen blieven“ auch die gesamte Technik.

Die Schauspieler nehmen Aufstellung, noch in Zivil. Katrin Brodale spielt „Something Stupid“ ein, das populäre Duett von Frank und Nancy Sinatra. Hier jedoch mit deutschem Text, beginnend mit „Schöne dumme Kuh ...“ Danach folgt der „Gigolo“. „Er ist ein Musical-Native“, lobt Caroline Kiesewetter ihren Spielpartner. Das muss reichen.

Bei der Umziehpause stylt Kerstin Britz Herrmann fix die Haare

19.30 Uhr: „Bitte die Bühne nicht mehr betreten!“, spricht Katrin Brodale am Pult in ihr Mikrofon. Ihre Ansagen tönen fortan durchs ganze Haus - außer durchs Foyer und den Zuschauerraum.

19.32 Uhr: Kiesewetter hat sich in ihre Garderobe zurückgezogen, Herrmann steht am Bühneneingang und raucht. Die Zigarette davor anstatt danach. Wann er sich denn in Schale wirft? „Erst zwei Minuten vor der Vorstellung!“ Er beginnt schließlich im Bademantel, und da möchte man(n) sich im klimatisierten Haus nicht verkühlen. Geziemt sich nicht für einen Gigolo namens Valentin. Der Bühneneingang gleicht mittlerweile der Einflugschneise eines Bienenstocks. Auch Ausstatterin Anike Sedello, der musikalische Leiter Stefan Hiller sowie Souffleuse und Platt-Coach-Jutta Hohenstein laufen auf.

19.45 Uhr: Intendant Michael Lang kommt, spricht allen Beteiligten Mut zu.

19.55 Uhr: „Wo ist denn mein Valentin?“, fragt Caroline Kiesewetter in die Runde. Freudig-erregt, indes nicht aufgeregt. Gleich wird sie die attraktive Floristin Claudia geben, die schon seit Jahren an ihm interessiert ist. Die Blumenladen-Kulisse mit Regalen auf Rollen und zahlreichen Vasen steht längst. Aus dem Zuschauerraum ist Gemurmel zu hören. Menschen, tatsächlich. Publikum!

19.57 Uhr: „Noch drei Minuten!“, sagt Inspizientin Brodale. „Zieh dir mal was an!“, flachst Souffleuse Jutta Hohenstein in Richtung von Herrmann. Nun denn, er steht bereit. Ebenso Intendant Lang, der es sich vor dem Neustart nicht nehmen lässt, die Hundertschaft im 410-Plätze-Saal zu begrüßen. Lang betritt die Bühne, freundlicher Beifall. Von hinten zu hören ist, wie der Chef des Hauses betont, wie sehr alle „den Zauber zwischen Publikum und Bühne schmerzlich vermisst“ hätten.

20.03 Uhr: Lang geht ab, Katrin Brodale startet „Something Stupid“, und das Stück beginnt. Hinter und neben der Bühne ist fast alles fest in weiblicher Hand. Brodale, Maskenbildnerin „Britzi“ und Ankleiderin Hausberg stehen bereit, nur Veranstaltungs-Techniker-Azubi Emil darf mal mit ran. Erster Beifall nach einer Gesangseinlage Kiesewetters.

Das musikalische Finale heißt „Was kann denn ich dafür?“

Bei der ersten Umziehpause stylt Kerstin Britz Herrmann fix die Haare, Claudia Hausberg hilft ihm in einen Anzug. Sitzt alles. Bis nach einer turbulenten Szene im Blumenladen der beiden Darsteller, die nicht zueinander zu finden scheinen, beim Rausschieben unfreiwillig eine Vase und ein Glas zu Bruch gehen, direkt neben der Bühne. Bringen diese Scherben Glück? Das sei das Gefährlichste, was passieren könnte, raunt Brodale. Mit vereinten Kräften wird das Glas zusammengekehrt, und als Herrmann alias Valentin nach einem Motorradunfall eingegipst werden muss, gelingt es dem Schauspieler mithilfe der Ankleiderin, sich flugs in einen Krankenhauspatienten zu verwandeln. Wie die Zweierkiste endet, sei nicht verraten.

21.12 Uhr: Das musikalische Finale heißt „Was kann denn ich dafür?“ Nach mehreren Vorhängen und großem Beifall bittet der Intendant alle Beteiligten noch mal auf die Bühne und erinnert daran, dass Caroline Kiesewetter im vergangenen Juli als Teil von „Tussipark“ schon mal einen Lockdown beendet habe. „Das Publikum ist doch toll mitgegangen“, sagt Regisseur Yeginer zufrieden. Auch Kiesewetter und Herrmann sind „ungeheuer dankbar“ für den Applaus. Dass sie sich unmittelbar vor ihrem Kostümwechsel das Kleid durchnässt hat, nimmt sie mit Humor. Auf die früher üblichen Umarmungen verzichten beide, der Ellenbogen-Check als freudiger Corona-Gruß muss vorerst genügen. 30 weitere Vorstellungen folgen noch. Womöglich geht ja dann was. Zumindest im Freien.