Premiere

„Wahn“ – ein neuer Ausdruck von Tanz in Pandemie-Zeiten

| Lesedauer: 2 Minuten
Aus dem Ensemble von 70 tanzbegeisterten Menschen, die 2018 in „Hamonim“ auf der Kampnagel-Bühne zusammenfanden (hier im Bild), sind 17 in Mais Filmprojekt „Wahn“ zu sehen.

Aus dem Ensemble von 70 tanzbegeisterten Menschen, die 2018 in „Hamonim“ auf der Kampnagel-Bühne zusammenfanden (hier im Bild), sind 17 in Mais Filmprojekt „Wahn“ zu sehen.

Foto: Öncü Gültekin

Die Hamburger Choreografin Patricia Carolin Mai wollte das Filmprojekt ursprünglich im MARKK aufführen. So liefen die Proben.

Hamburg. Tastend bewegen sich die Tänzerinnen und Tänzer im Raum, betreten eine weiße ausgerollte Leinwand, die Gesichter wirken nachdenklich. Es sind isolierte Körper, die mögliche Mittanzende nur imaginieren können. Es ist Tanz in Pandemie-Zeiten.

Die Hamburger Choreografin Patricia Carolin Mai gilt längst als Expertin für Körper in Ex­tremzuständen. Sie beherrscht das eindrucksvolle Solo wie zuletzt in „Kontrol“ ebenso wie große orchestrierte Gemeinschaftsprojekte mit Laien. Aus dem Ensemble von 70 tanzbegeisterten Menschen, die 2018 in „Hamonim“ auf der Kampnagel-Bühne zusammenfanden, sind 17 in Mais Filmprojekt „Wahn“ zu sehen. Am Sonnabend hatte es Premiere.

Filmprojekt „Wahn“ wurde über Zoom-Konferenzen geprobt

Ursprünglich als Bühnenprojekt gedacht, das im Museum am Rothenbaum Kulturen und Künste der Welt (MARKK) zur Aufführung kommen sollte, wurde es in monatelanger Arbeit über Zoom-Videokonferenzen geprobt. Man sieht in „Wahn“ Menschen von 20 bis 85 Jahren in farbenfrohen Kostümen, die sich selbst beobachtend bewegen, gelegentlich können sie sich immerhin an einer rhythmischen Tonspur festhalten, oft aber nur an der Leere und Stille.

Für ihre Bewegungen haben sie sich von einem Rundgang durch das ethnografische Museum inspirieren lassen, von Historie und Erinnerung. Alsbald werden die Arme ausladender, die Bewegungen dynamischer, einige der Tanzenden kommen ins Laufen. Die Sehnsucht nach Gemeinschaft wird dabei schmerzlich spürbar.

Der Film überblendet die einzelnen Performances. Der Eindruck entsteht, als würden sie simultan stattfinden. Einige der isoliert Tanzenden können sich zumindest ab und zu auf eine filmische Gegenfigur in einer rückwärtigen Projektion beziehen. „Wahn“ vermittelt einen körperlich eindringlichen Eindruck von der Ausnahmesituation, in der wir alle uns seit einem Jahr befinden. Von notwendigen Überlebensstrategien aber auch von bleibenden Sehnsüchten.

„Wahn“ kostenlos verfügbar bis 6.5. und vom 8. bis 13.6., K3 Zentrum für Choreographie/Tanzplan Hamburg, www.kampnagel.de; sobald die Museen geöffnet sind auch im Zwischenraum des MARKK, www.markk-hamburg.de

( asti )