Filmpreis

„Nomadland“ großer Gewinner: Oscar-Triumph mit Wolfsgeheul

| Lesedauer: 5 Minuten
Peter Zander
Peter Spears, Frances McDormand, Chloé Zhao, Mollye Asher und Dan Janvey (v. l.) gewannen mit „Nomadland“ den Oscar für den besten Film.

Peter Spears, Frances McDormand, Chloé Zhao, Mollye Asher und Dan Janvey (v. l.) gewannen mit „Nomadland“ den Oscar für den besten Film.

Foto: A.M.P.A.S. via Getty Images

Doch der Wille zu mehr Vielfalt hat sich nicht ganz eingelöst, die große Show wirkte wie eine private Feier.

Hamburg. Es war ein historischer Abend. Es ist erst das zweite Mal überhaupt in der 93-jährigen Geschichte des Oscars, dass eine Frau in der Kategorie Regie triumphiert. Und es ist die erste Asiatin, der diese Ehre zuteil wird. Und während Kathryn Bigelow 2010 noch für einen, seien wir ehrlich, ziemlichen Männerfilm mit reichlich Testosteron ausgezeichnet wurde, ist Chloé Zhaos „Nomadland ein sehr weiblicher Film.

Über eine ältere Frau, hinreißend gespielt von Frances McDormand, die mit ihrem klapprigen Wohnmobil quer durch Amerika fährt, von einem prekären Aushilfsjob zum nächsten, eine moderne Arbeitsnomadin. Die das aber nicht nur aus wirtschaftlicher Not tun muss, sondern auch, weil sie dieses sehr amerikanische Freiheitsgefühl auf der Straße, in der Einsamkeit auslebt.

Verlierer der kapitalistischen Leistungsgesellschaft

Es ist ein Film über Verlierer der kapitalistischen Leistungsgesellschaft, wie man sie in Oscar-Filmen selten sieht. Und es ist ein Film über eine Frau in einem gewissen Alter, wo man doch noch vor Kurzem glaubte, es gebe für Frauen in eben diesem Alter keine großen Rollen mehr. „Nomadland“ ist der Gegenbeweis.

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Frances McDormand wurde dafür auch als beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet, vier Jahre nach ihrem
Oscar für „Three Billboards, Outside Ebbing, Missouri“ und 24 Jahre nach dem Sieg für „Fargo“. Und Zhao und McDormand durften gleich noch einen Oscar zusammen abholen: den für die Hauptkategorie Bester Film, weil sie beide „Nomadland“ produziert haben.

Historischer Abend

Es war auch sonst ein historischer Abend. Weil nicht nur der afrobritische Schauspieler Daniel Kaluuya als bester Nebendarsteller ausgezeichnet wurde (für das Black-Panther-Drama „Judas and the Black Messiah“), sondern auch die 73-jährige Südkoreanerin Yoon Eyo-jeong als beste Nebendarstellerin in „Minari – Wo wir Wurzeln schlagen“. Emereld Fennell gewann den Oscar fürs beste Drehbuch: für „Promising Young Woman“, ein Film über die Rache einer Frau an Vergewaltigern.

Und doch hätten die Oscars, die in der Nacht zum Montag verliehen wurden, eigentlich noch viel historischer werden können, ja müssen. Noch nie war der Oscar so bunt, so divers aufgestellt. Neun der 20 Darstellernominierten waren nicht weißer Hautfarbe. Die Hauptdarsteller aber waren, einmal mehr, weiß.

Doppelt getestet mit reichlich Abstand

Und ein kämpferischer Film wie „Judas and the Black Panther“ über die Tötung eines Schwarzenführers durch die Polizei, gewann denn auch nur noch einen zweiten Preis – für den besten Filmsong. Wie auch „Ma Rainey’s Black Bottom“ über die Mutter des Blues, Gertrude Rainey, nur beim Masken- und Kostümbild reüssieren konnte. Nebenkategorien, die eher wie Trostpreise wirken.

Überhaupt war es ein seltsamer Abend, diese Verleihung in Corona-Tagen, wofür die Academy auch Kritik einstecken müsste, dass sie überhaupt eine Show mit Gästen ausrichtete, wo derzeit doch jeder auf Kontaktreduzierung achten soll. Da half auch der Hinweis, man sei doppelt getestet und sitze mit reichlich Abstand zueinander, nur wenig. Statt im traditionellen Globe Theatre traf man sich in der Union Station, dem Bahnhof von Los Angeles.

Statt eines Orchesters gab es einen DJ

Statt eines Orchesters gab es einen DJ mit Platten, auf jegliche Showelemente wurde verzichtet. Keine Sangeseinlagen, nicht mal zugeschaltet, auch sonst kaum Filmeinspielungen. Nichts, was den Abend aufgelockert hätte. Mehr haben die kreativsten Kräfte der Traumfabrik nicht zu bieten?

Nur Präsentatoren, die die Nominierten verkündeten, und Sieger mit ihren Dankesreden. Da half es auch nicht, die übliche Dramaturgie zu ändern. Der Regie-Oscar wurde schon recht früh verliehen, der für den Besten Film nicht zuletzt. Als letzter wurde vielmehr der beste Hauptdarsteller gekürt: Anthony Hopkins, was einen neuen Rekord aufstellt, weil er nun mit 83 Jahren der älteste Schauspieler ist, der je einen Oscar gewonnen hat.

Die Gala endete ziemlich abrupt

Anders als bei den Globes, gab es keine Schalte nach Hause. Da Hopkins aber weder in Los Angeles vor Ort weilte noch, wie seine Kollegen, in einem Kino in London, gab es auch keine Dankesworte für ihn. Und so endete die Gala ziemlich abrupt und nüchtern. Steven Soderbergh („Out of Sight“, „Traffic“), der den Abend gestaltet hat, hatte eine emotionale Show, ein echtes „Movie-Erlebnis“, versprochen. Das war es aber ganz und gar nicht. Eher eine sehr private Familienfeier, in die man als Zuschauer zufällig hineingestolpert ist.

Frances McDormand durchbrach das immerhin, indem sie ihre Dankesrede mit einem Wolfsgeheul beendete. Sie war auch eine der wenigen, die nicht nur in eigener Sache warb, sondern für die gesamte Branche, die wegen des Lockdowns und der geschlossenen Kinos in einer ihrer größten Krise steckt. „Bitte“, rief sie das Publikum im Saal und die Zuschauer zu Hause auf, „schaut unseren Film auf der größtmöglichen Leinwand. Und eines Tages, ganz, ganz bald, nehmt alle, die ihr kennt, in ein Kino mit, Schulter an Schulter im dunklen Raum, und schaut euch jeden Film an, der hier präsentiert wurde.“