Schleswig-Holstein

Theater-Premiere! Vor Publikum! Man freut sich!

| Lesedauer: 3 Minuten
Falk Schreiber
Tristan Steeg, Anne Rhode, Claudia Macht und Imanuel Humm (v.l.n.r.) in "Bin nebenan" am Schauspielhaus Kiel.

Tristan Steeg, Anne Rhode, Claudia Macht und Imanuel Humm (v.l.n.r.) in "Bin nebenan" am Schauspielhaus Kiel.

Foto: Olaf Struck

In Kiel darf "Bin nebenan" vor und für Menschen gespielt werden – und das hat so sehr gefehlt, dass man gnädig ist. Zu gnädig? Egal.

Kiel. Vielleicht ist man zu gnädig. Vielleicht freut man sich zu sehr, endlich wieder eine Theater-Premiere zu sehen, mit Schauspielern aus Fleisch und Blut, aber auch mit dem, was zu einer Premiere dazugehört, mit der Aufregung, bevor sich der Vorhang hebt, aber auch mit den angeregten Gesprächen nach der Aufführung.

Corona hin oder her, in Kiel liegt die Sieben-Tage-Inzidenz bei 87,9, deswegen dürfen dort Theater öffnen, mit strengen Sicherheitsvorkehrungen und radikal verringerter Besucherkapazität, aber immerhin: Es wird gespielt! Trotz Pandemie! Man freut sich.

"Bin nebenan" auf der Kieler Bühne: Man freut sich!

Mit Grund. Ingrid Lausunds „Bin nebenan. Monologe für Zuhause“ ist ein schönes Ensemblestück, neun mittelkurze Szenen, die Menschen in ihrem Wohnumfeld demaskieren. Obwohl, „demaskieren“: Wenn man genau schaut, kommen die meisten eher maskenlos und lächerlich daher.

Die Frau im Eispalast (Isabel Baumert), deren Glück davon abhängt, dass am Montag der neue Esstisch geliefert wird, der kultivierte Gatte (Christian Kämpfer), der die Abwesenheit seiner Frau dafür nutzt, das Tier im Manne rauszulassen: Schießbudenfiguren, bessere Comedy. Und weil Regisseurin Annette Pullen diese Szenen weniger inszeniert als für die Bühne einrichtet, bleibt das Gezeigte dann eben auf der Witzebene. Andererseits: Man kann wieder lachen! Man freut sich!

In die Alltagsbeobachtungen schleichen sich Abgründe ein

Zumal sich an andere Stelle etwas Dunkles in den Witz einschleicht. Bei dem jungen, hilfsbedürftigen Mann (Tristan Steeg), der um Selbstbestimmung ringt und mit gnadenlosem Optimismus von häuslicher Gewalt erzählt. Oder bei der verhinderten Künstlerin (Anne Rohde), die sich eigentlich ganz gut eingerichtet hat im halbgescheiterten Leben, wäre da nicht ihre geisterhafte Mutter (groß: Claudia Macht), ein menschgewordener, durch den Bühnenhimmel schwebender Vorwurf.

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Da zeigen sich die Abgründe von Lausunds Alltagsbeobachtungen, und weil Pullen weiterhin unspektakulär aber handwerklich sicher inszeniert, treten diese Abgründe deutlich hervor.

Vielleicht wäre man unter anderen Umständen strenger – vielleicht

Vielleicht würde man unter anderen Umständen strenger urteilen. Vielleicht würde man die Ambitionslosigkeit des Abends bemängeln, vielleicht, dass Pullen sich die Übergänge zwischen den einzelnen Szenen mit wenig motivierter Musik arg einfach macht, vielleicht, dass nicht alle Figuren gleich fein herausgearbeitet sind. Vielleicht.

So aber sieht man 150 Minuten pralles Theater, lustig, beunruhigend, berührend. Und wann sah man sowas zuletzt? Man freut sich, man ist gnädig.

Bin nebenan Wieder am 28.4., 19 Uhr, Schauspielhaus Kiel, Holtenauer Straße 103, Kiel, Tickets unter theater-kiel.de, Zugang nur mit aktuellem, negativem Corona-Test