Neues Album

Tom Jones: Die Rückkehr des Tigers

| Lesedauer: 6 Minuten
Tino Lange
Tom Jones zog nach dem Tod seiner Frau 2016 nach London.

Tom Jones zog nach dem Tod seiner Frau 2016 nach London.

Foto: Universal

Im Alter von 80 Jahren veröffentlicht Tom Jones mit „Surrounded By Time“ ein erstaunliches Album, so wuchtig wie melancholisch.

Hamburg. Es gab eine Zeit vor „Atemlos durch die Nacht“, da hatten DJs auf Hochzeiten genau zwei Möglichkeiten, um die Hochzeitsfeier oder das Firmenjubiläum so richtig in hitzige Wallung zu bringen. Da dampften die Bommelslipper vom Discofoxen über geflieste Gesellschaftssaalböden, und die verschwitzten Rücken hinterließen dunkle Konturen auf hell plissiertem Gestühl.

Marscherleichterung! Krawatte ab und Sakko aus, Pumps in die Ecke und barfuß auf de Deel. Und über allem die Frage: Was geht heute mit Irmela? Mit Uwe? Mit Irmela und Uwe? Es war das Jahr 2000, das Jahr von „Mambo No. 5“ von Lou Bega und „Sex Bomb“ von Tom Jones.

Tom Jones. Der Tiger. Die Schwingschleiferstimme aus Wales. Jahrzehntelang stand er trotz seiner 1957 geschlossenen Ehe mit Melinda Rose Woodward für täglichen Damenbesuch von Frauen, die nicht Melinda hießen. „It’s Not Unusual“ und „What’s New, Pussycat?“ waren in den 60er-Jahren seine großen Hits, und natürlich waren sein Image, seine Stimme und seine Ausstrahlung eine perfekte Kombination für den 007-Titelsong „Thunderball“.

In den 70er-Jahren wurde Tom Jones nach großen Erfolgen in Las Vegas abgestellt

In den 70ern zog es ihn nach Las Vegas, das damals aber trotz Elvis und Rat Pack nicht der heutige Glitzer-Hotspot für Mega-Popstar-Shows war, sondern Verklappungshalde, wie Tom Jones selbstironisch in seinem Auftritt im Filmhit „Mars Attacks!“ 1996 unterstrich. Außerhalb von Großbritannien hatte Tom Jones von 1971 bis 1999 nichts vorzuweisen.

Dann kam 1999 unerwartete Hilfe ausgerechnet aus Hannover. Mousse T. schrieb Tom Jones „Sex Bomb“ auf den Leib, und das Lied sowie das Album „Reload“ sammelten Platin in Deutschland und Großbritannien. Ein Erfolg, an den er mit den sechs bis 2015 folgenden Alben nicht anschließen sollte. Aber er war da, gern gesehener Gast bei Galas oder im Fernsehen bei „The Voice UK“.

Nach vier Jahrzehnten in Kalifornien ist Tom Jones zurück in der Heimat

Jetzt ist Tom Jones 80, und vieles, auf das er sich jahrzehntelang verlassen hat, ist nicht mehr da. Seine Frau starb 2016 an Krebs, gab ihm aber einige Wünsche auf ihrem Weg auf die andere Seite mit: Er solle nach über 40 Jahren das Leben in Bel Air aufgeben, zurück in die Heimat näher zur Familie ziehen und das Singen nicht aufgeben. Jones nahm es sich zu Herzen, brach alle Zelte in Kalifornien ab und lebt jetzt in London.

Nur mit der Musik haderte er. Es war sein Manager und Sohn Mark Woodward, der ihn wieder ins Studio scheuchte, wie der Tiger der Deutschen Presse Agentur erzählte: „Du musst jetzt in die Gänge kommen und dich zusammenreißen. Sonst gehst du ein, sonst kannst du auch gleich sterben.“ So schaute Tom Jones gleichzeitig zurück und nach vorne und überlegte, welche Lieder eine besondere Bedeutung für ihn haben und wie er sie interpretieren könnte.

Die Stimme des Tigers hat nichts von ihrer Kraft verloren

Das Ergebnis ist „Surrounded By Time“, eine Sammlung von 13 alten und neueren Songs von Bob Dylan, Michael Kiwanuka, Cat Stevens, Terry Callier und weiteren Persönlichkeiten. Jones selber hat im Lauf seiner 1963 begonnenen Karriere nur eine Handvoll Lieder selber mitgeschrieben, mit „Samson And Delilah“ ist ein brandneues dabei.

Aber ob eigene oder fremde Feder, Jones macht weiterhin jedes Lied zu seinem eigenen mit der auch im hohen Alter noch bis ins Mark dringenden Stimme. Wobei bei aller Kraft, Wucht und Vibration viel Nachdenklichkeit, Melancholie und Reflektion durchklingt. In Terry Calliers „Lazarus Man“ und besonders in Bobby Coles „I’m Growing Old“ beklagt er die wenige Zeit, die ihm noch bleibt. Und „Talking Reality Television Blues“ (Todd Snider) ist seine Erzählung von der Veränderung des Fernsehens, jener Bühne, auf der Tom Jones von Anfang an gern auftrat.

Produktion und Arrangements sind so zeitlos wie modern

Besonders bemerkenswert für diese Platte, für die wahrscheinlich sehr oft das Wort „Alterswerk“ benutzt werden wird, sind die Arrangements und die Produktion der ausgewählten Lieder, die Mark Woodward und Ethan Johns sich ausgedacht haben.

Seit jeher war Jones nie auf einen Stil festgelegt und sang so ziemlich alles von Bond-Pomp über Disco und Country bis Electro-Pop. „Surrounded By Time“ ist aber bei allem Re­tro-Charme, der im Videoclip zu „Talking Reality Television Blues“ aufgefahren wird, so zeitlos wie modern. Und umgibt den Sänger mit einigen bislang ungewohnten Sounds, und das will bei dieser Vita schon was heißen.

Inbrünstiger Ambient-Gospel

Extrem langsam geht es los mit Rückkopplungen und düsteren Streichern, während Jones beschwört: „I Won’t Crumble“, ich werde nicht zusammenbrechen. Ein inbrünstiger Ambient-Gospel voller Unbeugsamkeit. Und den „Popstar“ von Cat Stevens verwandelt er in einen fast schon bissig ironischen Klimper-Blues.

Weiter geht es durch die Jahre mit Flower-Power („No Hole In My Head“), Eric-Burdon-Monologen („Talking Reality Television Blues“), Akustik-Balladen im Stil von Johnny Cashs „American Recordings“ („I Won’t Lie“), Space-Pop („Samson And Deliah“) oder Piano-Träumereien („Old Mother Earth“).

Zuletzt sang Tom Jones „Sex Bomb“ in einer gewissen deutschen Fernsehshow

Wie gesagt, das liest sich retro, aber durch die Kniffe und Effekte von Woodward und Johns werden die Lieder ins Jetzt transportiert. Der Geist des jungen Tom Jones trifft den Greis, der in einigen besonderen Momenten die ganze Patina auf seinen Stimmbändern nicht versteckt. Er ist umzingelt von der Zeit, und das steht ihm gut. Vielleicht ist es sein bestes Album geworden.

Noch einmal kehren wir zurück zu „Atemlos durch die Nacht“: Im vergangenen Jahr sang Tom Jones mit Helene Fischer in der „Helene Fischer Show“ gemeinsam „Sex Bomb“ in einer sehr schmierigen Swing(er)version. Na, ja. Hauptsache, sie hatten Spaß.

Tom Jones: „Surrounded by Time“ Album (Universal) ab 23. April im Handel; www.tomjones.com