Kultur in der Corona-Krise

Lohnt sich das Streaming für Hamburgs Künstler eigentlich?

| Lesedauer: 10 Minuten
Stefan Reckziegel, Maike Schiller und Holger True
Die vier Mitglieder von LaLeLu  liefern auf der Bühne der Event-Halle in Buchholz die Show, bis zu fünf Kameraleute sorgen für den Livestream.

Die vier Mitglieder von LaLeLu liefern auf der Bühne der Event-Halle in Buchholz die Show, bis zu fünf Kameraleute sorgen für den Livestream.

Foto: Dirk Volke

Ob bei der Band LaLeLu, der Sängerin Miu, am Theater oder im Literaturhaus - das Finanzielle ist nicht immer entscheidend.

Hamburg.  Mehr als ein Jahr ist vergangen seit dem ersten kulturellen Lockdown. Seit fast einem halben Jahr haben alle Bühnen erneut geschlossen – durchgehend. Musikclubs waren nicht einmal in der kurzen Zeit dazwischen für Publikum geöffnet, Tourneen für Bands sind nicht drin. Bevor also die Inzidenz nicht signifikant sinkt und niemand weiß, ob Freiluft-Veranstaltungen ebenfalls unter die Inzidenzgrenze fallen (also nicht erlaubt werden könnten), bleibt weiterhin: nur der Bildschirm.

Wie erfolgreich aber sind Streamingangebote? Lohnen sich gestreamte Konzerte und gestreamte Theatervorstellungen finanziell, für die Künstler, für die Institutionen? Wir haben bei ganz unterschiedlichen Hamburger Kulturmachern nachgefragt.

Hamburger Quartett LaLeLu liegt weit vorne

Die Hamburger A-cappella-Comedy-Gruppe LaLeLu etwa hat aus der Not eine Tugend gemacht. Ihr Abend unter dem Motto „LaLeLu XXL“ war kürzlich mit fast drei Stunden ihre bisher längste Show in der 26-jährigen Band-Historie und ihr bereits sechstes Live­stream-Konzert aus der Event-Halle des Buchholzer Technikdienstleisters Groh-P.A. Damit scheint das Quartett ganz weit vorn zu liegen.

Jeweils gut 1000 verkaufte Karten wie bei der LaLeLu-Weihnachtsshow im Dezember und beim Programm „LaLeLu unplugged – Musik pur“ im Februar waren es diesmal zwar nicht, dennoch zeigte sich Agent Dirk Volke auch mit 650 abgesetzten Tickets zufrieden. „Der Vorverkauf zieht immer in den letzten drei bis zwei Tagen vor dem Konzert an und erreicht am Konzerttag seinen Höhepunkt“, lautet seine Erfahrung. Manche kaufen ihr Ticket sogar noch während der Show, wenn sie von anderen online darauf hingewiesen werden.

LaLeLu verkauft „Kulturretter-Tickets“ zu je 100 Euro

650 Tickets zu Normalpreisen von 19,80 Euro über 35 Euro („Wohnzimmer-Ticket“) bis zu 100 Euro hatte LaLeLu für den Abend verkauft. Für das teure „Kulturretter-Ticket“ erhielten die Bucher etwa individuelle musikalische Video-Weihnachtsgrüße oder handsignierte CDs geschickt. Und Fans können sich per Zoom-App zum Livestream dazuschalten.

So groß wie zuletzt bei „LaLeLu XXL“ war der technische Aufwand aber noch nie: Fünf Kameras übertrugen die Show aus der Halle, die Zuschauer waren auf zwei Bildschirmen sicht- und hörbar, dazu kam nach jedem Lied eingespielter Original-Beifall von den beiden Elbphilharmonie-Konzerten 2019 im Kleinen Saal. Für den Konzert-Marathon aus Buchholz waren diesmal zehn vorschriftsmäßig maskierte Techniker mitsamt Management (für den Bereich Social Media) vor Ort im Einsatz.

LaLeLu verdiente in Laeiszhalle am meisten

Bei den Livestream-Konzerten entfallen zwar die hohen Mieten für die Säle aus Vor-Corona-Zeiten. Dennoch: „Mit den zwei Elbphilharmonie-Konzerten verdienen wir immer noch mehr als mit einem Online-Konzert“, rechnet Dirk Volke vor. Und trotz einer Gesamtmiete von 14.000 Euro für die Laeiszhalle im Februar 2020 verdiente LaLeLu mit íhrem bisher letzten großen Konzert in der ausverkauften Halle am meisten. „Für uns als Team ist der organisatorische Aufwand bei einem Livestream-Konzert viel größer“, sagt der Agent.

An der Preisspirale möchten Volke und LaLeLu trotzdem nicht drehen, mit 33 Euro pro Karte liegt der Durchschnittspreis für ein Online-Konzert unter dem einer Präsenz-Veranstaltung. Dirk Volke bilanziert: „Die sechs Online-Konzerte haben uns nicht komplett gerettet, aber sie waren ein wichtiger Baustein.“ Sie dienen insbesondere dazu, mit den Fans in Kontakt und als Gruppe kreativ zu bleiben, abgesehen von neuen CD-Aufnahmen.

Technik bei Streaming-Konzerten teuer

Zwischen dem 13. März 2020 und dem 9. April dieses Jahres fanden von gebuchten 143 LaLeLu-Konzerten nur elf statt – unter erheblichen Einschränkungen der Platzkapazität. Für die Einladung zum A-cappella-Festival in Leipzig am 2. Mai deutet sich deshalb schon eine neue Konzert-Mutante an: Voraussichtlich werden die Techniker von Groh-P.A. aus Buchholz dort gleich für mehrere Bands einen Livestream realisieren.

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Die Hamburgerin Sängerin Miu, die während der Pandemie mehrmals bezahlte Streams angeboten hat, betrachtet das Thema sehr differenziert. „Es gibt auch viele schlechte Versuche, Streaming-Konzerte anzubieten. Mit mittelmäßiger Technik, schlechter PR, wenig Zuschauern, unschöner Bühne, kaltem Licht.“ Festhalten lasse sich auf jeden Fall, dass Streaming-Konzerte einen höheren Aufwand verlangen als ein normales Konzert, die Technik sei sehr viel teurer.

Konzert-Streaming lohnt sich für Hamburger Sängerin Miu

„Für den Laien ist oft nicht ersichtlich, ob ein Streaming-Konzert in der Technik jetzt 2000 oder 20.000 Euro kostet – aber vermutlich gefällt ihm das aufwendigere besser, und so tritt eine kleine Band, die sichtbar bleiben möchte, mit Mini-Budget auf einmal in Konkurrenz zu einer groß geplanten und budgetierten Show.“ Wer lediglich über geringe finanzielle Mittel verfüge, könne da nur verlieren.

Für sie selbst habe sich das Konzert-Streaming bisher gelohnt, „aber nur, weil ich tolle Technikpartner wie Groh-P.A und die richtige Fan-Base dafür habe und meine Konzerte entsprechend sorgfältig geplant waren“. Beim letzten Auftritt sahen auf YouTube 1500 Fans zu, auf Facebook waren es noch mehr. „Meiner Band und mir hilft dieses Konzert durch das Frühjahr. Ich weiß aber, dass das die absolute Ausnahme ist und viele Künstler bei Streaming-Konzerten mit lächerlich winzigen Beträgen rausgehen“, sagt sie. „Nicht alle Künstler haben ein Publikum, das versteht, dass Kultur auch im Internet Geld kosten muss.“

Thalia Theater streamt erst seit Januar

Die Theater, zumal die großen, haben sich anfangs nicht so schnell an das neue Format gewagt wie die (selbstständigen) Popkünstler. Während das Schauspielhaus im November die erste live gestreamte „Geister-Premiere“ auf die Bühne brachte, begann das Thalia Theater sogar erst im Januar – beide Bühnen streamen seither regelmäßig, allerdings nicht immer live.

Meist werden Aufzeichnungen für einen begrenzten Zeitraum angeboten, am Schauspielhaus in der Regel aus dem hauseigenen Archiv (darunter Jelineks „Wolken.Heim“, zuletzt sogar Peter Zadeks legendäre „Lulu“), am Thalia vor allem aus dem aktuellen Spielplan (in dieser Woche etwa erneut „Network“ und „Der Geizige“). Die Karten kosten am Schauspielhaus 6,50 Euro, am Thalia zwischen 6 und 20 Euro, der Kunde wählt hier den Preis selbst. Bei Livestream-Premieren gelten leicht höhere Preise: 9/15/30 Euro.

„Wir wollten ein faires Angebot schaffen"

„Wir wollten ein faires Angebot schaffen, das aber die Hochwertigkeit des Angebots nicht verleugnet“, erklärt Tom Till, Kaufmännischer Direktor des Thalia Theaters die hauseigene Preispolitik. „Das sind im Grunde Vertrauenspreise, denn wir können ja nicht kontrollieren, ob jemand ermäßigungsberechtigt ist oder nicht. Zu unserer Überraschung wird dieses Vertrauen überhaupt nicht missbraucht.“

Rund 40 Prozent der Zuschauer und Zuschauerinnen zahlten freiwillig den höchsten „Support-Preis“. Das Theater freut sich: „Livestreams sind ja sehr aufwendig, man braucht einige Tage Proben, die gesamte Maschinerie wird hochgefahren, externe Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen werden engagiert – es ist eigentlich wie eine Fernsehproduktion, nicht einfach nur abgefilmtes Theater“, erklärt Tom Till.

Digitaler Raum als bleibendes Experimentierfeld

Am kleinen Bahrenfelder Lichthof-Theater hat man sich dank des Formats „#lichthof_lab“ ein Stück weit neu erfunden. Den digitalen Raum versteht man hier als Erweiterung der Möglichkeiten, es ist eine der Pandemie geschuldete „Ausweichbühne“ einerseits, ein bleibendes Experimentierfeld andererseits. Das Digitale wird am Lichthof als eigene Form begriffen und genutzt – mit überregionalem Erfolg: Es gibt Vorstellungen, bei denen mehr als zwei Drittel des Publikums von außerhalb zuschaut.

Auch am Literaturhaus ist das Streamen mittlerweile zur Selbstverständlichkeit geworden. Zwischen 50 und 250 Literaturfreunde sitzen jeweils an ihren heimischen Empfangsgeräten, der Musikabend mit Carsten Brosda und Rainer Moritz sowie die Lesungen von Simone Buchholz und Mirko Bonné waren die bislang quotenstärksten Angebote. „Das sind durchaus erfreuliche Zahlen für uns“, erklärt Literaturhaus-Sprecherin Carolin Löher, „zumal wir annehmen können, dass nicht bei jedem Ticket nur eine Person zuschaut.“

Streaming-Abo für Hamburger Literaturhaus

Die Karten kosten mit übersichtlichen fünf Euro weniger als bei Präsenz-Lesungen, und seit dieser Woche bietet das Literaturhaus sogar ein Streaming-Abo: Für 30 Euro kann man alle Mai-Veranstaltungen von zu Hause aus schauen, darunter Abende mit Nell Zink und Judith Hermann und die Verleihung des Mara-Cassens-Preises an Ronya Othmann.

Bisheriger Thalia-Blockbuster war der Livestream von Leander Haußmanns Inszenierung „Der Geizige“ Anfang März. 1377 Theaterkarten wurden verkauft. „Wenn man davon ausgeht, dass davon mindestens ein Drittel zu zweit vor dem Bildschirm sitzt, kommt man fast auf eine doppelte Saalauslastung“, rechnet auch Till. Vor Ort im „echten“ Thalia hätten rund 900 Menschen im Parkett, im Rang und in den Logen Platz gefunden.

„Lulu“ am Schauspielhaus bestverkaufter Theater-Stream

„Wenn wir mit Livestreams 800 bis 1000 Menschen erreichen, sind wir zufrieden. Dass es bei den Wiederholungen der Aufzeichnungen nur etwa zehn Prozent davon sind, ist bedauerlich, aber ganz normal und deckt sich mit den Zahlen anderer Häuser.“ Der bestverkaufte Theater-Stream der letzten Monate war „Lulu“ am Schauspielhaus am vergangenen Wochenende mit nahezu 2000 Zuschauerinnen und Zuschauern. Fast ein Viertel des Publikums hatte auch hier das teurere „Supporter-Ticket“ gebucht.

Die finanzielle Seite sei trotzdem nicht ausschlaggebend, findet Thalia-Geschäftsführer Till – was für ein Staatstheater einerseits leichter gesagt ist als für selbstständige Künstlerinnen und Künstler, andererseits in seiner Begründung eine Berechtigung hat, die letztlich für die gesamte Branche gilt: „Es geht darum, den Kontakt zum Publikum nicht zu verlieren und auch das Ensemble am Spielen zu halten. Darüber freuen sich alle Beteiligten, das zeigen die positiven Reaktionen.“