Ritual in Hamburg

Wie es ist, sich lebendig betrauern zu lassen

| Lesedauer: 10 Minuten
Maike Schiller
„Sterben“ heißt das Projekt, mit dem Saskia Kaufmann und Raban Witt auf Kampnagel in Hamburg Trauerfeiern für Menschen veranstalten, die quicklebendig sind.

„Sterben“ heißt das Projekt, mit dem Saskia Kaufmann und Raban Witt auf Kampnagel in Hamburg Trauerfeiern für Menschen veranstalten, die quicklebendig sind.

Foto: Marcelo Hernandez /

Grabrede, Tränen, Abschied: Auf Kampnagel gibt es Trauerfeiern für Lebende. Die Zeremonie erfüllt einen wichtigen Zweck.

Hamburg. Weltweit druckten es die Tageszeitungen – auf ihren Titelseiten, natürlich: „Hemingway killed in Air Crash“. Im Januar 1954 war das, Ernest Hemingway hatte sich mit seiner Frau auf Safari in Ostafrika befunden, als sein Flugzeug, ein zweimotoriger Doppeldecker, Feuer fing. Aber: Der Schriftsteller überlebte – und las schließlich seine eigenen Nachrufe. Es habe ihn, heißt es, amüsiert.

Betrauert zu werden und es mitzubekommen – auf Kampnagel kann man in dieser Woche herausfinden, wie sich das anfühlt. Unter dem Projekttitel „Sterben“ bieten die Theatermacher Raban Witt und Saskia Kaufmann ab sofort Trauerfeiern an – Abschiedsrituale für Menschen, die noch leben. Wie das funktioniert, wer sich darum bewirbt, und ob das eine angenehme Erfahrung oder eine ganz und gar makabere Idee ist, erzählen sie im gemeinsamen Interview.

Sich betrauern zu lassen, ohne tot zu sein – wie sind Sie denn darauf gekommen?

Raban Witt: Es ging stark von eigenen Trauererfahrungen aus. Mein Vater ist vor fünf Jahren gestorben, das war für mich ein großer Einschnitt, obwohl ich zu dem Zeitpunkt natürlich längst ein erwachsener Mensch war. Als er weg war, habe ich mich allein gefühlt – und es war ein Moment, in dem mir bewusst wurde, wie zerbrechlich das Leben ist. Ich war vielleicht zum ersten Mal mit meiner eigenen Sterblichkeit konfrontiert. Uns beiden fiel auf, wie wenig Räume es gibt, um sich damit auseinanderzusetzen, wie wenig Rituale. Deshalb erfinden wir eines.

Saskia Kaufmann: Immer geht es in unserer effizienten Gesellschaft ums Funktionieren – der Tod ist der radikalste Ausdruck des Nicht-mehr-Funktionierens. Es wird immer so getan, als könnte man ewig weitermachen, man gibt sein ganzes Leben der Lohnarbeit hin. Dass das eigene Leben endlich ist, lässt einen über die gesellschaftliche Bedingungen, unter denen wir es leben, nachdenken.

In der Pandemie-Gegenwart wird man gerade permanent mit Tod und Sterblichkeit, auch der eigenen, konfrontiert. Eine Produktion unter dem Titel „Sterben“ erscheint da erschreckend zeitgemäß.

Kaufmann: Ich weiß gar nicht, ob das für alle so stimmt. Eine große Gruppe von Menschen will doch gerade ihre eigene Endlichkeit überhaupt nicht wahrhaben. Mir begegnen ständig Leute, auch alte Leute, die so eine Unverletzlichkeitsvorstellung von sich haben. Für mich ist der Tod auch abstrakt weit weg! Viele Menschen verdrängen doch gerade unter diesen Umständen: Das ist nur eine Grippe, ich muss mich nur gesund ernähren, solche Dinge. Verdrängung ist sicher auch notwendig, psychisch. Man kann sich nicht die ganze Zeit sagen: Ich bin verletzlich, ich könnte draufgehen. Aber aus dem Gefühl von Unverletzlichkeit entstehen Probleme.

Wenn ich mich also auf der Bühne betrauern lassen wollte – wie gehen Sie da vor?

Witt: Sie würden Kontakt zu unserem „Trauerbüro“ aufnehmen.

Kaufmann: Unsere Performerinnen und Performer führen per Zoom Interviews mit den Zu-Betrauernden. Diese Gespräche über das eigene Leben werden Grundlage für die Rede, die für jede Zeremonie individuell geschrieben wird. Man kann auch Wünsche formulieren: Welche Form stelle ich mir vor, möchte ich, dass ein bestimmtes Lied gespielt wird, soll auch jemand aus meinem Freundeskreis etwas sagen? Der oder die könnte dann zum Beispiel eine entsprechende Sprachnachricht schicken.

Normalerweise würde ein Pastor oder eine Trauerrednerin mit dem Umfeld des Toten sprechen, mit der Familie, mit Angehörigen. Das ist hier anders.

Kaufmann: Genau, man kann total lügen, wenn man will (lacht).

Witt: Man hat es in der Hand, wie auf das eigene bisherige Leben zurückgeschaut werden soll. Und das ist auch der Punkt: Wir beschäftigen uns mit Tod und Sterben, aber es geht auch sehr stark um eine Zwischenbilanz des Lebens. Das ist für die, die das machen, wichtig, das können wir aus den „Trauerbüro“-Gesprächen jetzt schon sagen. Es ist eine Gelegenheit, sich Gedanken zu machen, darüber, was man mit seinem Leben so angefangen hat bisher. Will ich das so weitermachen, will ich etwas verändern?

Kaufmann: Das ist doch der eigentlich Zweck, sich mit seiner Sterblichkeit zu beschäftigen: Man setzt sich in Wahrheit mit seinem Leben auseinander.

Was für Menschen haben sich angemeldet? Wer möchte das?

Kaufmann: Vom Alter her ist es ziemlich gemischt,...

Witt: Ja, jemand ist Anfang 20, dann geht es hoch bis in die Fünfziger.

Kaufmann: Und es gibt einen Frauenüberschuss. Die größte Gruppe derer, die sich betrauern lassen, sind Frauen um die 40.

Gibt es deutliche Gemeinsamkeiten oder wollen sich die Menschen verblüffend unterschiedlich betrauern lassen?

Witt: Es gibt Dinge, die sich wiederholen und ähneln: Essen und Trinken spielt immer eine große Rolle. Alkohol auch. Viele wünschen sich eher etwas Fröhliches, eine Feier des Lebens. Musik ist oft superwichtig.

Ist das eigentlich taktlos, was Sie da machen?

Witt: Es sind ja Leute, die sich dafür entscheiden. Ich finde es fast ein bisschen unangenehm, dass das ein Thema ist, mit dem wir uns sonst nicht beschäftigen, obwohl es uns alle angeht. Am Tod kommt ja nun niemand vorbei.

Menschen, die tatsächlich gerade trauern, um einen wirklich Verstorbenen, könnten es als geschmacklos empfinden, als pietätlos, dass daraus eine „Show“ gemacht wird.

Kaufmann: Das verstehe ich total. Diese Frage haben wir uns natürlich gestellt. Aber etwas zu diesem Inhalt zu machen, finden wir absolut richtig, gerade in der aktuellen Situation. Gleichzeitig müssen wir den Leuten, die kommen, klar machen, was da passiert. Es ist natürlich nicht für jeden Menschen etwas. Deshalb haben wir auch keinen poetischeren, verspielteren Titel gewählt, sondern einen, der deutlich macht, worum es geht. Der Titel „Sterben“ knallt – das Thema knallt aber auch. Besser, wenn Leute wissen, was sie kriegen.

Witt: Leute trauern ja unterschiedlich. Ich kann also nur von mir persönlich sprechen: Mir tut es gut, wenn „Sterben“ ein Thema sein darf. Ich möchte davon nicht verschont bleiben. Aber ich verstehe, wenn es anderen Leuten anders geht.

Kaufmann: Es gibt vielleicht das Missverständnis, dass so etwas „ironisch“ oder „lustig“ sein muss, wenn es auf die Bühne kommt. Wir machen Kunst, natürlich. Aber wir glauben daran, dass das, was wir da tun, eine Relevanz hat und dass es etwas für die Leute verändert, die dabei mitmachen.

Es ist also nicht nur ein Spiel.

Kaufmann: Genau. Es ist ernst. Wir haben ein Verantwortung gegenüber der Person, die im Mittelpunkt steht. Es ist vielleicht nicht leicht zu verstehen, weil es so eine Mischform ist: Es ist eine Veranstaltung für Publikum, ja, aber eben nicht nur.

Gab es bei der Vorbereitung Kontakt zu echten Trauerrednern oder Bestattungsunternehmen?

Witt: Wir haben tatsächlich ziemlich viel Material gesammelt, uns mit Bestattern und anderen unterhalten, die an verschiedenen Stellen in dieser Branche arbeiten. Und wir haben zu Trauerritualen weltweit recherchiert, es hat uns interessiert, welche Varianten es so gibt. Tatsächlich ähneln sich immer wieder Elemente in verschiedenen historischen oder religiösen Kontexten.

Spielt denn Religion eine Rolle in Ihren Trauerfeiern oder melden sich eher Menschen an, die damit nicht so viel anfangen können?

Kaufmann: Es gibt immer wieder mal jemanden, der spirituell ist. Der Wunsch, ein Gebet zu sprechen, kam bisher nicht. Aber: Das Thema Religion war tatsächlich für mich eine wichtige Triebkraft für dieses Projekt. Ich bin nicht religiös und habe es bei Trauerfeiern manchmal als einen richtigen Schlag ins Gesicht erlebt, wenn die Religion solch einen Abschied derart krass vereinnahmt hat.

Ist es ein Ziel dieser Produktion, den Mitwirkenden die Angst vor dem Tod zu nehmen?

Witt: Nein. Vielleicht passiert das bei manchen Leuten, vielleicht hilft es, das Thema Tod und Trauer in sein Leben zu integrieren. Das kann die Angst davor womöglich verringern, aber der Tod ist ja verdammt beängstigend – und bleibt es auch. Das können und wollen wir gar nicht beseitigen. Es ist doch eine Schweinerei, dass wir alle irgendwann sterben!

Kaufmann: Die größte narzisstische Kränkung! Der Idealfall ist eigentlich, dass Leute sich angesichts der eigenen Vergänglichkeit klar machen, was sie vom Leben wollen. Das Ende dieses Lebens muss man sicher trotzdem immer wieder verdrängen.

Haben Sie sich eigentlich auch selbst in einer solchen Zeremonie betrauern lassen?

Kaufmann: Ja, ich habe mich betrauern lassen.

Wie war das?

Kaufmann: Ich konnte natürlich nicht ganz aus meiner Haut als Regisseurin, ich konnte nicht ganz abschalten. Aber es gab schon Momente, die mich sehr gekriegt haben.

Witt: Wir sind ja auch privat ein Paar – und mir ist das darum sehr nah gegangen. Einerseits ist Saskias Tod natürlich etwas, was ich noch viel mehr verdrängen muss als meine eigene Sterblichkeit. Gleichzeitig ist diese Trauerfeier sehr berührend gewesen, weil ich von unserer Verbindung so viel gespürt habe. Das beschäftigt mich immer noch. Das Wort „heilsam“ klingt mir zu esoterisch – aber es tut gut. Man wird sich durch dieses Ritual bewusster, dass man einander ja noch hat, dass es eben noch nicht so weit ist.