Oetinger Verlag

Pippi Langstrumpf und das Sams haben eine neue Heimat

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Stefan Reckziegel
Oetinger Verlag: Chefin Julia Bielenberg mit ihren Co-Geschäftsführern Thilo Schmid (l.), und Christian Graef in Hamburg.

Oetinger Verlag: Chefin Julia Bielenberg mit ihren Co-Geschäftsführern Thilo Schmid (l.), und Christian Graef in Hamburg.

Foto: Jörg Schwalfenberg

Zum 75. Jubiläum zog der Oetinger Verlag aus Duvenstedt ins urbane Altona. Das ist mehr als nur ein Ortswechsel.

Hamburg. Das Warten auf die Chefin kann manchmal ganz schön erhellend sein. Ein Zahnarzttermin hat Julia Bielenberg an diesem Vormittag mehr Zeit gekostet als erwartet, offenbar aber keine großen Schmerzen bereitet. Jedenfalls versprüht die Frau im dunklen Hosenanzug selbst unter der OP-Maske mindestens so viel Frische und Energie wie der überwiegend helle Raum, den sie betritt.

„Kulturdeck“ haben sie hier beim Oetinger Verlag den Theatersaal im Erdgeschoss genannt; an den Toilettentüren steht – je nach Geschlecht – „Seute Deern“ oder „Lütt Buttje“. „Die Einrichtung, die ganze Ausstattung, trägt ihre Handschrift“, hat Thilo Schmid erklärt, bevor Julia Bielenberg nach dem für alle obligatorischen Corona-Selbsttest aufgetaucht ist. Schmid ist offiziell seit 2018 neben Christian Graef einer von jetzt drei Geschäftsführern bei Oetinger. Ganz allein wollte Julia Bielenberg die Verantwortung für die gesamte Verlagsgruppe mit mehr als 120 Mitarbeitern dann doch nicht tragen.

Oetinger Verlag: Auch anfängliche Skeptiker sind begeistert

Dass sich Silke Weitendorf in diesem April anlässlich ihres 80. Geburtstages aus der Geschäftsführung zurückzieht, ändert für Julia Bielenberg nichts. „Meine Mutter hat in den letzten Jahren vorwiegend repräsentative Aufgaben gehabt, weniger operative“, erläutert die Tochter. „Das unendliche Durchhaltevermögen und die Resilienz in schwierigeren Zeiten“, die hat sich Julia Bielenberg indes von der Seniorchefin abgeschaut. An alter wie an neuer Wirkungsstätte.

Bis Anfang 2019 stand hier an der Max-Brauer-Allee der Theatersalon Die zweite Heimat für eine Mischung aus Schauspiel und Gastronomie. Rechtzeitig zu seinem 75. Jubiläum in diesem Jahr zog der Oetinger Verlag im vergangenen Frühherbst in den kernsanierten historischen Speicher nach Altona. Wichtig war, so erläutert Julia Bielenberg, dass auch langjährige Mitarbeiter den Umzug aus dem beschaulich-grünen Duvenstedt ins urbane Altona mitgetragen haben. „Auch anfängliche Skeptiker zeigen sich heute begeistert“, sagt die Chefin.

Statt „Bullerbü“-Atmosphäre auf dem früheren Apfelhof mit fünf Häusern im Norden Hamburgs herrscht nun im urbanen Altona gegenüber dem Altonaer Theater und dem Altonaer Museum unter einem Dach ein neuer Geist, der trotz einer hochmodernen Einrichtung kreative Wärme ausstrahlt. Tradition mit Moderne verbinden, darum geht es hier.

Generationen sind mit Oetingers Kinderbüchern aufgewachsen

Mehrere Generationen sind mit Kinderbuchfiguren von Oetinger aufgewachsen: Pippi Langstrumpf, Michel, das Sams, die Olchis, die Kinder aus dem Möwenweg, der kleine Ritter Trenk, Pettersson und Findus sowie viele mehr. Das Hamburger Familienunternehmen, am 12. Juni 1946 vom Buchhändler Friedrich Oetinger gegründet, hat Autoren wie die Schweden Astrid Lindgren und Sven Nordqvist erst für den deutschen Markt entdeckt.

Noch immer zählt die Verlagsgruppe Oetinger zu den drei größten Kinderbuchverlagen Deutschlands – er ist der letzte familiengeführte dieser Art. 3000 unterschiedlicher Titel hat die Verlagsgruppe im Vorjahr herausgebracht, darunter 800 Novitäten, fast vier Millionen Bücher verkauft. Umsatz 36 Millionen Euro.

„Wir wollen mit den Kindern auf Augenhöhe sein“

Julia Bielenberg ist Verlegerin in dritter Generation. Sie, die 1996 beim hauseigenen Verlag für Kindertheater ins Unternehmen einstieg, feiert in diesem Jahr also ihr persönliches „silbernes“ Jubiläum. Nachdem sich ihre Brüder Till und Jan Weitendorf inzwischen eigenen Projekten widmen, führt die Mutter dreier Kinder die Familientradion fort. Hier, im sanierten Speicher, jetzt in vielen hellen und offenen Räumen. „New-Work-Konzept“ heißt das sich über drei Etagen erstreckende Arbeitsumfeld neudeutsch. „Die Offenheit müssen wir auch unseren Leserinnen und Lesern deutlich machen, den Kindern und Jugendlichen“, sagt Julia Bielenberg.

„Mindset-Wechsel“, diesen englisch-deutschen Begriff benutzen sie und Thilo Schmid im Gespräch am langen Tisch am Rande des Theatersaals öfter. Was eine Veränderung von Einstellung, Denkweise, Weltanschauung und Verhaltensmustern meint, soll bei Oetinger zu einer agileren und flexibleren Arbeitsweise führen. Wie das Kulturgut Buch in die moderne digitale Welt übertragen, ohne eigene Werte und die eigene Haltung aufzugeben? Vor dieser Herausforderung stehen sie bei Oetinger. „Wir wollen mit den Kindern auf Augenhöhe sein. Wir wollen sie stärken, ihnen Mut machen, sich zu äußern, damit ihre Stimmen gehört werden“, sagt die Verlegerin.

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Bestsellerautoren helfen dabei naturgemäß, etwa Suzanne Collins neues Werk aus der „Die Tribute von Panem“-Reihe mit dem Titel „Das Lied von Vogel und Schlange“. Mit manch anderen Büchern lässt sich wenig bis gar nichts verdienen, räumt die Verlagschefin ein. „Wir haben aber auch den Anspruch, neue Dinge zu machen, weil wir junge Autoren fördern möchten“, sagt sie.

Die Berlinerin Anna Böhm mit ihrem Krimi „Tierpolizei – Kommissare mit Fell und Feder“ im Verlag Friedrich Oetinger gehörte dazu, ihre Bücher verkaufen sich jetzt sehr gut. Oder Benjamin Tienti, dessen Eltern palästinensischer, tschechischer, algerischer und französischer Abstammung sind: Der Autor erhielt 2018 für sein Kinderbuchdebüt „Salon Salami“ den deutsch-französischen Jugendliteraturpreis.

Peter Wohlleben hat bei Oetinger drittes Naturbuch veröffentlicht

Durchaus überraschend: Deutschlands bekanntester Förster Peter Wohlleben, auf der „Spiegel“-Bestsellerliste so verwurzelt wie Bruchwälder im Duvenstedter Brook, hat bei Oetinger mit „Kommst du mit nach draußen?“ bereits sein drittes Natur(kunde-)buch für Menschen ab sechs Jahren veröffentlicht; dazu kommen noch zwei Pappbilderbücher und ein Bilderbuch. „Wenn etwa Peter Wohlleben bei uns über Bäume schreibt, lernen auch wir als Verlag davon und bekommen einen anderen Blick auf die Welt“, kommentiert Julia Bielenberg.

Nachhaltigkeit, die ist Oetinger gewissermaßen ins Buch geschrieben, und die zeigt sich auch in der Grundhaltung. Man produziere als erster Kinderbuch-Verlag komplett Co2-frei und habe im Vorjahr 80 Prozent weniger Papier verbraucht.

Das Produktportfolio umfasst außer Büchern für Kinder aller Altersstufen und junge Erwachsene inzwischen E-Books, Hörbücher, Audio-Downloads, Filme, Apps sowie die obligatorischen Merchandising-Artikel. Erst 2019 ist das Label migo gegründet worden, das aktuelle Themen wie Ninjas oder Trampolin-Stunts in Print- und Digitalmedien übersetzt. Demgegenüber steht unter dem Dach des Dressler Verlags mit Vorzeige-Autorin Cornelia Funke der Vorleseverlag Ellermann für die Kleinsten. Die Kinder und Jugendliteratur habe sich im Corona-Jahr 2020 gut behauptet, sagen die Geschäftsführer unisono.

Der 75. Geburtstag wird das ganze Jahr über gefeiert

Die Interaktion mit der Leserschaft ist beiden wichtig. „Geschichten für Kinder erlebbar machen“, das liegt den Chefs am Herzen. Schon für das Post-Jubiläumsjahr 2022 plant Oetinger ein neues Taschenbuch-Label, das die junge Zielgruppe digital in die Entstehungsprozesse einbinden soll. Und erst vor einigen Monaten hat der Verlag die Plattform HeldenstückeLIVE für digitale Events gestartet – eine Aktion, geboren in der Corona-Notlage. Wichtig: Sie ist nicht nur für Online-Lesungen der Autoren des Verlags gedacht. „Die Plattform steht allen Kreativen aus den unterschiedlichen Branchen offen und ermöglicht ihnen, ihre Inhalte digital zu präsentieren und monetarisieren“, sagt Schmid.

Literarisch begeht Oetinger den 75. Geburtstag fast das ganze Jahr über mit neuen Büchern in vier Themenwelten. Die ersten beiden sind unter den Mottos „Last uns in fantastische Geschichten eintauchen!“ und „Lasst uns die Welt entdecken!“ bereits erschlossen, von Mai an gilt „Lasst uns in den Midsommar tanzen!“, ehe es ab September heißt „Lasst es uns hyggelig machen!“ Zudem veröffentlicht Oetinger einige Schätze aus dem Verlagsarchiv neu. Darunter sind Christine Nöstlingers Frühwerk „Mr. Bats Meisterstück“ und Kirsten Boies „Man darf mit dem Glück nicht drängelig sein“.

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Gilt in gewisser Weise auch beim finalen Gang durch die drei Stockwerke mit ihren Räumen: Diese, hell und besonders freundlich mit Bücherregalen, modernen Möbeln und Glastüren ausgestattet, tragen oft Namen aus Geschichten der Autoren. Im zweiten Stock etwa „Wüste Walli“, benannt nach dem Piratenschiff aus Boies Buch „Seeräuber-Moses“. Am beliebtesten aber sei die „Ideenwerft“ im ersten Obergeschoss, versichern Julia Bielenberg und Thilo Schmid.

Dort blüht offenbar nicht nur die Fantasie, sondern bei den Erwachsenen auch die Kreativität. Und wenn im Erdgeschoss der gläserne Raum gleich neben dem Eingang zum Verlag statt als Ort für Corona-Selbsttests als Showroom mit Büchern und mehr ausgestattet ist, sollen auch die Kinder kommen. Das moderne „Kulturdeck“, der Theatersaal weiter hinten, eignet sich bestens für digitale Lesungen, doch es gibt auch genug Sitze, auf denen kleine und große Besucher ganz real Platz nehmen können. Bei Oetinger sind sie auf alles vorbereitet.