Porträt

Idil Üner – eine Schauspielerin mit Eigenverantwortung

| Lesedauer: 7 Minuten
Volker Behrens
Die Neuen bei der „Nachtschicht“: Tülay (Idil Üner), Erichsen (Armin Rohde), Lulu (Sabrina Ceesay, von links).

Die Neuen bei der „Nachtschicht“: Tülay (Idil Üner), Erichsen (Armin Rohde), Lulu (Sabrina Ceesay, von links).

Foto: Marion von der Mehden / ZDF

Die Wahlhamburgerin probt am Thalia und ermittelt in der ZDF-Reihe „Nachtschicht“ - im Lockdown arbeitete sie im Bio-Supermarkt.

Hamburg.  Es müssen ja nicht immer alle Künstler von Hamburg nach Berlin ziehen. Einige bleiben hier, andere schlagen sogar die entgegengesetzte Richtung ein. Als die Schauspielerin und Regisseurin Idil Üner, eine echte Berliner Pflanze, in Hamburg die Serie „Sibel & Max“ drehte, fiel ihr wieder auf, wie gern sie Hansestadt mag.

Vor vier Jahren ist sie mit ihrer Familie umgezogen und lebt nun in Blankenese. Am Montag kann man sie als Neubesetzung in der neuen „Nachtschicht“ von Lars Becker sehen. Und wenn die Theater wieder öffnen dürfen, wird sie in einem Stück von Arthur Miller am Thalia in der Gaußstraße auf der Bühne stehen.

Idil Üner spielt an Hamburger Theater

Eigentlich ist sie Cineastin. „Ich habe Entzugserscheinungen. Das Kino ist doch ein Ort des kollektiven Erlebens und Empfindens. Wenn wir als Einzelne, aber auch als Gesellschaft, seelisch und psychisch gesund bleiben wollen, sollten wir oft ins Kino gehen. Dort kann man Dinge verarbeiten, anders sehen. Das ist viel besser, als im eigenen Denken zu versacken.“ Aber als Schauspielerin kann man sich kaum auf nur ein Medium konzentrieren. Schon in Berlin hat sie deshalb auch für das Theater gearbeitet. Das setzt Idil Üner jetzt in Hamburg fort. Gerade hat sie in der Gaußstraße die Proben zu Arthur Millers „Blick von der Brücke“ (Regie: Hakan Savaş Mican) abgeschlossen.

Ob das Drama tatsächlich Ende April seine Premiere erleben kann, weiß natürlich niemand. „Wir haben ganz schön zu knabbern gehabt an dem Stück. Trotzdem war es sehr spannend. Die Bühne hat sich vom Anfang der Proben bis zum Ende total verändert, es gibt dort nichts Realistisches mehr. Wir haben uns stark auf die Beziehungen zwischen den Figuren konzentriert und das Universelle im Stück herausgearbeitet. Es war schwierig und spannend, aber wir haben das zusammen ganz schön gut gewuppt. Es ist sehr ruhig und intensiv. Wir haben sieben Wochen lang täglich sieben Stunden lang geprobt.“

Thalia Theater findet Gefallen an Berliner Stück

Aber Idil Üner möchte nicht nur auf der Bühne stehen, sondern, wie schon in Berlin, auch wieder Regie führen. „Bevor ich hier als Schauspielerin gastieren durfte, waren wir schon über eine kleine Regiearbeit von mir im Gespräch. Im Herbst ist in der Gaußstraße ein Festival geplant, das ,Nachbarşaften‘ heißen soll, besonders türkischstämmige Menschen aus der direkten Umgebung sollen angesprochen werden. In Berlin hatte ich im Ballhaus Naunynstraße das Stück ,Gazino Arabesk’ mit entwickelt und auch darin mitgespielt. Die Zuschauer saßen an Tischen. Es gab etwas zu essen und Raki, wir haben auch viel gesungen. Das war in Berlin ein Renner. Wir haben das sehr oft gespielt. So etwas in der Art möchte das Thalia auch. Das wäre großartig.“

Der Personalwechsel in der sehr erfolgreichen „Nachtschicht“ – die Folge „Blut und Eisen“ ist bereits der 17. Fall – hat eine Vorgeschichte. Im Jahr 2000 brachte Regisseur Becker seinen Film „Kanak Attack“ ins Kino. Der Krimi über Migrantenschicksale ging auf das gleichnamige Buch des Kieler Autors Feridun Zaimoglu zurück. Bei den darauf folgenden „Kanak-Attack-Partys“ legte Idil Üner manchmal auf. „20 Jahre später hat es dann auch mit einer Zusammenarbeit geklappt“, freut sie sich. Im Kriminaldauerdienst waren zwei Stellen frei geworden, nachdem Barbara Auer und Minh-Khai Phan-Thi ausgeschieden waren. Die beiden Neuen sind Hauptkommissarin Tülay Yildirim (Üner) und Nachwuchspolizistin Lulu (Sabrina Cee-say).

„Ich musste beweisen, dass ich da reinpasse."

Die Wahl-Blankeneserin musste trotz ihrer Berufserfahrung vorher zum Casting. „Vor 20 Jahren wäre ich wohl etwas unsicher gewesen. Jetzt bin ich das nicht mehr. Ich musste beweisen, dass ich da reinpasse. Armin Rohde war als Gegenspieler mit dabei. Er ist eine offene, warmherzige Seele. Ich hatte mich richtig gut vorbereitet, es war dann, als würden wir Pingpong spielen.“ Sie ist ranghöher als der von Rohde gespielte Erichsen. Im aktuellen Fall müssen sie gegen Rechtsradikale ermitteln.

Eigentlich sollte die 49-Jährige vorher noch in „Mordkommission Istanbul“ mitspielen, aber der Dreh wurde wegen Corona verschoben. In der Pause blieb sie nicht untätig. „Als der erste Lockdown kam und die Projekte von mir und meinem Mann, der auch Schauspieler ist, auf Eis gelegt wurden, haben wir uns etwas anderes gesucht. Wir haben uns hier in Blankenese in einem Bio-Supermarkt als Packer gemeldet. Die haben auch händeringend Leute gesucht. Da haben wir dann erst einmal eineinhalb Monate gepackt.“

Üner kam vor 20 Jahren das erste Mal nach Hamburg

Eigenverantwortung zu übernehmen, ist wichtig für Idil Üner. „Was kann ich tun, um diese Zeiten gut zu überstehen und die Zukunft jetzt schon neu zu gestalten. Jetzt sagen manche: Wenn das Impfen richtig anläuft, kriegen wir das schon unter Kontrolle. Als ob das Impfen der Heilsbringer wäre. Aber da fehlt doch noch ganz viel. Wir müssen noch mehr auf uns und die Umwelt achten. Wir müssen vieles verändern und neu angehen. Das ist das Gebot der Stunde.“

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Ihre erste intensive Begegnung mit Hamburg hatte Üner vor mehr als 20 Jahren. Damals spielte sie im Langfilmdebüt „Kurz und schmerzlos“ des Hamburger Regisseurs Fatih Akin, mit dem sie bis heute befreundet ist, eine der beiden weiblichen Hauptrollen. Gern denkt sie an diese Zeit zurück. „Es war ein Meilenstein in der Geschichte des deutschen Films.“ Lustigerweise ist ihr Schauspielerkollege von damals, Mehmet Kurtulus, heute ihr Nachbar.

Idil Üner über Blankenese: „Hier sind wir richtig.“

Blankenese sei übrigens keineswegs so schnöselig, wie manche glaubten, sondern eher dörflich. Angebertypen mit dicken Autos blieben die Ausnahme. Viel werde dort für Flüchtlinge getan. Idil Üner sieht ganz zufrieden aus, als sie zum Abschied sagt: „Hier sind wir richtig.“

„Nachtschicht: Blut und Eisen“ Mo, 20.15 Uhr, ZDF