Kultur

Ein Virus, das auch Bücher infizierte: 5 Literatur-Tipps

| Lesedauer: 8 Minuten

Corona-Wirklichkeit in der Literatur: Wir stellen vier Romane und einen Band mit Cartoons vor – leider alle sehr aktuell.

Hamburg. Es müsse, sagte der Schriftsteller Jonas Lüscher sinngemäß kürzlich, eine ganze Weile vergehen, sicher mehrere Jahre, bis man sich gewinnbringend einem Gegenwartsgeschehen literarisch widme. Da ist etwas dran, denn Abstand schärft den Blick; und die elend vielen Corona-Tagebücher sind ja irgendwann auch in ihrer unvermeidlichen Redundanz langweilig wie nur irgendwas.

Nicht ganz zufällig ist es vor allem die leichte, die unterhaltende Literatur, die dennoch schnell aus der Hüfte schrieb: Und siehe da, diese Instant-Corona-Romane sind dennoch allesamt nicht unwichtige Spiegelbilder des immer noch anhaltenden, längst normalen Geschehens. Während wir auf künftige Großwerke warten, lesen wir also unverdrossenen ihre Vorläufer – und sind dabei im schaurigen Hier und Heute.

Tötet den Minister

Dieses Buch ist der Triumph des engagierten und, sagen wir es so: nicht unbedingt übertrieben literarischen Erzählens. Welches Thema böte sich mehr für einen umstandslos geschriebenen Krawallroman an? Der Hamburger Kai Lüdders wollte erklärtermaßen das Buch über die gesellschaftlichen Konflikte schreiben, die der Corona-Lockdown hervorruft. Im Zentrum des Geschehens steht ein Reiseunternehmer, der aus Frust über das Kaputtgehen seiner Firma – die Reisebeschränkungen! – plötzlich mit Waffe vor dem Gesundheitsminister steht. „Mauern“ vollbringt das erstaunliche Kunststück, Sympathie für die unterschiedlichen Sichtweisen wecken zu wollen und dabei aber unsympathische Figuren zu produzieren. Wiedererkennungswert haben die Streitgespräche, denen viel Platz eingeräumt wird. Die Mittelschicht droht auseinanderzubrechen, leider auch in der realen Welt.

Corona im Comic

Kreative haben den Vorteil, pandemische Überfälle mit Kunst zu kontern. Oder wenn nicht zu kontern, so doch zumindest zu begleiten. Davon hat dann nicht nur der Künstler etwas, in diesem Fall der Zeichner Ralf König („Der bewegte Mann“), sondern auch das Publikum, gleichbedeutend mit den von Corona Verwirrten, Verängstigten, Verärgerten. Der Comicautor fing im März an, auf Facebook in „schnell hingekritzelten Cartoons“ (König) den neuen Alltag anhand seiner schwulen Helden Konrad und Paul einzufangen. Lockdown, Quarantäne, Maske, Sicherheitsabstand usw. usf. – manchmal ist die Ratlosigkeit angesichts des nie Dagewesenen nur mit Komik zu greifen. Bis Oktober zeichnete König Corona-Cartoons, der Band „Vervirte Zeiten“ versammelt sie nun.

Jugend & Corona

Er ist wieder da, und das so speziell wie immer: der Gegenwartsdurchdringer Joachim Lottmann. Beziehungsweise durchfährt er jene Gegenwart ja eher, mit seinem ollen Wartburg, der immer in Berlin auf ihn wartet. Zweitwohnsitz von Johannes Lohmer, wie sein Alter Ego heißt, ist Wien. Und da lässt sich dann gleich an zwei Orten die Jugend der westlichen Welt – das ist der Auftrag, den er von einem Institut bekommen hat – die „Generation Greta“ beleuchten. Der dritte Rechercheort ist natürlich das Internet.

Dort sind die jungen Leute weniger maulfaul als im echten Leben, wie er schnell merkt. Lottmann alias Lohmer wäre nicht der, der er ist, wenn er nicht die Corona-Krise völlig ungeniert in seinen wie immer absolut zwanglos runtergeschriebenen zeitdiagnostischen Reportageroman inkorporierte – und so wird aus dem Jugend- und auch Altersroman (es geht dem Ich-Erzähler, der sich in Fitnessstudios quält, auch um Unsterblichkeit oder mindestens 120 Lebensjahre) eben dann ein Text der Gattung „der definitive Coronaroman“. Lohmer selbst wird Testproband für Biontech, aber sein Bruder stirbt an Corona.

Als er die verhasste Schwägerin trifft, macht er eine Entdeckung: „Das Coronavirus hatte endlich einen Vorteil, ich hatte ihr nicht die Hand geben müssen“. Der Held ist also wieder mittendrin im Irrsinn der puren Gegenwart. Lottmann-Romane sind der komische Zerrspiegel des realen Geschehens, durch sie fließt der ewig glorreiche, wilde Strom aus Ignoranz, Übertreibung, Karikatur und Ironie. Neben Corona und Generation Greta grast Lottmann auch andere Themen ab, zum Beispiel das Drama des alten weißen Mannes. Der selbst ernannte Jugendforscher ist ja selber einer.

Die Wutrede

Was tut eine kluge Person, eine Intellektuelle, ein Schöngeist, wenn sie wegen der beschwerlichen Gegenwart vor Zorn und Überforderung, vor Empörung und Erhitzung vorm Explodieren ist oder vorm Zerfließen angesichts der heißkochenden Energie, die in ihr brodelt? Richtig, sie geht nicht auf eine AntiCorona-Demo. Sie wird nicht „Querdenkerin“. Sie ist ja, aufgrund ihrer Gescheitheit, noch bei Trost. Also setzt sie sich, in diesem Falle sprechen wir von der Autorin und Literaturkritikerin Thea Dorn, hin und schreibt eine hochkulturell gepimpte Suada, die sich als Briefroman tarnt.

Offensichtlich tarnt, muss man sagen: Thea Dorn erfindet für ihr Buch „Trost. Briefe an Max“ eine Protagonistin, die zur Trauerbewältigung Wutreden gegen das Virus ablässt. Die Mutter, eine Schauspieleragentin, ist an Corona zugrundegegangen; auch, weil sie zu leichtsinnig war und nach Italien reiste, als die Pandemie längst wütete. Nun schreibt die Tochter Johanna Briefe an ihren alten Philosophieprofessor, um ihr vollumfängliches Nichteinverstandensein mit den so jämmerlichen, schlimmen, absurden, tieftraurigen Verhältnissen zu ventilieren.

Der Denker antwortet von einer Ägäisinsel und zwar allein mit Postkarten, deren Motive die Briefschreiberin zu neuen Spitzen herausfordert. Sie schimpft, im Grunde, mit dem Schicksal: Was ist das für eine Welt, in der sie ihre Mutter nicht mehr am Krankenbett besuchen darf! In der auf der Beerdigung das Gebot der Sozialdistanz herrscht! „Wer die Menschlichkeit verteidigen will, muss den Tod auf die Anklagebank setzen“, heißt es einmal. Es ist aber auch von „Seuchenrittmeistern“ die Rede. Und dem Einzigen, was bleibt: Gelassenheit.

Liebe in Zeiten...

… der Cholera? War gestern. Heute ist, immer noch, Corona. Im leichthändig, aber nicht seifig geschriebenen Roman „Mit Abstand verliebt“ folgen die Leserinnen und Leser den beiden Hamburger Mittdreißigern Jella und Lennard, die sich kurz vor dem Ausbruch der Pandemie kennenlernen. Die Zumutungen des Geschehens lassen sich unbedingt auch durch das Prisma der Beziehungskiste brechen!

Den ersten Kuss erleben die beruflich gebeutelten beim gemeinsamen Antikörpertest. Romantik, das ist der Reiz des Risikos. Wobei, was das angeht, Heldin und Held gut gecastet sind. Natürlich haben es die beiden Co-Autoren Julia Becker und Roland Rödermund, die sich hinter dem Pseudonym Juli Rothmund verbergen, auf Kontraste angelegt: Lennard ist ein steifer Sicherheitsfanatiker, der ungern seine Maske ablegt, Jella eine konsequente Lebenskünstlerin, die symptomlos ihr eigenes Covid-19-Erlebnis hat.

Natürlich ist das eine Liebe mit Hindernissen. Der Roman dekliniert zur maximalen Wiedererkennbarkeit aber auch die allgemeinen Gefühlslagen durch, die die meisten Menschen mit der Ankunft von Corona durchlebten. Hier liest man vom panischen WG-Mitbewohner, der sich nur noch im eigenen Zimmer verschanzt. Von überforderten Eltern, Klopapierkäufen, Landflucht im Lockdown – und von aufs Virtuelle reduzierten Beziehungen. Den Kapiteln zwischengeschoben ist der Corona-Kalender bis zum Ende des ersten Lockdowns im Mai 2020, in der die gesellschaftlichen und politischen Vorgänge eigenwillig, aber einleuchtend zusammengestellt werden. Doch, ja: Wer etwas über diese unsere absurde Zeit lesen möchte, der ist hier gut aufgehoben. Amor und Virus, bestens vereint.