Corona-Archiv

Hamburgs erste Impf-Ampulle ist jetzt ein Fall fürs Museum

| Lesedauer: 8 Minuten
Vera Fengler
Die erste in Hamburg verimpfte BionTech-Ampulle hat es ins Museum geschafft.

Die erste in Hamburg verimpfte BionTech-Ampulle hat es ins Museum geschafft.

Foto: Marcelo Hernandez / FUNKE Foto Services

Die Ampulle und viele weitere, teils kuriose Pandemieobjekte sammelt das Hamburger Corona-Archiv am Holstenwall.

Hamburg. Für viele mag das Jahr 2020 ein Fluch gewesen sein. Für Sönke Knopp war es ein Segen. Zumindest in beruflicher Hinsicht, denn mit dem ersten Lockdown im Frühjahr begann auch seine Tätigkeit als Kurator am Museum für Hamburgische Geschichte. Seitdem konzentriert sich die „Erforschung der neueren Stadtgeschichte“, sein Sachgebiet, auf ein Thema: Corona.

In seinem Büro im ersten Stock befindet sich das Corona-Archiv: Schilder von gesperrten Spielplätzen und Sportanlagen, eine Schnellbefundkurzanleitung für Selbsttests, ein „Danke“-Keks, den Edeka an Wartende vor der Tür verteilte, ein Fläschchen mit Desinfektionsmittel, das explizit gegen SARS-CoV-2 wirksam ist, ein Mikrofon mit Schutzfolie, ein Banner mit dem abgesagten Frühlingsdom, ein Kunstdruck aus der Millerntor Gallery, der das letzte vor der Zwangspause in Hamburg ausgetragene Pauli-Spiel gegen Nürnberg thematisiert – nur, dass darauf kein Teddy, sondern das Corona-Virus am Boden liegt.

Etwas materiell sammeln, das nicht mehr da ist

„Wir sammeln Dinge, die diese Pandemie und die Veränderungen in der Stadt dokumentieren sollen. Das ist ganz schön schwierig, denn die ganzen Maßnahmen, die erlassen werden, um die Pandemie einzudämmen, bringen immer mit sich, dass etwas weniger oder gar nicht mehr da ist. Gerade im ersten Lockdown hat man das im Straßenbild sehr gemerkt an den leeren Straßen mit den geschlossenen Cafés und Restaurants. Wie man etwas materiell sammelt, das nicht mehr da ist, ist eine interessante Herausforderung. Es führt zu sehr interessanten Objekten“, sagt Sönke Knopp. Im besten Fall wisse man schon genau, wonach man sucht.

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Da ist zum Beispiel das Schloss vom abgeriegelten Elbschlosskeller auf dem Kiez, das mittlerweile zum Symbol für den Lockdown geworden ist. Zu finden ist auch eines der „Schwimmnudel-Korsetts“, die 2020 am Deutschen Schauspielhaus zum Einsatz kamen, um Abstand zwischen den Darstellerinnen und Darstellern auf der Bühne zu gewährleisten. Der optische Knaller ist ein Viruskostüm aus dem Thalia Theater, das im vergangenen Herbst in das Satire-Stück „Network“ hineingeschrieben wurde. „Es kam aber nie zur Aufführung, da man feststellen musste, dass es überhaupt nicht lustig ist“, so der Kurator.

Die erste in Hamburg verimpfte BionTech-Ampulle hat es ins Museum geschafft

An die 30 dreidimensionale Objekte sind durch Aufrufe in den sozialen Medien, auf der Internetseite des Museums oder über Mund-zu-Mund-Propaganda ins Archiv gelangt. Der Höhepunkt dieser außergewöhnlichen Sammlung ist die erste in Hamburg verimpfte Ampulle von BionTech/Pfizer. Sönke Knopp bekam einen Tipp von seiner ehemaligen Vorgesetzten, die von seinem Projekt wusste.

„Kurz vor Weihnachten stellte ich die Anfrage an die Sozialbehörde. Deren Pressesprecher Martin Helfrich schrieb zurück, er würde viele Anfragen bekommen, aber die Anfrage nach einer leeren Ampulle sei mit Abstand die absurdeste. Einen Tag vor der ersten Impfung, die von einem Pressetermin begleitet wurde, erinnerte ihn Knopp noch einmal daran.

Wenig später kam ein Päckchen mit einem Schreiben von Gesundheitssenatorin Melanie Leonhard (die übrigens Museumswissenschaftlerin ist und vielleicht auch deswegen wusste, wie wichtig der Besitz eines solchen Objekts ist).

Archiv zeigt auch Toilettenpapier

„Wir werden anhand dieses kleinen Fläschchens demonstrieren können, dass wir mit dem Beginn der Impfungen an einem Wendepunkt in der Pandemie waren, dass damit ein neues Kapitel aufgeschlagen wurde. Deswegen war es auch so wichtig, die erste Ampulle zu bekommen“, sagt Sönke Knopp. „In hundert Jahren wird man im Archiv nachlesen können, dass die 84 Jahre alte Karin Sievers aus Poppenbüttel die erste in Hamburg geimpfte Person war.“

Im Gegensatz zum Medizinhistorischen Museum, das naturgemäß medizinische Exponate rund um Corona sammelt, gelangt auch ganz Alltägliches ins Archiv am Holstenwall, zum Beispiel eine Packung Toilettenpapier, die ursprünglich für den polnischen Markt bestimmt war, aber bei Rewe in der Sternschanze landete. „Bei so profanen Objekten war es uns wichtig, eine zweite Bedeutungsebene aufzumachen. Das Toilettenpapier zeigt, wie Warenströme durch die Pandemie umgeleitet werden mussten, um die Versorgung aufrecht zu halten.“

Die wichtigsten Corona-Themen im Überblick

Selbstverständlich gibt es auch Schutzmasken im Corona-Archiv, besser gesagt eine ganze Masken-Chronologie: angefangen bei selbst genähten Stoffmasken über Modelle mit aufgedruckten Namen und Marken bis hin zu OP- und FFP2-Masken – ebenso wie die anderen materiellen Objekte fein säuberlich in Papier eingeschlagen und in graue Pappkartons verpackt.

Große Menge an Dokumenten und digitaler Fotografien

Hinzu kommen eine große Menge an Dokumenten und digitaler Fotografien, die der Kurator als Datensätze in seinem Rechner aufbewahrt. Wie sammeln wir überhaupt all diese Daten, war die rein technische Herausforderung vor der Sönke Knopp stand. Denn anders als die Kollegen der Plakatabteilung am Museum für Kunst und Gewerbe, die sich auf Grafiken zur Pandemie konzentrieren, wollte man am Museum für Hamburgische Geschichte all das festhalten, was gerade in der Stadt passiert.

„Wir mussten irgendwann anfangen zu filtern, um uns nicht zu übersammeln.“ Mittlerweile sei man an dem Punkt, an dem sich die Pandemie professionalisiere, zu sehen am Panini-Sammelalbum „Team Hamburg“ mit Bildern prominenter Unterstützer.

Forschen, sammeln, bewahren. Gerade während der verordneten Schließzeit können sich die Museen ihren Kernaufgaben widmen. Sönke Knopp versucht, zu jedem Objekt möglichst viele Informationen zu bekommen, um die Geschichte dazu erzählen und um die Exponate einordnen zu können. Eine Ausgabe des „Demokratischen Widerstands“ etwa, auf die jemand mit rotem Filzstift „Merkels Job ist es zu lügen“ geschrieben hat. Oder eine Werbung von Corona-Leugnern, auf der das „AHA“-Logo (Abstand halten, Hygieneregeln beachten, Atemschutzmaske tragen) in „Angst ablegen, Hinterfragen, Austauschen“ umgewandelt wurde.

Als Zeitzeugen mittendrin in einem historischen Prozess

Vieles, was einem im Corona-Archiv begegnet, ist mittlerweile normal geworden; auch das Skurrile, Absurde gehört zum Alltag dazu. Sich nicht die Hand zur Begrüßung zu geben. Mit Maske einzukaufen. Die Kollegen nur noch am Bildschirm zu erleben. Sich vor einer Verabredung einem Selbsttest zu unterziehen.

Die aktuellen Corona-Fallzahlen aus ganz Norddeutschland:

  • Hamburg: 2311 neue Corona-Fälle (gesamt seit Pandemie-Beginn: 430.228), 465 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (davon auf Intensivstationen: 44), 2373 Todesfälle (+2). Sieben-Tage-Wert: 1435,3 (Stand: Sonntag).
  • Schleswig-Holstein: 1362 Corona-Fälle (477.682), 623 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 39). 2263 Todesfälle (+5). Sieben-Tage-Wert: 1453,0; Hospitalisierungsinzidenz: 7,32 (Stand: Sonntag).
  • Niedersachsen: 12.208 neue Corona-Fälle (1.594.135), 168 Covid-19-Patienten auf Intensivstationen, 7952 Todesfälle (+2). Sieben-Tage-Wert: 1977,6; Hospitalisierungsinzidenz: 16,3 (Stand: Sonntag).
  • Mecklenburg-Vorpommern: 700 neue Corona-Fälle (381.843), 768 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 76), 1957 Todesfälle (+2), Sieben-Tage-Wert: 2366,5; Hospitalisierungsinzidenz: 11,9 (Stand: Sonntag).
  • Bremen: 1107 neue Corona-Fälle (145.481), 172 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 14), 704 Todesfälle (+0). Sieben-Tage-Wert Stadt Bremen: 1422,6; Bremerhaven: 2146,1; Hospitalisierungsinzidenz (wegen Corona) Bremen: 3,88; Bremerhaven: 7,04 (Stand: Sonntag; Bremen gibt die Inzidenzen getrennt nach beiden Städten an).

Zur selben Zeit machen die Objekte deutlich, dass wir mittendrin sind in einem historischen Prozess. Dass wir Zeitzeugen eines weltumspannenden Ereignisses sind. Es ist dieses außergewöhnliche Gefühl zwischen nervenaufreibendem Alltag und bedeutsamem Ausnahmezustand, das über Schwimmnudeln, Toilettenpapier und Fotos leerer Straßen transportiert wird.

„Durch die Objekte betrachten wir die Pandemie wie durch ein Brennglas“, sagt Bettina Probst. Wann das Corona-Archiv der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden wird, kann die Direktorin des Museums für Hamburgische Geschichte noch nicht sagen. Es eigene sich sowohl als Sonderausstellung als auch als Teil der neu zu planenden Dauerausstellung.

„Ich kann mir gut vorstellen, dass wir einen historischen Bogen schlagen werden, etwa von der Cholera-Zeit bis zu Corona in Hamburg, vielleicht auch mit einem Beitrag eines Medizinhistorikers. Auf diese Weise schärfen wir den Blick für unsere Geschichte. Denn das Thema Pandemie ist ganz nah, es betrifft uns alle in unserer unmittelbaren Lebenswirklichkeit.“