Online-Unterricht

Die Gitarre im Arm, der Lehrer auf dem Bildschirm

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Ohne Direktkontakt kann die Motivation leiden

Ohne Direktkontakt kann die Motivation leiden

Foto: Jovanmandic / Getty Images/iStockphoto

Instrumentalunterricht für Kinder findet nach wie vor unter schwierigen Bedingungen statt – in der Regel online.

Hamburg. Ein Jahr ist es nun her, dass die Corona-Pandemie unseren Alltag aus den Angeln hob. Für Kinder ist das ein bedeutender Teil ihres Lebens; die jüngeren unter ihnen können das Vorher womöglich nicht einmal mehr erinnern. Seit Montag sind die Hamburger Schüler schrittweise in den Präsenzunterricht zurückgekehrt.

Aber was ist mit dem Musizieren? Die Website der Staatlichen Jugendmusikschule begrüßt den Besucher mit der Mitteilung, Unterricht sei noch nicht möglich. Die Abstimmungen und Beratungen unter den beteiligten Behörden seien noch nicht abgeschlossen. „Sobald dies erfolgt ist, informieren wir Sie auch an dieser Stelle.“

Die Passage ist ausformulierte Hilflosigkeit. Was sie zweifellos nicht ist: ausformulierte Gleichgültigkeit. Im Gegenteil, hinter den geschlossenen Türen brodelt es. Kürzlich haben die Leiter von 18 privaten Musikschulen in einem offenen Brief an Kultursenator Carsten Brosda „Unmut“ darüber geäußert, dass der Senat außerschulischen Bildungseinrichtungen selbst über den 28. März hinaus keine Öffnungsperspektiven in Aussicht stelle.

Onlineunterricht kann das persönliche Miteinander nicht ersetzen

Die Gründe für diesen Unmut sind zahlreich. Beim Thema Musikunterricht verschränken sich Belange des öffentlichen Kulturlebens, die wirtschaftliche Not der Künstler – viele Musiklehrer sind auch als ausübende Musiker vom Stillstand betroffen – und die Gefährdung der psychosozialen Entwicklung der Kinder.

„Bislang wurden die Musikschulen bei der Öffnung von Schulen und Kitas immer parallel berücksichtigt“, klagt Anke Dieterle, Leiterin der Akademie Hamburg für Musik und Kultur, die den Brief mitunterzeichnet hat. Der Tatsache, dass auch beim Musikunterricht Menschen in Innenräumen zusammenkommen, begegnet die Akademie mit den erprobten Hygienekonzepten. Die schreiben unter anderem regelmäßiges Stoßlüften und mindestens 1,5 Meter Abstand vor, bei Bläsern 2,5 Meter; im Gebäude herrscht Maskenpflicht; die Maske darf allerdings am Platz wieder abgenommen werden.

Was für die allgemeinen Schulen gilt, gilt für den Musikunterricht erst recht: Onlineunterricht kann das persönliche Miteinander nicht ersetzen. Ungeachtet der Ungleichheit der Rollen verbindet Lehrer und Schüler eine Zweierbeziehung. Wie bei Freunden oder Paaren lebt so eine Beziehung von der physischen Anwesenheit, von den vielen unbewussten Abstimmungsprozessen, die sich in Sekundenbruchteilen zwischen zwei Individuen abspielen. Nur ein Bruchteil davon funktioniert auch über den Bildschirm.

Musikschulen in der Krise

Im Ensemble – und sei es auf drei Meter Abstand – erleben Kinder und Jugendliche musikalisch Resonanz, Berührung, Inkontaktsein, sagt der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut Till Florschütz, der auch als Musiktherapeut arbeitet. „Jugendliche entwickeln sich am Kontakt. Sie finden das, was online vom Unterricht übrig bleibt, schlicht öde.“

Die Geigenlehrerin Katharina Wulf hat nur zu Beginn der Corona-Krise im Sommerhalbjahr 2020 Onlineunterricht gegeben. „Am Anfang waren wir alle neugierig, wie das mit der Technik gehen würde“, berichtet sie. „Aber es hat die Kinder schnell ermüdet, immer allein zu spielen.“ Da half es auch wenig, dass Wulf für ihre Schüler Audiodateien einspielte, damit die eine zweite Stimme hören konnten.

Es gebe immer Kinder, „die wir online nicht erreichen“, sagt die Musikschulleiterin Anke Dieterle. „Unsere Lehrkräfte tun alles, um Onlineunterricht zu vereinbaren. Wenn das nicht mehr klappt, telefoniere ich mit den Familien.“

Katharina Wulf ist bald zum Präsenzunterricht zurückgekehrt

Katharina Wulf ist bald zum Präsenzunterricht zurückgekehrt. Als unabhängig arbeitende Lehrerin konnte sie das, bevor die Corona-Eindämmungsverordnung privaten Musikunterricht im Januar untersagte, in Absprache mit den Eltern selbst entscheiden. Sie sieht bei ihren Schülern extreme Stimmungsschwankungen: „Sie hängen durch, weil sie so fertig sind, dass sie ihre Freunde nicht sehen und die Schule online nicht immer toll läuft. Das kann ich in der Begegnung auffangen, ich bin ja eine Bezugsperson.“ Ohne Konzerte und ohne Schulorchester nehme die Motivation ohnehin ab.

Wulf, so beschreibt sie es, hat mit ihren Schülern ein Vertrauensverhältnis: „Sie können ankommen und sagen, dass sie nicht geübt haben. Aber wenn sie da sind, dann machen wir richtig was zusammen. Wir spielen aber auch mal Filmmusik oder Beatles-Songs vom Blatt. Nach der Begegnung und dem gemeinsamen Tun gehen sie fröhlich wieder raus.“

( vfz )