Albumkritiken

Mit tröstlichem Jazz gegen den Pandemie-Blues

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Starkes Jazz-Duo: Dezron Douglas und Brandee Younger

Starkes Jazz-Duo: Dezron Douglas und Brandee Younger

Foto: IARC

Aus gestreamten Jazz-Konzerten für Familie und Freunde wurde ein Online-Hit. Jetzt gibt es die Aufnahmen auf CD.

Hamburg. Als das kulturelle Leben im vergangenen Jahr auch in New York zusammenbrach, da hatten Harfenistin Brandee Younger und Bassist Dezron Douglas nicht nur einander, sondern auch die gemeinsame Musik. Aus ihrer Wohnung in Harlem begannen die beiden schon bald, Wohnzimmer-Konzerte zu streamen – und die Höhepunkte dieser Duo-Sessions finden sich jetzt zusammengefasst auf dem Album „Force Majeure“ (IARC).

Harfe und Bass, sonst nichts. Das könnte auf Dauer ganz schön eintönig sein, aber in diesem Fall ist ein berührendes Zeitzeugnis entstanden, mit kurzen Zwischenansagen und fantastischen Coverversionen: Nummern von John und Alice Coltrane (die ja selbst auch Harfe spielte), dazu das in dieser trüben Pandemie-Situation ganz besonders tröstliche „The Creator Has A Master Plan“ von Pharoah Sanders, eher Jazzfremdes von Kate Bush und Sting sowie einige Eigenkompositionen.

Ein entspanntes, sanftes Album, eine klingende Wärmflasche für die Seele, voll schöner Melodien, aber weit davon entfernt, überzuckert zu sein. Was zunächst nur für Freunde und Familie gedacht war, fand schnell ein großes Publikum, und das ist keine Überraschung: Die musikalische Umarmung dieser beiden lässt das erzwungene Social Distancing ein klein wenig besser ertragen.

Hoher Wohlfühlfaktor: „Kraut Jazz Futurism Vol.2.“

Einen hohen Wohlfühlfaktor hat auch die Zusammenstellung „Kraut Jazz Futurism Vol.2.“ (Kryptox), die insgesamt 15 Bands und Projekte versammelt. Das Etikett „Kraut Jazz“ spielt natürlich auf den historischen Krautrock von Gruppen wie Can und Amon Düül an, führt hier aber in die falsche Richtung, denn die Stärke der Beiträge ist gerade, dass sie sich überwiegend auf internationalem Niveau bewegen und die Beteiligten sich vor der hippen Londoner Clubjazz-Szene keineswegs verstecken müssen.

Vieles hier hat einen wohligen Soul-Flair, manches erinnert an die seit den späten Achtzigern von den DJs Gilles Peterson und Eddie Piller präsentierten Acid-Jazz-Großtaten, mit denen sich Jahrzehnte lang international die Tanzflächen füllen ließen. Ganz besonders toll: der repetitive Psychedelic-Jazz von Love Songs auf „Kölner Straße“, die Percussion-Schrei-Attacke von Transport auf „Tanz um den Melkeimer“ und der an Kamasi Washinton erinnernde Funkjazz von Wanubalé auf „Hickups“. Natürlich hat nicht jede Nummer diese Klasse, aber wenn das Album nach knapp 70 Minuten ausklingt, gibt es eigentlich nur eine Option: sofort wieder auf „Play“ drücken.

( hot )