Kampnagel

Ein Mann, der Brücken von Hamburg nach Syrien baut

| Lesedauer: 6 Minuten
Annette Stiekele
Markenzeichen Cowboy-Hut: Anas Aboura (34) arbeitet seit fünf Jahren als Kurator auf Kampnagel.

Markenzeichen Cowboy-Hut: Anas Aboura (34) arbeitet seit fünf Jahren als Kurator auf Kampnagel.

Foto: Michael Rauhe

Anas Aboura hat mit „Revolutionary Souq“ ein Exil-Festival kuratiert. Der einzigartige Basar auf Kampnagel kann digital besucht werden.

Hamburg. Anas Aboura hatte sich das alles so schön vorgestellt. 2020 wollte er einen revolutionären Basar auf Kampnagel inszenieren als genreübergreifendes Gesamtkunstwerk. Die Idee war, Kunstschaffenden der syrischen Diaspora Raum zu geben, und den berühmten Alhamidiya-Basar in der syrischen Hauptstadt Damaskus als Kulisse und Rahmen zu reproduzieren. Doch dann kam die Pandemie, und der Kunst-Markt wurde nach nur einem Tag geschlossen.

Ein Jahr später hat die Pandemie die Kunstwelt noch immer im Griff. Aber dank eines starken Teams an Spezialisten in Grafikdesign und virtueller Realität wird der Basar nun digitale Wirklichkeit. Vom 15. bis zum 18. März lädt der Kampnagel-Kurator zu „Revolutionary Souq. Ein virtueller Basar“ mit einem reichhaltigen Programm aus Podiumsdiskussionen, Konzerten, Performances, Filmen und einer Ausstellung.

Kostenloser Zugang zu digitalem Basar

Der Zugang ist kostenlos, freiwillige Spenden erwünscht. Sie sollen helfen, die Not in Lagern für Geflüchtete an der türkischen Grenze zu lindern. Der Anlass hat leider an Bedeutung nicht verloren. Vor zehn Jahren begann die Revolution in Syrien. Noch immer herrscht kein Frieden in der Region, stattdessen bekämpfen sich diverse Großmächte auf dem Terrain mit unterschiedlichen geopolitischen und wirtschaftlichen Interessen.

„Die Situation ist politisch ungeklärt. Ohne die internationale Unterstützung durch Russland, China und den Iran wäre das Al-Assad-Regime längst tot“, sagt Anas Aboura beim Treffen im Foyer der leeren Kampnagel-Hallen. Der Kurator, Markenzeichen ausladender Cowboy-Hut und dicke Silberringe, ist längst eine feste Größe im Kampnagel-Team. Sein „Revolutionary Souq“ ist viel mehr als ein Basar: In den Anfängen der Revolution versuchte das Regime, die Basarbesucher mit einem Spitzel-System einzuschüchtern.

Aboura ist ein begnadeter Netzwerker

„Nach all den Opfern braucht es dringend einen Augenblick des Friedens“, sagt Anas Aboura. Für ihn ist der Aufstand nach wie vor noch nicht vorbei. „Die Revolution ist noch im Gange mit dem Ziel, das System zu beenden, das die Leute kulturell und wirtschaftlich kontrolliert. Es ist wichtig, die Kraft der Bewegung hochzuhalten – und das Gedenken an die Opfer.“

Die Begegnung mit dem Produktionsort Kampnagel ist für Anas Aboura, der vor fünf Jahren nach seiner Flucht aus Syrien nach Hamburg kam, die Erfüllung eines lang gehegten Traums. Hier kann er seine Stärken einbringen, insbesondere seine scheinbar unendliche Liste mit internationalen Kontakten. Aboura ist ein begnadeter Netzwerker. Er holte bereits Stars der syrischen Diaspora wie Lena Chamamyan zu Konzerten in die große Kampnagel-Halle nach Hamburg.

Podiumsdiskussion untersucht Situation in Syrien

Viele Kunstschaffende kannte er bereits in Syrien. Häufig waren es Begleiter seiner Kindheit. Etliche weitere, mittlerweile verstreut von den USA über Afrika bis nach Europa, kamen hinzu. Und das schlägt sich im Programm nieder.

Eine Podiumsdiskussion an diesem Montag untersucht die Situation in Syrien vor Ausbruch der Revolution und widmet sich der Frage „Revolution oder Aufstand?“. Mit dabei ist der heute in Frankreich lebende Theatermacher Nawar Bulbul, der zwei Jahre lang in Jordanien eine Theatergruppe mit Kindern in einem Flüchtlingscamp aufgebaut hat.

Sängerin Rasha Rizk nimmt an Podiumsdiskussion teil

An einer weiteren Podiumsdiskussion zum Thema „Ist die Revolution weiblich?“ (17.3.) nimmt die jetzt in Paris lebende Sängerin Rasha Rizk teil, die in Syrien Titelsongs für populäre Zeichentrickfilme wie „Tom und Jerry“ komponiert und gesungen hat und wegen ihres politischen Aktivismus fliehen musste. Ebenfalls dabei ist Schauspieler Jay Abdo, der inzwischen in den USA lebt und Karriere im Filmgeschäft gemacht hat. Er hat schon mit Werner Herzog und
Nicole Kidman gedreht.

Musikalisch reicht die Bandbreite des Festivals von arabischem Techno mit Wael Alkak bis zum deutsch-syrischen Duo Shkoon, das sich einst in einer Hamburger Wohngemeinschaft gefunden und sogar ein Album produziert und auf einer internationalen Tournee vorgestellt hat. Es gibt viel zu entdecken, für viele Kampnagel-Besucher sind die beteiligten Künstlerinnen und Künstler gewiss noch Geheimtipps.

Willkommenskultur 2015 nur ein Trend

Zentralen Fragen, die Anas Aboura nach fünf Jahren Hamburg umtreiben, lauten: Wie kann aus der anfänglichen Euphorie eine stetige Kunstproduktion erwachsen? Und vor allem, wie kann aus einem Nebeneinander der Künstler wirkliche Gleichberechtigung entstehen? Die Willkommenskultur 2015 sei ein Trend gewesen. Für ihn hatte das etwas von einer Fake-Bewegung.

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„Vielfach haftete der Kunst das Label ‚von Geflüchteten‘ an. Aber irgendwann wurde die Qualität wichtiger“, sagt der Kurator. Um Qualität geht es ihm vor allem. Ziel sei eine Kollaboration auf Augenhöhe. „Unsere Rechte als Künstler müssen stärker gesehen werden. Wir müssen zu einem gleichberechtigten Miteinander jenseits von Kategorien kommen und dürfen nicht die gleichen Stereotype immer weiter reproduzieren.“

Digitaler Basarbesuch bei „Revolutionary Souq“

Auch der „Revolutionary Souq“ setzt an diesem Gedanken an. Er soll natürlich möglichst viele verschiedene Besucher ansprechen. Basare sind in der Regel geprägt von einer Vielzahl an Eindrücken, Geräuschen, Gerüchen und angebotenen Gütern. Und sie sind – sehr unpassend zu Pandemie-Zeiten – voller Menschen. Die digitale Ausgabe ist da in jedem Fall sicher. Durch diesen sehr aufwendig designten Basar können Interessierte sogar wie in einem Videospiel von einer Halle zur nächsten wandeln – und an jeder Ecke Überraschendes erleben.

„Revolutionary Souq. Ein virtueller Basar“ Mo 15.3. bis Do 18.3., kostenlos, Infos und Programm unter www.kampnagel.de​