Pandemie

Ein Jahr Corona – Hamburgs Kulturszene zieht Bilanz

| Lesedauer: 16 Minuten
Zwischendurch auch mal geöffnet: Besucherandrang beim Bucerius Kunst Forum.

Zwischendurch auch mal geöffnet: Besucherandrang beim Bucerius Kunst Forum.

Foto: Andreas Laible

Die Kultur ist so hart von Corona getroffen worden wie kaum eine andere Branche. Wie geht es Schauspielern, Musikern und Autoren?

Es gibt kaum eine Branche, die es so hart getroffen hat wie die Kultur. Nach einem Jahr Corona und seinen Folgen hat das Hamburger Abendblatt sich unter den Künstlern in Hamburg umgehört. Wie fällt ihre Bilanz aus? Was haben die Schauspielerinnen, Musiker und Autorinnen erlebt? Wie ist es ihnen ergangen?

Ute Hannig, Schauspielerin

Der erste Lockdown hat uns als Familie überraschend gut erwischt. Mein Mann Markus John, der auch Schauspieler am Schauspielhaus ist, und ich haben vier Kinder zwischen 20 und sechs Jahren, und wir konnten die erste Zeit alle zusammen auf dem Land verbringen. Das war als Familie eine unheimlich intensive Phase. Da fiel endlich mal die Erschöpfung, die wir durch das ganze Arbeiten hatten, ab. Plötzlich hatten die Kinder, die wahnsinnig viele Babysitter kennen, mal ihre Eltern jeden Abend zu Hause statt immer im Theater.

Das Theater hat uns auch nicht so gefehlt, weil wir nie geglaubt hatten, dass es so lange dauern würde. Schlimmer war, dass wir eine Produktion, „Cool­haze“, bis zur Generalprobe geprobt hatten, mit großem Orchester und allem, und dass es dann erst mal keine Premiere gab. Aber inzwischen sind wir ja auch darin geübt. Ich bin ohnehin dankbar, dass ich als festangestellte Schauspielerin abgesichert bin, über dieses Privileg sind wir uns sehr bewusst. Ich finde allerdings, dass es Kraft kostet, immer für die Warteschleife zu produzieren und auch, nur vor halb leerem oder ganz leerem Saal zu spielen.

Eine Premiere hatte ich so im Malersaal: „Wir haben getan, was wir konnten“, da spiele ich eine Ärztin, die vor der Entscheidung steht, wem sie das Beatmungsgerät abstellt … Dieser Triage-Moment. Das war eine … interessante Erfahrung, dass das so deckungsgleich mit der Wirklichkeit war.

Der zweite Lockdown hat uns dann härter getroffen. Zu Hause laufen hier jetzt täglich fünf Computer, wie in einem Callcenter. Manche Kollegen habe ich inzwischen seit einem Jahr nicht gesehen. Die ständige Selbstkontrolle beim Proben ist auch kontraproduktiv, das Theater lebt doch eigentlich von Überraschung, Nähe, diesem Ungeregelten. Aber es geht ja nicht anders – und je klarer die Regeln sind, desto besser kann man sich innerhalb dieser Grenzen bewegen. Mit einer Dramaturgin zusammen habe ich mir im Winter das Format „Im Lockdown um die Welt“ ausgedacht, weil mir das Reisen so fehlt. Das ist eine Art Video-Podcast, um sich zu trösten. Das wird auch weitergehen.

Alan Gilbert, NDR-Chefdirigent

Wie mein Jahr mit Corona war, abgesehen von der Gesamtlage? Ehrlich gesagt: Ich hatte so viel Glück! Im letzten März gab es einige Wochen großer Unsicherheit, als sich alles dramatisch entwickelte. Ich habe dann – auch, damit ich etwas selbst zu tun hatte – Online-Gespräche mit befreundeten Dirigenten geführt. Glücklicherweise erhielt ich bald wieder Anfragen für viele Konzerte an meinem Heimatort Stockholm.

Im Juni kam ich zum NDR Elbphilharmonie Orchester nach Hamburg, gemeinsam haben wir viele musikalische Online-Konzerte initiiert und so Kontakt zu unserem Publikum auf der ganzen Welt gehalten. Im Juli habe ich viele Engagements verloren; ich hätte in Japan dirigieren sollen, wo ich normalerweise zwei-, dreimal im Jahr bin.

Danach hatte ich einen wirklich schönen Sommer mit meiner Familie, sechs, sieben Wochen am Stück, das hatten wir so noch nie. Ab Herbst war mein Terminkalender buchstäblich: normal. Konzerte in Stockholm, das Festkonzert zum 75. Jubiläum des NDR Elbphilharmonie Orchesters. Wenn ich das mit der Situation von Kollegen vergleiche, die nichts zu tun hatten, kann ich mich wirklich nicht beschweren! Ich konnte als Musiker konzertieren, ich war einer der Glücklichen.

In den letzten Monaten habe ich versucht, meinen Sohn, er ist 15, dazu zu bringen, Dostojewskis „Schuld und Sühne“ zu lesen. Ich war genauso alt wie er jetzt, als ich das las, und ich habe das Buch sehr geliebt. Jetzt lese ich ständig, sehe mehr auf Netflix als früher und mache viel mehr Sport als früher. Und es gibt ein wunderbares Wort-Spiel auf der Onlineseite der „New York Times“, „Spelling Bee“. Nicht nur ich, meine Familie und so viele Freunde, wir sind alle süchtig danach.

Spielplätze, Alster, Elbe - Polizeikontrollen am Wochenende

Der Unterschied zwischen Schweden und Deutschland? Wenn ich hier bin, ist Corona viel präsenter. Ich komme für ein Projekt, für fünf, sechs Tage, gehe zur Probe und bleibe ansonsten auf dem Hotelzimmer. Hier fühlt sich alles etwas angespannter an. Danach könnte ich zu Hause eigentlich wieder alles tun, wonach mir ist. Aber Entspannung setzt nicht wirklich ein, sie ist mit einem gewissen Stress verbunden, weil man sich Sorgen macht.

Verena Gräfe-Höft, Filmproduzentin

Die Corona-Krise war und ist eine Herausforderung. Auf der einen Seite zerrissen zwischen Homeschooling, Home­office, für Kultur und Kino kämpfend, sehnend und bangend – auf der anderen Seite dankbar und sich sehr bewusst sein, dass man noch Glück im Unglück hat.

Neben all dem Wahnsinn, den diese Zeit mit sich gebracht hat, habe ich aber auch Schönes kennengelernt, von dem ich vor einem Jahr noch dachte, dass es mich so gar nicht interessieren würde: Gärtnern. Ich dachte, ich hätte einen „schwarzen Daumen“, bis ich mich dann einfach beherzt mit Pflanzen beschäftigt habe – quasi als meditativer Ausgleich –, und plötzlich stand ich knietief in Blumenerde. Mein Nachbar, ein Garten-Genie, hat mir tolle Tipps gegeben.

Als Produzentin musste ich wohl irgendwie weiter kultivieren und produzieren.

Johannes Oerding, Pop-Musiker

Der Tiefpunkt der letzten zwölf Monate war die Nachricht, dass die gesamte Tour zu meinem Album „Konturen“ abgesagt werden muss. Wir hatten gerade in der Rostocker Stadthalle alles aufgebaut und warteten auf 6000 Menschen, da kam die behördliche Entscheidung. Ratlosigkeit, Traurigkeit und Angst haben die Crew und mich in den folgenden Tagen, Wochen, Monaten begleitet.

Auf der anderen Seite waren da ganz klar die Freiluft-Konzerte im August und September auf der völlig neu gestalteten Stadtparkbühne: Aus drei geplanten Auftritten wurden 15, das hat eine unfassbare Eigendynamik angenommen, die mich, die Band, die musikalischen Gäste und die Fans völlig mitgerissen hat. Es fühlte sich komisch an, mit Maske in das Publikum zu gehen, aber immerhin waren es echte Konzerte mit Menschen, die unsere Akkus für den harten, langen konzertlosen Winter aufgeladen haben.

Peggy Parnass, Autorin

Ein Jahr Corona hätte in meinem Leben die Hölle sein können. War es aber nicht. Es war der Himmel.

Am 11. Oktober 2020 erlebte ich den schönsten Geburtstag meines Lebens. Ein Festtagsrausch mit den meisten der Menschen, die mir lieb sind. Ein Freudentaumel im Ernst Deutsch Theater. Trotz der jeweils einen Meter und fünfzig Abstand, die wir alle voneinander halten mussten. Gefühlt waren wir uns sehr, sehr nah, obwohl wir uns nicht anfassen duften, Masken tragen mussten, Küssen und Umarmungen ver­­boten waren. Das schönste Geschenk kam von Tita: Das Buch der 90 Freunde, die jeder was Schönes für mich rein­geschrieben haben. Lauter Liebeserklärungen.

Meine tolle Verleihung der Ehrendenkmünze in Gold des Senats musste wegen Corona ausfallen. Unseren Abend im Schauspielhaus mit dem wunderbaren Michael Weber, auf den wir uns so gefreut hatten, mussten wir absagen. Da ging es uns wie so vielen anderen Schauspielern und Schauspielerinnen in diesem Jahr.

Die wichtigsten Corona-Themen im Überblick

Ich bin natürlich vielen Leuten dankbar. Vor allen denen, die mir als Pfleger und Pflegerinnen in der Heerlein- und Zindler-Stiftung geholfen haben. Ja, unermüdlich geholfen haben. Ich habe jetzt nicht mehr meine schöne Wohnung an der Langen Reihe, sondern ein schönes Zimmer an der Koppel 17. Es reicht mir allerdings nicht, weil meine Freunde nicht zu mir reindürfen. Und ich zu ihnen nicht rauskann.

Da hab ich immerhin das große Glück, dass mein Sohn Kim und seine Frau Maria mir helfen, und meine Freunde wie Tita do Rêgo Silva, Kalle Ramke, Cord Wöhlke, Isabella Vértes-Schütter, Doris Gercke, Birgit Kassovic, Carlo, Heide und Piet Poppe, Anke und Knut Terjung und Rainer Neumann Leckereien, vielfältiges Obst, Bücher und Zeitschriften für mich unten im Haus abgeben.

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Wie sehr vermisse ich meinen lieben, lieben langjährigen Freund, den Schauspieler Peter Maertens, mit dem ich immer so wunderbar lachen konnte, und auch die täglichen Anrufe von Peters Frau Christa. Ich kann nicht fassen, dass so viele Freunde von mir gestorben sind. Emilija Mitrović und mein Tänzer Karl Dall, zwei Meter größer als ich.

Ich glaub, ich bin gesund. Auf jeden Fall schon zum zweiten Mal geimpft. Ich hoffe, dass wir uns bald alle wieder in die Arme schließen dürfen.

Alexander Krichel, Pianist

Als im März, am Beginn des ersten Lockdowns, die Veranstalter plötzlich vom „Ende der Saison“ sprachen, war das für mich ein erster Tiefpunkt des Jahres. Ich hatte gedacht, alles sei nach ein paar Wochen vorbei und wieder normal, aber dann wurde tatsächlich der Ausnahmezustand zur Normalität. Der zweite harte Schlag war dann der Lockdown-Beschluss im November. Zu dem Zeitpunkt hatte ich ja schon wieder gespielt und allein im November standen elf Konzerte an, darunter in so renommierten Häusern wie der Philharmonie in Berlin und dem Wiener Konzerthaus. Die Absagen haben mich erst mal ziemlich aus der Bahn geworfen.

Grundsätzlich aber habe ich in diesem Corona-Jahr versucht, zu akzeptieren, was eben nicht zu ändern ist. Wobei es auch viele tolle Erlebnisse gab: Mein erstes Autokino-Konzert, bei dem ich endlich wieder die Energie des Publikums spüren konnte – auch wenn es in Blechkisten saß. Oder das Ende der 14-tägigen Quarantäne in Hongkong, nach der ich dort ein Konzert spielen durfte. Für den Herbst ist eine zweimonatige Asientour mit Auftritten in Südkorea, Japan und China geplant. Ich hoffe sehr, dass die stattfindet.

Kathrin Baumstark, künstlerische Leiterin des Bucerius Kunst Forums

Ich kann mich noch genau an den Tag erinnern, als wir die David-Hockney-Ausstellung aufbauten, und die ersten Nachrichten aus Wuhan uns erreichten. Damals ahnte man noch nicht, was das mit uns machen würde. Dann kamen die erschreckenden Bilder aus überfüllten italienischen Krankenhäusern; 2020 begann mit einer großen Verunsicherung.

Umso erfreuter waren wir, dass wir bei der Ausstellungseröffnung am 1. Februar von Besucherinnen und Besuchern überrannt wurden. Das hat mich überrascht, ich hätte nicht gedacht, dass Hockney so ein Blockbuster werden würde. Immerhin konnte die Schau von 90.000 Menschen besucht werden, nachdem wir die Schau verlängern konnten und nach dem ersten Lockdown wiedereröffnen durften. Tragisch ist, dass diese Ausstellung ohne Pandemie eine der erfolgreichsten in der Geschichte des Bucerius Kunst Forums hätte werden können.

Von heute auf morgen das Museum zu schließen war eigenartig, man musste sich erst einmal sortieren. Am Anfang dachte ich, ich hätte jetzt ganz viel Zeit, um Bücher zu lesen. Was für ein Quatsch! Diese Ruhe gab es eigentlich kaum. Stattdessen beschäftigten wir uns mit Spuckschutz aus Plexiglas und Hygienekonzepten.

Ein besonders schönes Erlebnis war die äußerst wohlwollende Kooperation mit den Kolleginnen und Kollegen der Tate Modern in London, die uns, ohne zu zögern, die Leihgabe der Hockney-Werke verlängerten. Ein gutes Gefühl, dass wir alle im gleichen Boot sitzen und uns gegenseitig unterstützen. Vielleicht ist es das, was mich die Krise gelehrt hat: das wieder mehr wertzuschätzen, was ich habe.

Michel Abdollahi, Autor und TV-Moderator

Ich wäre 2020 sicher ununterbrochen mit meinem Buch „Deutschland schafft mich“ auf Lesereise gewesen. Aber daraus wurde nix. Ich hatte Glück, das Buch wurde dennoch zum Bestseller. Aber wenn ich mir einige meiner Kolleginnen und Kollegen sowie die Verlage anschaue, werde ich traurig. Wir dürfen sie nicht vergessen, sonst wird es kulturell sehr still werden.

Ich habe aus der Not eine Tugend gemacht und das „Vierte Deutsche Fernsehen“ gegründet. Dort habe ich Künstlerinnen und Künstler, die durch den Lockdown in Not geraten sind, eine Bühne gegeben. Daraus ist so etwas wie eine Familie geworden. Das macht mich sehr glücklich. Tiefpunkt war der Anschlag von Hanau. Viele sagten, „das Unvorstellbare ist wirklich passiert“. Dabei war es weniger unvorstellbar, sondern nur eine Frage der Zeit. Alle Warnungen haben nichts gebracht. Bis heute wird die Tat von der Politik mehr hingenommen als aufgearbeitet.

Leona Stahlmann, Schriftstellerin

Als mein Roman „Der Defekt“ Anfang Februar 2020 erschien, war Corona noch eine ferne Meldung aus China. Ende Februar war meine Premierenlesung im Literaturhaus. Einen Tag darauf fuhren wir mit dem VW-Bus nach Frankreich. Noch während der Reise kamen die Absagen für meine Lesungen. Da merkte ich: Es betrifft die Welt. Es betrifft mich. Absage der Buchmesse, Verschiebung der Lesetour. Ich weiß noch, wie wir über die Ardennen fuhren, und ich spürte, wir sind eigentlich auf Talfahrt.

Es war wie ein MDMA-Kater, ein unglaublich harter Kontrast. Von der Hochstimmung, von der Veröffentlichung meines Debüts, von guten Kritiken und dem ausverkauften Literaturhaus ins Nichts. Ich dachte, ich wusste, wie mein Jahr aussieht: viele Reisen mit dem Buch, dann die Arbeit am zweiten Roman. Dann hatte ich plötzlich viel Zeit, die Lesetour wurde ganz abgesagt.

Habe ich viel gejammert? Ja, das habe ich. Es gibt, finde ich, die sehr deutsche, manchmal Corona relativierende „Ich kann mich nicht beschweren“-Erzählung. Auch wenn ich nicht Single bin, also im Lockdown nicht einsam war, würde ich schon auch von einer Traumatisierung sprechen. Ich bin jetzt ein Jahr im Schockzustand, wie ich mir aber erst jetzt langsam eingestehe. Ich hatte ein Buch geschrieben und dachte: Das ist für dich, Welt! Und dann gab es diese Welt, für die ich es geschrieben hatte, so gar nicht mehr. Immerhin konnte ich mein zweites Buch jetzt schon schreiben, es wird 2022 erscheinen. Nach diesem Buch aber, das merke ich, muss ich Atem holen. Welt und Leben reinlassen.

Wenn ich das Manuskript bald in seine endgültige Fassung bringe, werde ich das als Mutter tun. Mein erstes Kind kommt in fünf Wochen zur Welt. Dafür war der Zwang zum Anhalten gut: Ohne Corona hätten ich und mein Partner, der als Drehbuchautor deutschlandweit in Writer’s Rooms unterwegs ist, wohl nicht die Ruhe gehabt, die es braucht, um sich für ein Kind zu entscheiden.

( HA )