Großprojekt in Hamburg

36,4 Millionen Euro: Theater-Campus in Barmbek

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Stefan Reckziegel
Neue Nachbarn: Klaus Schumacher (r.), Leiter Junges Schauspielhaus, mit Maike Schäfer und Andreas Lübbers (Freies Zentrum Wiese).

Neue Nachbarn: Klaus Schumacher (r.), Leiter Junges Schauspielhaus, mit Maike Schäfer und Andreas Lübbers (Freies Zentrum Wiese).

Foto: Marcelo Hernandez

Am Barmbeker Wiesendamm stehen Junges Schauspielhaus und Theaterakademie vor dem Einzug. Im Freien Zentrum Wiese wird schon geprobt.

Hamburg. Der Metallgitterzaun am Wiesendamm erstreckt sich über mehrere Hundert Meter. Fast so lang wie das Backsteingebäude, vor dem er steht. Hier, wo Winterhude endet und Barmbek-Nord beginnt, entsteht etwas Großes. „Für Hamburg. Für Barmbek. Für mehr Kultur“, verheißt hoch über dem Bauzaun das Schild der Sprinkenhof GmbH.

Das städtische Unternehmen baut den neuen Theater-Campus, also die zukünftigen Spielstätten des Jungen Schauspielhauses und der Hochschule für Musik und Theater (HfMT) mitsamt Theaterakademie. Dafür dass neben den Hausnummern Wiesendamm 26-28 auch die Wiese (Nummer 24) als Zentrum für Freie Künste dazugehört, war offenbar auf dem Schild gar kein Platz mehr.

Kosten des Großprojekts: 36,4 Millionen Euro

Für deren Vorstände Andreas Lübbers und Maike Schäfer öffnet Klaus Schumacher beim Ortstermin aber gern mal den Zaun – nichts geht über gute Nachbarschaft. Der Theaterregisseur ist seit 2005 Leiter des Jungen Schauspielhauses. Fast entschuldigend sagt er, dass das neue Schild über dem noch geschlossenen Eingang wohl erst nächste Woche kommen solle. Durch den Künstlereingang an der Seite geht es an Schumachers künftige Arbeitsstätte. Mehr als nur ein Blick hinter die Kulissen in spe.

In den Hallen der ehemaligen Werkzeugmaschinenfabrik Heidenreich und Harbeck – das Gebäude ist über 100 Jahre alt – finden sich auf rund insgesamt 9000 Quadratmetern neue Räume für Aufführungen, Proben, Forschung und Lehre. Die Kulturbehörde und die Wissenschaftsbehörde hatten im September 2018 das Großprojekt von Jungem Schauspielhaus und HfMT beschlossen. Kosten: 36,4 Millionen Euro.

Eröffnung für September vorgesehen

Die gewaltige Summe hat Klaus Schumacher so schnell nicht parat, die Wege auf „seinen“ 3500 Quadratmetern aber kennt er schon bestens, inklusive Garderoben, Lager und hochmoderner Heberampe zum Entladen der Bühnenbilder. „Dass wir bald alles an einem Ort haben, ist für uns alle enorm hilfreich“, sagt er im Foyer. Dieses gestaltet Bühnenbildnerin Katrin Plötzky.

Die Grundfarben Gelb und Orange hat sie bereits aufgetragen, zur Eröffnung im September sollen die Wände dieses bunten Treffpunktes für Jung und Älter dann Bronze schimmern. Das mehrfach ausgezeichnete Junge Schauspielhaus hatte seit seiner Gründung mit Interimslösungen leben müssen; seit der Spielzeit 2017/18 hat es seinen Sitz in der früheren Probebühne im fünften Stock des Haupthauses an der Kirchenallee.

Große Bühne beinhaltet Drehbühne

Hier am Wiesendamm geht es vom Foyer aus gleich in zwei Theatersäle: Das Studio hat etwa 90 Plätze, Prunkstück ist indes die große Bühne mit knapp 200 Tribünenplätzen und als Clou eine Drehbühne. „Die wird noch eingebaut“, deutet Schumacher auf das große kreisrunde Loch im Boden. „Der Saal hat eine ideale Größe. Hier kann man große Geschichten erzählen, aber dabei in engem Kontakt mit dem Publikum bleiben, das sich aus Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen zusammensetzt.“

Es soll nach seinen Vorstellungen künftig ab drei statt bisher ab fünf Jahren im Jungen Schauspielhaus erste Erfahrungen sammeln. Die Schauspielerinnen und Schauspieler können auf zwei, den beiden Bühnen exakt nachempfundenen Probebühnen arbeiten, so Schumacher.

Theaterakademie für alle theaterrelevanten Studiengänge

Es folgt der Gang in den ersten Stock, auf dem künftig Dramaturgie, Theaterpädagogik, Leitung, Assistenz und die Ausstattung arbeiten sollen. „Ich sehe hier schon die Leute sitzen“, sagt Klaus Schumacher mit erkennbarer Vorfreude. Mit etwa 30 Mitarbeitern wird er ins Theater einziehen, möglichst im Laufe des April oder Mai, um die Eröffnung zur nächsten Spielzeit vorzubereiten.

Wieder im Foyer, schweifen die Blicke durch lange Gänge: Sie führen in die noch verwaiste Theaterakademie. Zum Sommersemester wird dieser Teil der HfMT, die zuletzt einige Jahre mehr schlecht als recht in der City Nord untergebracht war, in Barmbek-Nord eröffnen und alle theaterrelevanten Studiengänge vereinen. Außer Regie Musiktheater und Regie Schauspiel Theater, Operngesang und Dramaturgie wird auch das Kultur- und Medienmanagement an diesem Ort seinen endgültigen Standort finden. Auf mehr als 5500 Quadratmetern ist Platz für zwei Bühnen, Probe- und Seminarräume, Schauspiel- und Opernstudios mit Raum für transdisziplinäres Lernen.

Minotauros Kompanie probt in der Wiese

Wie schön es – trotz Corona – vom Sommer an im Jungen Schauspielhaus und in der Theaterakademie aussehen kann, lässt sich bereits jetzt am Wiesendamm 24 erkennen. Wo die Hamburger Schauspielerin Nina Petri und der Regisseur Nils Daniel Finckh mit ihrer Theaterfabrik vor eineinhalb Jahrzehnten nur gut eine Saison lang durchhielten, strahlt jetzt die Wiese – auch dank vieler gläserner Dachkonstruktionen – in hellem Licht.

In einem der zehn Proben- und Kursräume hat Uwe Schade vom Theater Triebwerk soeben seine Arbeit beendet; im benachbarten Raum, beide mit großen Fenstern, probt die Minotauros Kompanie. Das inklusive Theater-Ensemble ist mit seinen professionellen Schauspielern einer der fünf festen Mieter der Wiese, die sich als eingetragene Genossenschaft seit ihrer Gründung 2013 einer vielfältigen und offenen Kultur verpflichtet fühlt.

Ein Mieter der Wiese e. G. ist das Schauspiel-Studio Frese

In Hamburgs modernstem Produktionszentrum für Freie Künste ist der Betrieb für Theater, Musik, Tanz und Performance noch vor dem zweiten Lockdown im Oktober angelaufen. Jetzt seien zusätzliche Luftreiniger für alle Räume aus dem „Neustart Kultur“-Programm des Bundes beantragt, erläutert Wiese-Vorstand Andreas Lübbers, 2003 Gründer des Off-Theaters Sprechwerk in Borgfelde. In einem der drei Tanzsäle fehlt noch der Wandspiegel. „Der Schwingboden ist aber der gleiche wie in Neumeiers Ballettzentrum in Hamm“, sagt er stolz.

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Immerhin 4,3 Millionen Euro, finanziert vom Bund, der Stadt Hamburg, dem Bezirk Nord und Genossen, sind hier auf 2400 Quadratmetern von der Sprinkenhof GmbH verbaut worden. Zu den Wiese-Hauptmietern zählt das Schauspiel-Studio Frese, Hamburgs älteste private Schauspielschule. Im Studium arbeiten deren Studenten seit Jahren mit den Regiestudenten der Theaterakademie – bald als direkte Nachbarn. Das passt.

Theaterzentrum wertet Barmbek auf

Wie die Theaterakademie und das Junge Schaupielhaus hat die Wiese einen flexibel bestuhlbaren Theatersaal mit großzügigem Foyer, Platz für eine eigene Gastronomie sowie – wichtig im zweiten Corona-Sommer – mit einem bespielbaren Außenbereich. Lübbers: „Wir möchten die Barmbeker einladen, hierher zu kommen.“ Damit liegen der Wiese-Gründer und Vorstandskollegin Maike Schäfer („Wir wollen auch neue Zielgruppen erschließen“) mit den Nachbarn vom Jungen Schauspielhaus auf einer Linie.

Obwohl diese am Wiesendamm noch an einem Bauzaun entlangführt, wertet das neue Theaterzentrum Barmbek nochmals auf. Mit dem 2015 sanierten und erweiterten Stadtteilkulturzen­trum Zinnschmelze, dem Museum der Arbeit sowie dem Hamburger Puppentheater ist die lebendige Basis vorhanden – und ein neuer kultureller Hotspot für Post-Pandemie-Zeiten überaus präsent.