Theater

„Die Stadt der Blinden“: Stream aus dem Schauspielhaus

| Lesedauer: 7 Minuten
Maike Schiller
Regisseur Kay Voges inszenierte vor zwei Jahren am Schauspielhaus. Heute ist er Schauspieldirektor in Wien.

Regisseur Kay Voges inszenierte vor zwei Jahren am Schauspielhaus. Heute ist er Schauspieldirektor in Wien.

Foto: Ha / Mark Sandten

Es geht um eine Epidemie – und darum, was diese mit einer Gesellschaft macht. Inzwischen wirkt die Inszenierung hellseherisch.

Hamburg/Wien. Die Parallelen zur Realität sind verblüffend: Als „Stadt der Blinden“, die Dramatisierung des Romans von José Saramago, vor zwei Jahren Premiere am Deutschen Schauspielhaus feierte, ahnte niemand etwas von einer im wahren Leben drohenden Pandemie. Inszeniert hatte den drastischen Abend (er wird ab 16 Jahren empfohlen) der damalige Intendant des Schauspiel Dortmund, Kay Voges, heute Direktor des Volkstheaters in Wien.

An diesem Sonnabend zeigt das Schauspielhaus eine Aufzeichnung der Produktion. Wir haben mit Kay Voges über seine hellseherischen Fähigkeiten gesprochen – die nicht nur den Inhalt dieses Stückes, sondern auch die Theaterform betreffen. Der Regisseur ist Gründer der Akademie für Theater und Digitalität.

Hamburger Abendblatt: Ich zitiere mal zwei Sätze aus dem Beginn Ihrer Inszenierung vom März 2019: „Alarmismus nutzt keinem etwas“ und „Die Isolation ist ein Akt der Solidarität gegenüber dem Rest“. Sie haben damals fiktive Politiker-Interviews während einer Epidemie auf der Bühne gezeigt, die inzwischen wirken, als hätten Sie in die Zukunft geschaut. Erschreckt Sie das heute auch ein bisschen?

Kay Voges: Ja, es ist wirklich erschreckend, wenn man das rückblickend betrachtet. Die Aktualität des Sujets war uns allen damals natürlich nicht bewusst.

„Stadt der Blinden“ erzählt eine Dystopie von einer Blindheits-Epidemie, die sich allerdings zur Gewaltorgie auswächst. Mussten Sie daran manchmal denken in den vergangenen Monaten?

Voges: Die Geschichte, die Saramago geschrieben hat, ist in vielen Punkten von der Wirklichkeit eingeholt worden. Ja, daran musste ich manchmal denken.

„Stadt der Blinden“ ist auch eine Parabel über den Zusammenbruch der Kultur, den Zusammenbruch einer Gesellschaft…

Voges: Nicht nur! Es erzählt auch die Geschichte einer Frau, die hilft, die versorgt. Da sehen wir ein Bild von Nächstenliebe und Opferbereitschaft. Auch daran musste ich in den vergangenen Monaten denken. Der Care-Dienst und die Hilfsbereitschaft, die Menschen leisten, werden auf einmal sichtbar. Das lässt mich hoffen, dass es nicht nur um den Zusammenbruch, sondern auch um eine Stabilisierung der Gesellschaft geht, durch Menschen, die sich aufopferungsvoll kümmern. Und wenn wir über die Blindheit reden, von der Saramago erzählt – der Roman endet ja mit der Rückkehr des Sehvermögens. Vielleicht ist es auch jetzt, in der Wirklichkeit, so, dass uns viele Selbstverständlichkeiten neu ins Bewusstsein rücken. Dass wir in der und nach der Pandemie Dinge im neuen Licht sehen.

Nicht nur der Inhalt Ihrer Inszenierung wirkt vorausschauend, sondern auch die Form, die Sie benutzt haben: Ihre Produktion war eine Kombination aus Theater und Live-Film, die Digitalisierung des Theaters ist für Sie nichts Neues, Sie verfolgen das seit langem. Haben Sie jetzt manchmal den Drang, laut „Siehste“ zu schreien?

Voges: Um Gottes Willen, nein. Dieser Abend war ja ein Live-Theaterabend mit echten, schwitzenden, stinkenden Menschen auf der Bühne. Die Vergrößerung, die man jetzt im Stream sieht, funktioniert ausgesprochen gut, aber sie ist trotzdem nur die Erinnerung an ein Live-Erlebnis.

Gab es die Überlegung, die Vorstellung an diesem Sonnabend als Live-Streaming aus dem Schauspielhaus zu senden, also eine Geistervorstellung zu spielen?

Voges: Das wäre unter den momentanen Hygiene-Maßnahmen nicht möglich. Das ist ja eine sehr körpernahe Inszenierung, wo sich mehr als 20 Schauspielerinnen und Schauspieler plus ein Kamerateam auf engstem Raum begegnen.

Sie haben – lange bevor alle Theater zwangsläufig das Streamen begonnen haben – die Akademie für Theater und Digitalität gegründet. Was haben Sie da die vergangenen Monate gemacht?

Voges: Es ist schon aufregend. Die Akademie für Theater und Digitalität hat pausenlos durchgearbeitet während der Pandemie. Wir konnten vielen Institutionen Hilfestellung geben, wie sie sich beispielsweise durch Streamtechnologien der Öffentlichkeit präsentieren. Wir haben Tutorials und Weiterbildungen angeboten. Die Notwendigkeit der Forschung in den Grenzbereichen zwischen Theater und Medienkunst ist extrem gewachsen. Wie können wir das Live-Gefühl, dieses kollektive Erlebnis ins Netz transportieren? Das ist eine Kernfrage geworden. Ich finde, es sind interessante Neuerungen entstanden in den letzten zwölf Monaten.

Dann doch mal konkret: Was ist gutes Theater-Streaming?

Voges: Ich war sehr begeistert, dass die Jahrestagung der dramaturgischen Gesellschaft in diesem Jahr auf Mozilla Hub stattfand, einer virtuellen Umgebung. Dramaturginnen und Dramaturgen aus dem ganzen deutschsprachigen Raum konnten virtuell die Theater begehen, sich Vorträge anhören. Es wurde eine Umgebung geschaffen, die neu war, nicht bloß Zoom. So haben wir auch im ersten Lockdown in Dortmund Menschen ins Theater einladen können, um dort als Avatare den zu Hologrammen gewordenen Schauspielenden zuzuschauen. Die Theaterräumlichkeiten haben sich in Bits und Bytes verwandelt, wir sind aber trotzdem interaktiv geblieben. Das wird etwas sein, was auch nach der Pandemie noch eine Möglichkeit bieten wird, ein Theater zu besuchen, ohne physisch anwesend zu sein.

Und was sollte man vermeiden?

Voges: Ein Theaterbesuch ist immer ein dreidimensionales Ereignis. Wenn wir meinen, dass wir dieses Erlebnis ins Netz übertragen, indem wir eine Kamera aufbauen und die Vorstellung aus der Position des Zuschauenden abfilmen, dann werden wir den Erzählanforderungen und der Bildsprache einer zweidimensionalen Arbeit nicht gerecht. Da, wo Theater allerdings mit der Filmsprache zusammen geht, können spannende neue Werke entstehen. „Stadt der Blinden“ am Schauspielhaus war ein ganz gutes Beispiel. Wir müssen uns bewusst sein, dass Theater und Film zwei verschiedene Sprachen sind, die jeweils eine eigene Grammatik besitzen.

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Abgesehen von diesem Sonnabend - wann sehen wir wieder eine Arbeit in Hamburg von Ihnen?

Voges: Konkrete Planungen gibt es nicht, aber eines Tages werde ich wieder in Hamburg sein. Im Moment bin ich in Wien an der Schwesterbühne des Deutschen Schauspielhauses: Das Wiener Volkstheater wurde rund zehn Jahre vor dem Schauspielhaus gebaut, von denselben Architekten. Es sieht wirklich sehr ähnlich aus, sogar die Ausmaße sind bis auf 30 Zentimeter identisch. Ich warte darauf, dass ich dieses Haus in Wien endlich eröffnen kann – übrigens mit einem szenischen Gedicht von Ernst Jandl. Es heißt „Der Raum“ und ist eine Meditation über den Theaterraum und die Frage, was mit diesem Raum eigentlich passiert, wenn er verschlossen ist und kein Zuschauer und keine Schauspielerin da ist. Im Grunde ein bisschen wie die Frage, was eigentlich in einem Kühlschrank passiert, wenn die Tür zu ist. Bleibt da wirklich alles, wie es ist...?

„Stadt der Blinden“ im Stream, Sa 20.2., 19 Uhr, auf schauspielhaus.de, Karten 6,50 Euro