Corona-Pandemie

Galerien liefern auch in der Krise Kunst nach Hause

| Lesedauer: 7 Minuten
Vera Fengler
Kunstlieferung nach Hause: Marina Krauth (r.) und Robert Eberhardt (M.) von der Buch- und Kunsthandlung Felix Jud zu Besuch bei Kulturredakteurin Vera Fengler.

Kunstlieferung nach Hause: Marina Krauth (r.) und Robert Eberhardt (M.) von der Buch- und Kunsthandlung Felix Jud zu Besuch bei Kulturredakteurin Vera Fengler.

Foto: Andreas Laible

Online-Shops, virtuelle Besucherräume: Solange die Galerien für Publikum geschlossen sind, ist Kreativität gefragt.

Hamburg.  Die Entscheidung fällt, als das Werk aus der durchsichtigen Noppenschutzhülle gewickelt wird. Es muss die Schwarz-Weiß-Zeichnung des Hamburger Künstlers Peter Wels sein. Marina Krauth, Chefin der Buch- und Kunsthandlung Felix Jud, und ihr Kollege, der Verleger Robert Eberhardt, der das Bild probehalber hält, nicken zustimmend. An der freien weißen Wand über dem petrolfarbenen Sofa kann es sich optimal entfalten.

Bäume, die ihre Schatten auf einen Waldweg werfen, Hölzer am Wegesrand. Eine Landschaftsansicht, die vertraut erscheint. Spektakulär ist, wie der Architekturzeichner sich dem Motiv mit dem Bleistift nähert, es auf den ersten Blick wie eine Fotografie erscheinen lässt. Das Werk stammt aus der Ausstellung „Natur gezeichnet“, die aktuell bei Felix Jud läuft, allerdings nur durch das Schaufenster am Neuen Wall oder über den Online-Katalog zu betrachten ist.

Bei langjährigen Kunden dürfen die Werke auch mal ein paar Tage hängen

Das Angebot, Interessenten zu Hause mit Kunst zu beliefern, ist natürlich nicht neu, aber in diesen Zeiten die einzige Möglichkeit, mit möglichen Käuferinnen und Käufern in persönlichen Kontakt zu kommen. Felix Jud bietet diesen Service im gesamten Hamburger Stadtgebiet an. Bei langjährigen Kunden lässt Marina Krauth die Werke auch mal ein paar Tage hängen; ansonsten muss man sich direkt nach der Probehängung für oder gegen den Kauf entscheiden.

Viele Kunden würden es genießen, mit den Kunsthändlern über das Werk zu sprechen, so Eberhardt. Ein Stück geliebte Normalität im Corona-Ausnahmezustand. Aber es gebe auch großes Interesse an digitalen Angeboten wie etwa den Online-Lesungen; die zahlreichen Buchbestellungen über Click & Collect sprechen für sich.

Tiere aus Recycling-Material für zu Hause

Auch die auf Skulpturen spezialisierte Galerie Stern-Wywiol an der Außenalster bietet klicken und kaufen an. Darüber hinaus können sich Kunstinteressierte ausgewählte Werke des derzeit präsentierten Künstlers Matthias Garff, der Tiere und Insekten aus Recycling-Material modelliert, über das Wochenende für die eigenen vier Wände ausleihen oder durch die Schaufenster hindurch ansehen – und bei Interesse dann kaufen.

Die Hamburger Galeristin Evelyn Drewes stellt jede Woche andere Kunstwerke in die Fenster der ehemaligen Wollfabrik in Rothenburgsort und hofft so auf „Sichtkäufe“. Ansonsten sind Schaufenster-Ausstellungen, wie sie momentan von vielen Berliner Galerien gezeigt werden, um Kunst überhaupt sichtbar zu machen, in Hamburg eher selten. Was auch tun, wenn die Ausstellungsfläche nun mal nicht mit breiten Fensterfronten zur Straße hin ausgestattet ist?

Das Live-Erlebnis ist bei Kunst unersetzbar

Nanna Preußners, die mit ihrer Galerie für zeitgenössische Kunst im Galerienhaus am Klosterwall sitzt und normalerweise vom Laufpublikum zwischen Kunsthalle und Deichtorhallen profitiert, hat sich wie viele Kolleginnen und Kollegen während des Lockdowns auf digitale Angebote konzentriert. Gerade ist ein sogenannter Viewing Room auf ihrer Internetseite installiert worden, in dem Besucher die aktuelle Ausstellung von Peter Weber betrachten können: Aus einem Stück gefaltete Objekte aus Filz, Stahl und schwerem Papier, einer heute selten angewandten Technik.

Die wichtigsten Corona-Themen im Überblick

Die hochwertigen Raumansichten vermitteln einen guten Eindruck der Werke, einzelne Anfragen von Sammlern habe sie bereits erhalten. Doch gerade eine Ausstellung wie „Strukturen der Faltung“, bei der Material und Technik eine große Rolle spielen, bedinge das Live-Erlebnis.

„Solange wir kein Publikum vor Ort empfangen dürfen, ist das unsere einzige Möglichkeit der Präsentation“, sagt die Galeristin, die über die digitale Galerie nicht so recht glücklich ist. „Ich habe den Beruf je gerade wegen des persönlichen Kontakts zu Besuchern und Käufern sowie der Vermittlung von Kunst gewählt. Andernfalls könnte ich auch Schokoriegel online verkaufen.“

„Neustart Kultur“ fördert die Galerien

Statt sich über Werke und Stile mit anderen auszutauschen, eignet sich Nanna Preußners nun virtuelle Techniken in Eigenregie an. Ihr nächstes Projekt ist ein 360-Grad-Rundgang durch den Galerieraum, auf dem man die ausgestellten Werke dicht heranzoomen kann. „Die Arbeitsformen anpassen“, nennt sie es.

Mit Hilfe der Architectural Reality könne man Kunstwerke digital an einem anderen Ort installieren, etwa in der Wohnung eines Sammlers, und so kontaktlos dessen Wirkung im Raum überprüfen. So weit sei sie aber noch nicht; letzten Endes sei solch ein Programm auch eine Kostenfrage. „An solchen Angeboten wird man als Galerie in Zukunft nicht vorbeikommen“, sagt Preußners. „Bestenfalls werden sich die analoge und die digitale Galerie ergänzen.“

Auch, wenn die Galeristin die Ausstellung gerade bis zum 13. März verlängert hat, kann sie sich nicht sicher sein, dass die Weber-Schau noch öffentlich zu sehen sein wird. Dennoch wollte und musste sie sie komplett installieren. Denn nur, wer Kunst zeigt, gilt auch als förderwürdig. Preußners ist eine von vielen, die durch das genreübergreifende Sonderförderprogramm „Neustart Kultur“, finanziell unterstützt werden.

Online-Handel mit erschwinglichen Unikaten

Trotz der großen Freude darüber – die Umsatzeinbußen durch ausgefallene Messen, fehlende Touristen und ein ausgebliebenes Weihnachtsgeschäft (bei laufenden Geschäftskosten) seien enorm. Hinzu komme, dass man als Ausstellender ja auch den Künstlerinnen und Künstlern gegenüber verpflichtet sei.

Carolyn Heinz, die sich mit Nanna Preußners am Klosterwall mit den Ausstellungen abwechselt, hat zu Beginn der Coronazeit einen Online-Shopeingerichtet, in dem sie Werke der von ihr vertretenen Künstlerinnen und Künstler mit „erschwinglichen, kleinformatigen Unikaten und Editionen“ anbietet, darunter Arbeiten von Jana Schumacher, Astrid Köppe und Esther Naused. Im höheren Preissegment funktioniere der digitale Kunstmarkt fast nur über große Namen.

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Käufer und Sammler würden sich laut Carola Persiehl von der Galerie Commeter regelmäßig über Künstler und Werke im Internet informieren und schon vor oder unabhängig von den eigentlichen Ausstellungen kaufen. Doch auch die Galeristin, die unter anderem Jochen Hein, Lars Zech und Sarah Moon auf diese Weise mit Erfolg vertritt, vermisst es, ihre „Faszination für von mir neu entdeckte Künstler auf Messen und Ausstellungen mit Besuchern zu teilen“. Wie bei den großen Museen ist es eben auch bei den Galerien: Die Kunst will erlebt werden.