Literaturhaus

Corona: Der Mensch sorgt sich, aber er lebt

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Jonas Lüscher, Schriftsteller, erkrankte im März 2020 an Covid-19.

Jonas Lüscher, Schriftsteller, erkrankte im März 2020 an Covid-19.

Foto: picture alliance

In der Gesprächsreihe ging es um Corona und die Folgen. Mit einem Gast, der sieben Wochen im Koma lag.

Hamburg. Mit der Sorge zu beginnen, das hieß im Kontext dieser dreitaktigen Diskussionsreihe und im Hinblick auf die gesellschaftliche Großlage quasi: Stufe 1. Die Steigerung der Sorge ist die Angst, und darauf folgt, jedenfalls bei stabilen Naturen, die Hoffnung. „Sorge – Angst – Hoffnung“ also, eine geistig geführte Auseinandersetzung vor allem mit Corona, initiiert vom Literaturhaus.

Der Auftakt, online verabreicht mit einem Gespräch der einander zugeschalteten Philosophin Natalie Knapp, dem Schriftsteller Jonas Lüscher und dem Psychotherapeuten Klaus Lieb, schaffte es dabei zunächst, mit Altbekanntem – die Pandemie hält uns schon seit einem Jahr in ihren Fängen – das Verständnis vor allem von mentalen Strategien aufzufrischen. Idee der Reihe ist es, allgemein menschliche Erfahrungen mit zunächst negativen Vorzeichen einer Betrachtung zu unterziehen.

Sie haben in dieser anstrengenden Pandemie-Zeit Konjunktur. Moderator Christoph Bungartz begrüßte den Schweizer Autor Lüscher (44) nicht allein, aber auch wegen dessen überstandener Corona-Erkrankung. Er steckte sich vor einem Jahr an, in der ersten Welle, sollte an ein Atemgerät und für zwei oder drei Tage ins Koma, „und dann wachte ich leider erst nach sieben Wochen auf“.

Die Ambivalenz des Erlebens

Dies war ganz natürlich der klarste, triftigste Corona-Moment des Gesprächs. Ein Mann, der gerade noch einmal davon kam, und der heute sagt: „Ich mache mir vor allem Sorgen um den Zusammenhalt der Gesellschaft, wenn wir die Sache nicht bald in den Griff bekommen.“ Seine Diskussionspartner konnten dagegen von einer Ambivalenz des pandemischen Erlebens sprechen.

Es seien 10 bis 20 Prozent der Bevölkerung, die in existenzielle Nöte gerieten, führte der Mainzer Klinik-Chef und Spezialist für Resilienzforschung Klaus Lieb aus, gerade im Bereich der Künste hätten manche nun keine Einkünfte. Er selbst sei dankbar, arbeiten zu können; die neue Situation habe bei ihm Energien freigesetzt. Auch wenn im Verlaufe des Gesprächs die Sprache auf Goethe, Heidegger und, unvermeidlich, auf den Ratgeber-Bestseller „Sorge dich nicht, lebe“ kam, lebte die erste Ausgabe des Formats von den persönlichen Einlassungen.

Die wichtigsten Corona-Themen im Überblick

Die in Berlin ansässige Philosophin Knapp führte, wie auch ihre Gesprächspartner, den Begriff der Sorge von der eigenen Person weg („Ich selbst bin wenig gefährdet, habe wenig Kontakte“) zu der um andere Menschen. Und ging dezidiert auf Jonas Lüschers „Sache, die in den Griff zu bekommen ist“ ein. Ihre Sorge gilt der Tatsache, dass negative Emotionen, wie sie seit vielen Monaten schon verstärkt an die Oberfläche dringen, das allgemeine Klima vergiften.

Der Mensch, das soziale Wesen

Das geschieht in Knapps Augen dann, wenn jene negativen Emotionen „nicht in konstruktive Handlungen transformiert werden“. Dies sei auch zukünftig eines der großen Themen: Wie gehen wir negativen Emotionen um?

Später hob Knapp auch auf den positiven Moment ab, den Corona hervorgebracht habe: „Keiner sagte, ich will endlich wieder shoppen gehen, jeder sagte: Ich vermisse meine Freunde“. Der Mensch sei ein zutiefst soziales Wesen. Aber eines, das durch negative Gefühle zum Krankheitsfall werden kann, wie der Mediziner Lieb ausführte: „Man muss eine Balance finden, sonst lähmt einen die Sorge.“

Der Abschluss-Talk „Angst“ wird ab 18.2., 19.30, gestreamt. Infos unter www.literaturhaus-hamburg.de

( tha )