Ottensen

Bus-Konzert: In diesen Mini-Club passen Milliarden

| Lesedauer: 6 Minuten
Tino Lange
„Wenn du den Heizlüfter hinlegst, hörst du uns besser.“ Ben Hartmann (links) und Johannes Aue von Milliarden in ihrem zum pandemiegerechten Mini-Club umgebauten Transporter.

„Wenn du den Heizlüfter hinlegst, hörst du uns besser.“ Ben Hartmann (links) und Johannes Aue von Milliarden in ihrem zum pandemiegerechten Mini-Club umgebauten Transporter.

Foto: Andreas Laible

Wie eine angesagte Berliner Rockband dem Konzertverbot trotzt: Private Shows vor nur einem Gast in einem umgebauten Transporter.

Hamburg.  Wann ist man schon mal gleichzeitig Backstage, aber auch vor und auf der Bühne und im Tourbus? An einem eiskalten Sonntagabend steht in einem Hinterhof in Ottensen ein unscheinbarer Transporter. Doch wer die Hecktüren öffnet, stößt auf eine der derzeit besten deutschen Rockbands: Milliarden aus Berlin. Vor wenigen Tagen erreichte das Duo (Ben Hartmann und Johannes Aue) mit dem dritten Album „Schuldig“ das erste Mal die Top-Ten der Charts. In normalen Zeiten würde das eine ausverkaufte Tournee und in Hamburg wohl eine Show in der Großen Freiheit 36 bedeuten. Aber was ist derzeit schon normal?

Trotzdem gehen Ben und Johannes auf Konzertreise und bringen den Club, den kleinsten der Welt, gleich mit. Ein umgebauter Mercedes Sprinter wird zur Bühne. Und zum Backstageraum. Und ist natürlich auch Tourbus. Acht Städte werden angefahren für jeweils fünf 20 Minuten lange Konzerte vor einem – ja, genau einem! – Gast, der das „Goldene Ticket“ auf den Milliarden-Kanälen in den sozialen Netzwerken gewonnen hat.

Hinter einer Plexiglaswand sitzt das Duo im Rotlicht mit Gitarre und Keyboard

Auch der Abendblatt-Reporter darf kurz einsteigen. „Die Tür / Tret sie ein / Was ist dahinter? / Lass es rein“, heißt es auf dem neuen Album. Es ist zwar eng, aber gemütlich: An den Wänden hängen Konzertplakate zwischen Samtvorhängen, ein Heizlüfter brummt leise, und auf das Ledersofa passt das komplette Publikum. Hinter einer Plexiglaswand sitzt das Duo im Rotlicht mit Gitarre und Keyboard, kommuniziert wird zwischen Band und Fan mit Mikrofonen, eine Art Gegensprechanlage. „Moin Ben, moin Jo, wie geht es euch?“„Eigentlich ganz okay, aber die Kälte macht uns schon zu schaffen“, kommt es von der anderen Seite der Scheibe.

„Aber je länger die Türen zu sind, desto wärmer wird es.“ Das erste Top-Ten-Album herauszubringen und dann so zu enden, das haben sich die beiden auch nicht vorstellen können. „Zwar ist es hart, nicht in vollen Zügen unsere Konzerte in die Clubs reinzuknallen, worauf wir hingearbeitet haben. Auf der anderen Seite ist es tausendmal wichtiger, diese Geste hier zu machen. In diese Leere, diese Isolation reinzuspielen. Wir sind genauso wie die Gäste ausgehungert, wollen mal wieder Menschen sehen und hören.“

Band konnte 2020 auf dem Heiligengeistfeld beim Reeperbahn Festival spielen

Wie die meisten Bands ist Milliarden seit bald einem Jahr zur Stille verdammt. Einer der wenigen Auftritte war im September 2020 beim Reeperbahn Festival, als Ben, Johannes und ihre Tourmusiker unter freiem Himmel auf dem Heiligengeistfeld spielen durften. Obwohl das Publikum mit Abstand auf Sitzen im Wind fröstelte und die erlaubte Lautstärke eher dem Brummen des Heizlüfters im Sprinter entsprach, spürte man, wie sich monatelanges Aufstauen von Rock-Energie entlud.

Diese Band ist bereit. Die ersten beiden Alben „Betrüger“ (2016) und „Berlin“ (2018) vermittelten das, was nicht wenigen Menschen im deutschen Pop der vergangenen Jahre fehlte: ungebändigte Kraft, scharfe Kanten, spitze Ecken, akustischer Flugrost und schmerzhafte Offenheit in den Texten. Seit geraumer Zeit werden bei vielen Bands Vergleiche mit Ton Steine Scherben bemüht, bei Wanda oder AnnenMayKantereit zum Beispiel, aber Milliarden kommt dem romantisch-klassenkämpferischen Hausbesetzer-Rock der 70er am nächsten. „Ich schlafe aufm Teppich, alles ist dreckig, Kissen aus Flaschen. Mein Kopf dreht sich: irgendwie ganz nobel“, sang Milliarden auf dem Debütalbum.

Der Sprinter steht vor dem Eingang des Liveclubs Hebebühne

Und jetzt hocken sie im Transporter, dem klassischen Gefährt des Pop-Proletariats, das sich noch keinen Nightliner-Bus mit eingebauter Bundeskegelbahn und Zigarren-Humidor leisten kann. Sie zahlen drauf für ihre kleinste Tour der Welt. Am Ball bleiben, nicht aufgeben, nicht draufgehen ist die Devise, bis der Zeitpunkt kommt, den ganzen aufgestauten Ballast aus Warten und Wut abzuwerfen. „Wir werden als ganze Gesellschaft noch eine Zeit lang sehr sensibel sein, aber sobald wir wieder etwas genießen dürfen, werden wir explodieren“, krächzt es aus der Gegensprechanlage.

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Der Sprinter steht direkt vor dem Eingang des Liveclubs Hebebühne, den Max Reckleben, Sänger der Band Brett, mit aufgebaut hat. Brett und Milliarden, akustisch sehr verwandt, könnten dort jetzt gut Strom in ihre Gitarren schießen. Aber das bleibt noch ein Traum. Stattdessen greift Ben zur arg in der Kälte leidenden Akustikgitarre, um das neue Lied „Ich schieß dir in dein Herz“ zu spielen. „Ich schieß dir in dein Herz, will wissen, ob du’s merkst“, singt er. Ja, das merkt man, wenn man seit Oktober keine Livemusik mehr erlebt hat.

Fans warten auf ihren 20-Minuten-Moment

Ein intensiver Moment ist das, und er weckt den Wunsch, auch die zehn anderen Lieder von „Schuldig“ live und wahrhaftig und nur zwei Meter von Milliarden entfernt zu hören: Das verträumte wie verzweifelte „Die Gedanken sind frei“, das dramatische „Neues Leben“ oder das maximal verzerrte, alles niederpunkende Album-Finale „Trenn dich“. Dazu wäre noch ein Bier klasse, aber das in der Öffentlichkeit zu trinken, ist ja momentan verboten.

Aber zählt der Innenraum eines Nutzfahrzeugs jetzt zur Öffentlichkeit oder nicht? Jedenfalls heißt es dann Aussteigen, vor der Sprinter-Tür wartet schon der nächste Fan in der Kälte auf seinen 20-Minuten-Moment, der Milliarden wert ist. Auf der Heimfahrt brüllt „Trenn dich“ aus dem Autoradio: „Komm, wir verlernen die Sprache und stellen uns nackt auf ein Carport.“ Nicht unwahrscheinlich, nach dem nächsten Clubkonzert von Milliarden so zu enden.