Kultur in der Pandemie

Streaming im Lockdown: Alles auf Knopfdruck

| Lesedauer: 13 Minuten

Theater, Kinos, Konzerthäuser, Museen und Clubs sind geschlossen. Was bleibt, ist Streaming. Ist das auch Kunstgenuss zum Wohlfühlen?

Hamburg. Früher, also bis zum Frühjahr 2020 v. C. (vor Corona), war längst nicht alles besser und vieles wirklich nicht gut in der Welt der Kultur. Aber, immerhin, einiges war ganz anders. Und wenn Soziologen damals vom „dritten Ort“ sprachen, meinten sie jenen Treffpunkt, der weder Arbeitsplatz noch Privatleben ist, sondern die Adressen dazwischen, bei denen man Ausgleich finden kann, Austausch, Anregung, Entspannung und gesellschaftliches Miteinander.

Die Kultur an sich hatte jahrhundertelang eher zwei „Orte“, um sich und ihre Konzepte zu präsentieren und zur Diskussion zu stellen: Das Live-Erlebnis und die Konserve, jeweils passend für jedes Genre – Klassiker wie das gute Buch, das gut gefüllte Museum, die Traum-Tapete Film-Leinwand, den anfassbaren und besitzbaren Tonträger, den Theatersitz, in dem man gemütlich wegdösen kann, weil man sich dort noch zuhauser als zuhause fühlt, oder die Rockfestival-Wiese, deren Schlammpackung heilende Kräfte hat.

Kultur war und ist Präsenz-Unterricht fürs Leben

Kultur war und ist Präsenz-Unterricht fürs Leben, aber mit ganz anderen Fächerkombinationen als in der Schule. Doch jetzt, seit vergangenem Frühjahr so umfassend, verstörend und schmerzhaft wie nie zuvor, ist nahezu alles mit Kultur drin irgendwie nur noch Stream, und das „nur noch“ in dieser Erkenntnis ist wirklich sehr groß. Seitdem gilt das Netz auch als Notwehr, das Internet auch als Interims-Spielstätte, der Stream als nicht immer freiwilliger dritter Ort.

Doch dieser noch unklare dritte Ort ist zu oft noch nicht die erste Wahl, um sich dort wohl zu fühlen. Die Sopranistin Anna Prohaska sagte kürzlich im „Tagesspiegel“ zu diesem Dilemma: „Gestreamte Konzerte vereinen das Schlechteste aus beiden Welten, das des physischen Konzerts und das der Konserve. Bei einer Tonaufnahme kann man auf Risiko gehen, ausprobieren und korrigieren, beim realen Konzert gibt es das Adrenalin. Beim Livestreaming fehlt beides.“

Facebook-Herzchen allein bezahlen keine Miete

Viele amüsieren sich nicht mehr zu Tode, sondern streamen sich regelmäßig in Richtung Schlaf, Abend für Abend, weil wenig anderes geht. Doch für alles und jeden – und das hat jeder Kultur-Journalist, der trotzdem noch klar denken kann, schon tausendmal amtlich bejammert - sind Streams nun mal nicht geeignet. Frontal Abgefilmtes ohne Bonusmaterial macht oft mürbe, egal, ob es sich um eine löbliche Schauspiel-Inszenierung handelt oder um eine wackere Autoren-Lesung. Es braucht nicht nur viele neue Schläuche, sondern womöglich auch einige andere Weine. Dann klappt es, vielleicht, besser mit dem Streaming.

Die wichtigsten Corona-Themen im Überblick

Natürlich haben die Streams, die täglich die Smartphones, Wohnzimmer-Bildschirme und Computer-Monitore fluten, durchaus ihr Gutes: Den Musicalhit „Hamilton“, für den man am Broadway nie im Leben Karten bekommen hätte, bringt nun der Disney-Konzern ins Haus, unschlagbar günstig. Ohnehin ist das „House of Mouse“ in ein brutales Duell mit Netflix und Amazon Prime eingestiegen, jeder will jeden anderen in Grund und Boden streamen. Allein die Präsentation der kommenden Leckerlis von Disney+ dauerte vier Stunden. Nach einem Jahr hat dieser Anbieter 87 Millionen Kunden, bis 2024 sollen es 260 Millionen werden, deutlich mehr als die aktuellen 195 Netflix-Millionen und die 100 Millionen von Prime.

Viele Museen testen einige neue Formate

Unterdessen muss die Kino-Branche, in der wie bei Konzerten oder Theatern praktisch nichts geht, zusehen, wie Publikumsmagnete entweder in Streaming-Dienste wandern oder wieder und wieder verschoben werden. Der Jubiläums-Bond mit dem gerade sehr undankbaren Titel „No Time To Die“ wurde zum dritten Mal vertagt, nun auf den 8. Oktober.

„Wonder Woman: 1984“ startet in Deutschland am 18. Februar, aber als Stream, auf Sky. Nachdem Christopher Nolans Logik-Stresstest „Tenet“ im vergangenen Spätsommer nicht hielt, was er als Branchen-Heilsbringer versprochen hatte, hängen Popcorn-Produktionen wie die „Top Gun“-Fortsetzung, „Matrix 4“, „Dune“ oder „Godzilla vs. Kong“ in der Warteschleife. Sollten sie dort je wieder herauskommen dürfen, sind sie alle, im Streaming vereint und zurechtgestutzt, eine Art mutiertes Fernsehen. Kino mit großem K, wie früher, sind sie jedenfalls nicht mehr.

Lesen Sie hier den aktuellen Corona-Newsblog

Viele Museen testen einige neue Formate, für die Zeit danach, wie die Dresdner Gemäldegalerie Alte Meister, die neben virtuellen Rundgängen auch Führungen per Zoom durch die Caravaggio-Schau bietet. So schnell wird der Museums-Tourismus nicht wieder Fahrt aufnehmen, und der Spaß eines Ausstellungsbesuchs per Mausklick auf einer abgesteckten Pflichtroute hält sich in Grenzen. Für sehr junges, sehr neues Publikum lassen die Uffizien in Florenz deswegen ihre Gemälde-Stars auf der Social-Media-Plattform TikTok in Tanz-Videos auftreten. Die Fondation Beyeler in der Nähe von Basel, das bestbesuchte Museum in der Schweiz, topfte – wie auch das Getty in Los Angeles und das New Yorker Met – sein von Renzo Piano entworfenes Museum in das beliebte Computerspiel „Animal Crossing“ um, mitsamt Inhalten.

Die Künstlerin Shing Yin Khor verwendete ihren Avatar, um sich einer Runde in Marina Abramovics Blickduell-Performance „The Artist Is Present“ virtuell auszusetzen. Beyeler-Besucher können sich im Rahmen eines „Art Lab“-Programms mit einem Museumsführer, der wie eine Biene aussieht, über Kunst unterhalten. Das New Yorker Met Museum bietet an, Werke aus seiner Sammlung mit Augmented Reality-Technik in die eigene Wohnung probezuhängen.

Das Umdenken und Ausprobieren hat offensichtlich begonnen

Das Umdenken und Ausprobieren hat offensichtlich begonnen, und kategorisch schlecht kann und muss man das nicht finden. Das betonte auch Peter Weibel, Direktor des Karlsruher Zen­trums für Kunst und Medien im Kunstmagazin „Monopol“: „Im Museum, wo sich Leute vor den Bildern drängeln, die sich gegenseitig nicht kennen und sich gegenseitig nur auf die Nerven gehen, wird – wie im Konzertsaal oder Theater – eine Nähe beschworen. Diese Nähe ist eine fiktive, von der Massenindustrie erlogene.

Sie dient bloß dem Zweck, möglichst viele Besucher zu haben. Doch diese Fiktion geht nun zu Ende. Wir müssen begreifen, dass nicht Nähe das Heilmittel für die Kultur ist, sondern Distanz – also telematischer Kulturgenuss. Als Museum im digitalen Raum muss man nicht versuchen, das bessere Fernsehen zu sein, denn das ist Netflix. Man muss also versuchen, dass bessere Netflix zu sein.“

Lesen Sie auch

Nun ja. Leichter gesagt als getan. Denn man kann mal eben digital durch so ziemlich jedes Top-Museum der Welt schlendern. Aber: Man kann es auch mal eben wieder sein lassen, sobald die dringendere SMS von der besten Freundin kommt, ein Facebook-Like ablenkt oder die „Sportschau“ beginnt.

Man ist nie ganz da, nie ganz hin und weg

Weil keine Anfahrt mehr notwendig ist und auch keine nicht zu störende Konzentration, fällt der Fokus auf das Digitale flott flach. Man ist nie ganz da, nie ganz hin und weg, und auch nie ganz runter vom Sofa. Die Zahl derjenigen, die sich für einen Opern-Stream aus der Scala in Smoking und Abendkleid werfen, dürfte überschaubar sein. Das Staunen über die Kunstmassen in den Uffizien ist ohne ein Eis vorab, direkt um die Ecke geholt und in der Warteschlange vernascht, gleich viel weniger intensiv. Zum Louvre-Besuch gehört der Kaffee in einer Brasserie danach, auf dem Weg zurück ins überteuerte Hotel. Kein Popkonzert-Stream dieser Welt reicht auch nur ein kleines bisschen nach Schweiß und Bier und kollektivem Durchdrehen.

Viele dieser vielen Stream-Angebote mögen sich lohnen, um als Künstler oder Ensemble sichtbar und hörbar zu bleiben – ökonomisch rechnen tun sie sich in aller Regel nicht. Taten sie vorher aber genauso selten. „Das würde nur jemand behaupten, der nicht zurechnungsfähig ist“, sagte der Chef der Londoner Wigmore Hall, die sich mit hochwertiger Kammermusik in die roten Zahlen ­streamte. Und Facebook-Herzchen allein bezahlen keine Miete.

Die Erfindungspflicht im Bereich neuer Formate trifft viele Anbieter hart, die schon vor Corona unter Legitimierungsdruck standen und sich das neu Erfinden auf der To-do-Liste einbetoniert hatten. Dabei sind manchmal die kleineren oder jüngeren Häuser smarter, schneller und zeitgemäß wendiger: Die Irish National Opera stellte als Appetithäppchen „20 Shots of Opera“ ins Netz, passend für den Handy-Verzehr zwischendurch. Die Boston Lyric Opera hat eine kunstvolle Verfilmung von Philipp Glass‘ Poe-Vertonung „The Fall of the House of Usher“ online veröffentlicht, einen Mix aus Puppen- und Zeichentrickfilm. Zwei von Hunderten gelungener Beispiele.

Nur senden, nichts empfangen, das klingt und ist inzwischen ges­trig

Beim Thema Musik-Versorgung per WLAN ist die absolute Einbahnstraße ohne jedes Extra jedenfalls eindeutig der falsche Weg. Nur senden, nichts empfangen, das klingt und ist inzwischen ges­trig. Der Berliner Pierre Boulez Saal, in den maximal knapp 700 Menschen passen, hatte im Juli beim Neue-Musik-Festival „Distance/Intimacy“ 140.000 Gäste aus aller Welt, die sich zehn vorproduzierte Uraufführungen ansehen und -hören wollten. Vor allem aber wollten sie sich direkt im Chat miteinander austauschen; der virtuelle Draht zurück in den Saal glühte deutlich weniger, berichtete Intendant Ole Bækhøj. „Das war ein sehr anregender Austausch. Wie in der Gamer-Generation hatten wir ein gemeinsames Erlebnis, live und spontan.“

Auch das Hamburger Ensemble Resonanz ist in dieser Richtung aktiv, in der „resonanz.digital“-Abteilung der Homepage kann man unter die Motorhaube des Ensembles sehen, in die leicht unaufgeräumte Werkstatt der Ideen eintauchen, bevor und während sie endgültig zu Programmen werden. Die gestreamte „Manon“-Produktion der Hamburger Staatsoper wurde rund 40.000-mal auf diversen Online-Kanälen abgerufen, sie ist jetzt kostenlos einen Monat lang auf OperaVision zu sehen.

Streams verbinden, aber sie vereinen nicht

Man darf das alles für mal mehr, mal weniger bunt bedruckte Trostpflaster halten, bis alle Künstler wieder tun können und nicht lassen müssen, wofür – und wovon – sie leben. Klar ist: Wer möchte, kann bis zum Morgengrauen pausen- und oft auch kostenlos durch die tollsten Kultur-Angebote zappen, ohne nur ein kleines bisschen hängen gebliebene Substanz, weil alles durchrauscht. Das war auch vor Corona schon kein Problem.

Aber oft ist nur Nahes Wahres, und die Kombination von beidem ist gerade kaum zu haben. Vor wenigen Tagen erst, als der Livestream eines NDR-Konzerts aus dem so großen wie leeren Saal der Elbphilharmonie gesendet wurde, war es dramatisch anders. Trotz Besuchersperre leibhaftig im Saal zu sein, den Klang und die Aura eines Konzerts zu erleben, war grandios und erschütternd. Direkt danach zu Hause mit den Nahaufnahmen noch mehr vom Wesen des Pianisten Daniil Trifonov sehen zu können, rundete diesen Gesamteindruck zwar ab.

War aber nur das Einzelschicksal einiger weniger Musikjournalisten, die ein einziges Mal beides haben durften. Für das Stammpublikum bleibt weiterhin nur die verblassende Erinnerung an das Ganzkörper-Erlebnis Konzert. Der Filmkritiker Michael Althen schrieb dazu vor knapp 20 Jahren den nach wie vor wahren Satz: „Das Kino umgibt uns mit jeder Menge Spiegeln, in deren Reflexionen wir uns selbst erkennen können – wenn wir Glück haben.“ Doch kein Stream der Welt bietet die Download-Möglichkeit, sich als Glücksgefühlsverstärkung ein Mit-Publikum auf die Nebenplätze dazuzuladen. Streams verbinden, aber sie vereinen nicht.

  • Das 20-Minuten-Video „Ein Blick hinter die Kulissen von Manon” ist auf der YouTube-Seite
    der Staatsoper Hamburg zu sehen.
  • Einen lohnenden virtuellen Museumsbesuch bietet das Frankfurter Städel: www.staedelmuseum.de
  • Viele Hamburger Kultur-Angebote sind gebündelt unter: https://www.hamburg.de/kultur-digital/