Mini-Serie

Jan Josef Liefers: Ein Fall, acht Perspektiven

| Lesedauer: 7 Minuten
Volker Behrens
Bernd Küster (Jan Josef Liefers ) und Sabine Küster (Katharina Schüttler) nachts am Hafen.

Bernd Küster (Jan Josef Liefers ) und Sabine Küster (Katharina Schüttler) nachts am Hafen.

Foto: Letterbox/Jander/ZDF

Ein Segeltörn unter Freunden – bis ein Kind über Bord geht. Die Geschichte wird achtmal erzählt, jedesmal aus anderer Perspektive.

Hamburg. So macht eine Serie Spaß und ist zugleich eine Herausforderung. „Tod von Freunden“ erzählt von einer deutschen und einer dänischen Familie, die gemeinsam einen Segeltörn auf der Flensburger Förde unternehmen. Alles scheint gut zu sein, aber dann geht eines der Kinder unbemerkt über Bord. Die freundschaftliche Fassade bekommt schnell Risse. Es folgt ein Reigen aus Verdachtsmomenten, Vorwürfen und Unwahrheiten. Jeder hat eine andere Sicht auf die Ereignisse. Dem trägt die Mini-Serie Rechnung, indem sie die Geschichte achtmal erzählt, jeweils aus der Perspektive eines der vier Erwachsenen und vier Kinder. Jede Version ist anders.

Der Hamburger Regisseur Friedemann Fromm („Weissensee“, „Die Stadt und die Macht“) hat die Serie inszeniert und auch das Drehbuch geschrieben. Auf deutscher Seite spielen im deutsch-dänischen Cast unter anderem Jan Josef Liefers und Katharina Schüttler. Zwei der Jugendlichen werden von den Hamburger Schauspielern Milena Tscharntke und Oskar Belton verkörpert.

Hamburger Abendblatt: Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?

Friedemann Fromm: Ich habe selbst zwei Söhne und bin mit ihnen oft auf dem Boot unterwegs. Natürlich nehmen wir auch Freunde mit. Meine Kinder wiederum gehen auch mit Freunden von uns Kanu fahren oder in die Berge. Irgendwann hat mich der Gedanke wie ein Blitz getroffen: Wir gehen immer davon aus, dass alles gut geht. Aber was wäre, wenn mal etwas schiefgehen würde? Was würde das mit unseren Freundschaften, unseren Beziehungen machen? Kennen wir uns überhaupt gut genug, dass wir uns blind vertrauen können? So fing ich an über Freundschaft, Familie und Verantwortung nachzudenken. Ich habe eine Geschichte skizziert und Michael Lehmann von Studio Hamburg, davon erzählt. Er hat sofort gesagt: Das musst du schreiben! Und in der Flensburger Förde bin ich selbst unterwegs und fand es deshalb auch spannend, die Geschichte dort anzusiedeln.

Das ist eine geografische Ecke, die auch noch nicht so sehr abgefilmt ist, oder?

Fromm: Das stimmt. Außerdem sind Deutschland und Dänemark wie diese beiden Familien. Nach dem Krieg sind beide Länder zusammengewachsen, die Entwicklung ist ein Paradebeispiel für europä­ische Versöhnung. Ich habe mich gefragt: Was passiert, wenn Druck auf so ein System kommt?

Wie schreibt man so etwas?

Fromm: Das war nicht ganz einfach. Es war so persönlich, dass ich es unbedingt selbst schreiben wollte. Trotzdem wollte ich dramaturgische Unterstützung haben. Und so kam die Autorin Mette Sø an Bord. Wir haben uns lange über Männer- und Frauenperspektiven unterhalten. Dann haben wir für jede Person Zettel im Raum aufgehängt, auf denen alles stand, was uns zu den Personen einfiel. Damals war die Serie noch als lineare Erzählung gedacht. Wir wollten aber nicht nur Perspektiven gegenüberstellen, wie bei Akira Kurosawas Film „Rashomon“, sondern jede Perspektive sollte die Geschichte weiter vorantreiben. Es war ziemlich kompliziert und ging mächtig hin und her, vor allem als Produktion und Redaktion mit interessanten Vorschlägen und Ideen dazu kamen. Eine Idee in Folge fünf hat sofort auch alle anderen Folgen verändert. Das war das eigentlich Komplexe. Als es an die Umsetzung ging, hat mein Regieassistent zu mir gesagt: Wie soll man das drehen? Das ist ja der Wahnsinn. Wir wissen nie, wo wir sind, da die Folgen sich teilweise ja überlappen. Wir haben dann die insgesamt 500 Minuten lange Serie linear dargestellt, jede Episode bekam ihren Platz. Diese Timeline haben dann alle Beteiligten bekommen, sie fungierte wie eine Bibel am Set. Dann ging es.

Und wie dreht man das? Chronologisch ging ja gar nicht.

Fromm: Nein. Wir haben Szenen mehrfach gedreht, zum Teil mit unterschiedlichen Kameraperspektiven und Optiken. Das optische Konzept habe ich gemeinsam mit meinem Chefkameramann Ralf Noack erarbeitet. Im Vorfeld war das eine Wahnsinnsplanung, vor allem für die Regieassistenz und Continuity, denn die gesamte Logistik war sehr komplex. Der Produktionsdruck war zwar enorm, da die finanziellen Mittel begrenzt waren, aber die künstlerische Arbeit war großartig. Wir standen nicht zuletzt deswegen unter großem Zeitdruck, weil die Dänen die Ochseninseln im Oktober 2019 dichtmachen und renaturieren wollten. Corona-Probleme hatten wir nicht, weil wir noch 2019 fertig geworden sind.

Der Cast ist nicht nur auf deutscher Seite mit Katharina Schüttler und Jan Josef Liefers, sondern auch bei den Dänen mit Jacob Cedergren, Thure Lindhardt und Lene Maria Christensen toll besetzt. Und dann sprechen sie teilweise auch noch in der jeweils anderen Sprache.

Die Sprache ist ein großer Bestandteil dieser Geschichte. Alle hatten einen Sprachcoach. Jacob sprach vor dem Dreh überhaupt kein Deutsch, Thure schon. Katharina ist ein Sprachgenie. Sie hat am Ende fließend Dänisch gesprochen. Ich habe auch angefangen, Dänisch zu lernen, bin aber an einem bestimmten Punkt nicht mehr weitergekommen. Die Sprache ist wahnsinnig kompliziert. Leider sind für die ZDF-Ausstrahlung viele der fremdsprachigen Dialoge synchronisiert worden.

Wie schade!

Fromm: Ja, fand ich auch. In Deutschland sind wir da noch nicht so weit wie in anderen Ländern. Aber immerhin werden die Folgen in der Mediathek im Original laufen.

Die Zweisprachigkeit transportiert doch auch eine starke Botschaft.

Fromm: Ja. Gleichzeitig gab es in der Vergangenheit immer wieder zweisprachige Programme, die aufgrund der Untertitelung nicht gut gelaufen sind. Ich kann verstehen, dass der Sender die Leute im Programm halten will. Andererseits würde ich mir wünschen, dass wir auch in Deutschland so weit kommen, dass wir mit Untertiteln und Mehrsprachigkeit ganz normal umgehen. Schließlich ist das international üblich. Aber nirgendwo wird so viel und auch so gut synchronisiert wie bei uns. Das Publikum ist einfach daran gewöhnt.

Der rote Faden der einzelnen Erzählungen sind Geheimnisse und Lügen, oder?

Fromm: Ja. Dazu kommt die Frage nach dem Umgang mit Verlust. Innerhalb der jewei­ligen Familie stellt sich die Frage: Was wissen wir eigentlich voneinander? In Ceciles Geschichte stürzen Jugendliche unter dem Radar ihrer Eltern ab, die sehr mit sich und ihrer Welt beschäftigt sind. Es geht nicht nur darum, wie man etwas empfindet, sondern auch darum, wie man damit umgeht. Da haben die Kinder eine völlig andere Handlungslinie als die Erwachsenen. Mein ältester Sohn ist jetzt 17. Es gibt inzwischen vieles von ihm, das ich nicht weiß. Er trifft einige Entscheidungen, in die ich nicht oder nur begrenzt einbezogen werde.

„Tod von Freunden“ ab So, 22.15 Uhr, ZDF und an den nächsten drei Sonntagen. Alle Folgen schon jetzt in der ZDF-Mediathek