CD-Kritiken

„Spare Ribs“ aus England: Metapher für politischen Verdruss

| Lesedauer: 3 Minuten
Birgit Reuther
Die Sleaford Mods um Sänger John Dee räumen gerade mächtig ab.

Die Sleaford Mods um Sänger John Dee räumen gerade mächtig ab.

Foto: Per-Otto Oppi/CITYPRESS24

Aus England und Österreich kommen neue Alben: Sleaford Mods und Kreisky zeigen, wie Gesellschaftskritik musikalisch werden kann.

Der Brexit-Deal ist erst wenige Wochen in der Welt. Großbritannien brodelt. Und kaum eine Pop-Formation verdichtet den Zustand des zerrissenen Königreichs derzeit so pointiert wie die Sleaford Mods aus Nottingham. Zu den spröden Electro-Punk-Beats des Musikproduzenten Andrew Fearn bellt Rapper Jason Williamson seine bissigen Kommentare ins Mikro.

Die Wut der Arbeiterklasse legt sich in jede Silbe, die er im satten Dialekt der East Midlands ausspuckt. Und auf dem elften Album des Duos befeuern nicht nur politischer Verdruss, Korruption und Doppelmoral seinen rhythmisierten Monolog, sondern zudem die Ungleichheiten, die die Corona-Krise zutage fördert. Auf „Spare Ribs (Rough Trade) sprechsingt er von Lockdown-Stress und Quarantäne-Depression, um im nächsten Atemzug mit sehr expliziter Lyrik den Brexit zu verdammen.

„Spare Ribs“: Metapher für die Rolle der Menschen im Kapitalismus

Mit dem Albumtitel „Spare Ribs“ verweist Jason Williamson weniger auf das Grillgericht, sondern vielmehr darauf, dass die meisten Menschen als eine Art „Ersatz-Rippen“ fungieren für den kapitalistischen Körper. Akustisch fast schon entspannend ist der Song „Mork n Mindy“, in den die junge englische Sängerin Billy Nomates ihren rauen Soulgesang einbringt. Inhaltlich begibt sich diese Nummer allerdings in die 1980er-Jahre Englands, deren bleierne Schwere derzeit auch in der vierten Staffel der Serie „The Crown“ zu begutachten ist.

Mit Amyl Taylor von der austra­lischen Punkrockband Amyl And The Sniffers reichert eine weitere überaus coole Stimme den proll-poetischen Sleaford-Mods-Kosmos an. Eine Diversität und Dynamik, die diese tolle Platte noch spannungsgeladener macht.

Neues Album von österreichischer Indierock-Band Kreisky: „Atlantis“

Anderes Land. Anderer Tonfall. Allerdings nicht weniger grantig und dystopisch. Die österreichische Indierock-Band Kreisky erkundet auf ihrem sechsten Album „Atlantis“ (Wohnzimmer Records), wie sich der Mensch durch sein Leben laviert. Im Titelsong begibt sich Sänger Franz Adrian Wenzl zu retro-futuristischem Synthe­sizer-Sound auf die Suche nach den Spuren unserer Zivilisation, die stets auch
Biografisches erzählen. Eine Geldbörse am Gehsteig. Faulige Birnen. Pizza­kartons. Etwas Verlorenes und Verfallendes schwingt mit in dieser Auftaktnummer.

Bei Kreisky wird das versunkene Inselreich Atlantis zur Metapher für die eigenen Erinnerungen und Utopien, die geborgen und auf ihren Realitätsgehalt abgeklopft werden. Irgendwo zwischen der Beschissenheit der Dinge und der Liebe zur Freiheit. Welche Ideale haben die Jugend überlebt? „Wem gehört die Welt? / Den Mutigen / Den Blutigen / Denen, die nicht aufhören zu tanzen“, proklamiert Franz Adrian Wenzl in dem rockig groovenden „Lonely Planet“.

Songs driften ins Surreale ab

Musikalisch bewegt sich das Wiener Quartett gekonnt zwischen Pop-Eingängigkeit und krautrockender Nervosität. Inhaltlich driften die Songs oftmals ins Surreale, etwa wenn der winterliche Dreiklang „Abfahrt, Slalom, Super-G“ ins Nihilistische mündet: „Und draußen nichts als Schnee / Weich und weiß, weich und weiß“. Immer wieder kriechen Leere und Monotonie durch die Lieder von Kreisky, zum Beispiel in „Ein Fall fürs Jugendamt“.

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Doch im letzten Stück „Wenn einer sagt“ deutet sich ein Ausweg aus der Misere an: die Eigensinnigkeit. Zu getragener Orgelmusik heißt es da verheißungsvoll: „Wenn einer sagt / Was du da machst, ist der letzte Dreck / Sag: Es ist mein Dreck“. Womöglich ist es ziemlich schmutzig und ziemlich schön, dieses Atlantis.